Auf Platz 1: Werner Herzog: "Das Dämmern der Welt" (Hanser Verlag)   Die SWR-Bestenliste für den September ist da!

Renommierte Literaturkritiker*innen nennen monatlich – in freier Auswahl – vier Buch-Neuerscheinungen, denen sie möglichst viele Leser*innen wünschen, und geben ihnen Punkte (15, 10, 6, 3). Die Addition ergab folgendes Resultat:

1.Werner Herzog: Das Dämmern der Welt (Hanser Verlag)

Als die Amerikaner 1945 die philippinische Insel Lubang eroberten, war Hiroo Onoda dort stationiert. Er versteckte sich und konnte erst im Jahr 1974 davon überzeugt werden, dass der Zweite Weltkrieg tatsächlich beendet war. Herzog erzählt diese unglaubliche Geschichte in Fragmenten, aber zugleich auch als Spiegel einer ganzen Epoche.

2.Gert Loschütz: Besichtigung eines Unglücks (Schöffling & Co. Verlag)

Am 22. Dezember 1939 ereignete sich in der Kleinstadt Genthin, 100 Kilometer westlich von Berlin, das bis heute schwerste Zugunglück in Deutschland. Loschütz‘ Erzähler macht sich an die Rekonstruktion der Katastrophe. Das vermeintlich Unzusammenhängende wird elegant in Beziehung zueinander gesetzt. Regie führt der Zufall.

3.Georg Klein: Bruder aller Bilder (Rowohlt Verlag)

Georg Klein ist ein Spezialist, wenn es darum geht, Alltagsphänomene unmerklich surreal aufzuladen und die Grenze zum Unwahrscheinlichen zu verwischen. Im neuen Roman geht es um ein rätselhaftes Naturphänomen und um einen Sportreporter in der süddeutschen Provinz. Das Klein-Universum in voller Blüte.

4.Uljana Wolf: Etymologischer Gossip. Essays und Reden (Kookbooks Verlag)

Wolfs Texte sind eine Suche nach den Bewegungen der Wörter durch die Sprachen. In ihren gesammelten Essays und Vorträgen erkundet Wolf die ästhetischen Verzweigungen mehrsprachiger Lyrik. Sie sucht nach überraschenden Verbindungen im vermeintlichen Durcheinander der Stimmen.

5.Georges-Arthur Goldschmidt: Der versperrte Weg. Roman des Bruders (Wallstein Verlag)

Der 1928 geborene, hoch renommierte Übersetzer und Schriftsteller Georges-Arthur Goldschmidt rekonstruiert die Biografie seines vier Jahre älteren Bruders Erich. Auf gerade einmal rund 100 Seiten skizziert Goldschmidt ein Kontinuum von Widersprüchen. Das Porträt eines Menschen, der nie selbst über sein Leben bestimmen konnte.

6.Ferdinand Schmalz: Mein Lieblingstier heißt Winter (S. Fischer Verlag)

Sehnsüchtig wurde im Literaturbetrieb der Debütroman von Ferdinand Schmalz erwartet. Der Schauplatz des Romans ist Wien, und in bester Tradition verbindet Schmalz Morbides mit Komik. In der Hitze des Sommers sprachmäandert sich ein Tiefkühlexperte durch ein skurriles Ambiente, das uns schnell so vorkommt als sei es ganz normal.

7.Martina Hefter: In die Wälder gehen, Holz für ein Bett klauen Gedichte. (Kookbooks Verlag)

Martina Hefter bewegt sich im Grenzgebiet zwischen Lyrik und Essay. Ihre hybriden Texte greifen Probleme der Gegenwart auf und überführen sie in Geschichten. Ist ein asketisches Leben sinnvoll? Sind Fitness und Sportlichkeit Attribute mit emanzipatorischem Potential? Poetisches Sprechen, relevant aufgeladen.

8.Dinçer Güçyeter: Mein Prinz, ich bin das Ghetto Gedichte (Elif Verlag)

Das Ich, das in Güçyeters Gedichten das Wort führt, begibt sich auf die Spuren seiner Herkunft, seiner Prägung, die nicht nur eine ist und sich aus unterschiedlichen Quellen speist. In der Sprache, in der Zertrümmerung der alten Bedeutungen, in ihrer Neuschöpfung, in der Neuzusammensetzung liegt eine Chance.

9.Heinz Strunk: Es ist immer so schön mit dir (Rowohlt Verlag)

Aus allen Ecken dieses Romans schreit es „Midlife Crisis“. Ein Mann Mitte vierzig ist gelangweilt von seiner Beziehung. Und dann ist da plötzlich eine junge, schöne Frau. Strunks Konzentration auf die Innenansicht eines von Reflexen und triebgesteuerten Mannes in der Krise ist konsequent. Hier lugt Houellebecq ums Eck.

10.Annie Ernaux: Das Ereignis Übersetzt aus dem Französischen von Sonja Finck (Suhrkamp Verlag)

Im Oktober 1963 bemerkt die zu diesem Zeitpunkt 23 Jahre alte Annie, dass sie schwanger ist. Sie, die es aus unterprivilegierten Verhältnissen heraus an die Universität geschafft hat, sieht sich plötzlich um ihre Zukunft gebracht. Die Versehrungen und Demütigungen, die mit dem Ereignis einhergehen, wirken bis heute nach.

Ali Smith: Sommer  Übersetzt aus dem Englischen von Silvia Morawetz,
(Luchterhand Literaturverlag)

Der Abschluss der Jahreszeiten-Tetralogie: Die unruhige britische Gegenwart dient der Schottin Smith ebenso als Antriebsmotor wie die Literaturgeschichte. Der Sommer wirkt in Smiths Roman weniger wie eine Jahreszeit als ein heller, flüchtiger Sehnsuchtsort, in dem Freundlichkeit und Menschlichkeit herrschen.

Die Jury Gerrit Bartels (Berlin) │Helmut Böttiger (Berlin) │ Michael Braun (Heidelberg) │ Mara Delius (Berlin) | Gregor Dotzauer (Berlin) │ Martin Ebel (Zürich) │ Eberhard Falcke (München) │ Cornelia Geißler (Berlin) │ Sandra Kegel (Frankfurt) │ Dirk Knipphals (Berlin) │Sigrid Löffler (Berlin) │ Ijoma Mangold (Berlin) │ Klaus Nüchtern (Wien) │ Jutta Person (Berlin) │ Wiebke Porombka (Berlin) │ Iris Radisch (Hamburg) │ Ulrich Rüdenauer (Bad Mergentheim) │ Denis Scheck (Köln) │ Marie Schmidt (München) │ Christoph Schröder (Frankfurt) │ Julia Schröder (Stuttgart) │ Gustav Seibt (Berlin) │ Hubert Spiegel (Frankfurt) │ Nicola Steiner (Zürich) │ Daniela Strigl (Wien) │ Beate Tröger (Frankfurt) | Kirsten Voigt (Baden-Baden) │ Jan Wiele (Frankfurt) │ Insa Wilke (Berlin) │ Hubert Winkels (Köln)

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