Veranstaltungen Frankfurt: 16. Langer Tag der Bücher

Gestern fand in Frankfurt im Haus am Dom die 16. Auflage des Langen Tages der Bücher statt. In der Gemeinschaftsveranstaltung bestritten acht Frankfurter Verlage acht Stunden Literatur in Kooperation mit dem Haus am Dom und den literarischen Institutionen der Stadt.

Gefördert wurde der Lange Tag der Bücher von der Stadt Frankfurt am Main, dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels, der Naspa und dem Museum Sinclair-Haus.

Organisator Florian Koch eröffnete den Blick auf die neuesten Verlagsproduktionen, um 11 Uhr begrüßte er die zahlreichen Zuhörer: „Neu in der Runde ist der Größenwahn-Verlag, er nimmt den Platz des Stroemfeld-Verlags ein, der leider im vergangenen Jahr Insolvenz anmelden musste.“ Außerdem wies Koch auf den elften Bouqinistenmarkt im Haus hin, fünf Antiquariate hatten ihre Tische im Foyer und im Treppenhaus aufgestellt.

Der langjährige Organisator ging auch kurz auf die Branche ein und sprach die Fusion zwischen Thalia und Mayerscher Buchhandlung sowie die Insolvenz von KNV an. „Eine schwierige Situation für alle Verlagskunden. Aber es besteht Hoffnung, KNV in irgendeiner Form zu retten.“

Die erste Runde gehörte den Henrich Editionen. Verlegerin Christina Henrich-Kalveram, Autorin Ingrid Fuchs und Schulleiterin Petra König unterhielten sich über das Buch Wir haben keinerlei Kompromisse geschlossen, das die Anna-Schmidt-Schule in der NS-Zeit beleuchtet. Zwischen 1928 und 1945 leitete Käthe Heisterbergk die 1886 von Anna Schmidt gegründete private Mädchenschule. „Die Journalistin Marlies Flesch-Thebesius hatte bereits Material über Käthe Heisterbergk gesammelt und mir übergeben. Die Aktenlage war schwierig, aber in Gesprächen mit ehemaligen Schülerinnen konnte ich einiges erfahren“, erklärte Ingrid Fuchs. 1928 hatte die Schule 162 Schülerinnen, aber: „Die Mädchen aus angesehenen Familien, darunter die Tochter von Alfons Paquet und Silvia Tennenbaum, blieben unter sich.“ Ab 1929 wurde ein Lyzeum eingerichtet, 1935 legten die ersten Absolventinnen ihr Abitur ab.

Käthe Heisterbergk war eine weltoffene, starke Frau und eine Autorität. Da sie Zuschüsse vom Staat stets abgelehnt hatte, entging sie 1938 dem Verbot aller Privatschulen. Sie schaffte es, ihre jüdischen Schülerinnen zu schützen und ignorierte einige entsprechende Erlasse.

Mit einer Buchpremiere knüpfte der Größenwahn-Verlag beim Namen Schmidt an. Zwar blieb man in der gleichen dunklen Zeit, im Mittelpunkt allerdings stand ein Mann: Joseph Schmidt. Unter dem Titel Ein Lied in allen Dingen brachte der Verlag gerade den ersten Roman über den großen, aber nur 1,54 Meter messenden Sänger mit jüdischen Wurzeln heraus. Hans Sarkowicz unterhielt sich mit dem Autor Stefan Sprang über dessen zweites Buch. Vorab jedoch wurde es technisch anspruchsvoll: Verleger Sewastos Sampsounis rief über sein Smartphone YouTube auf, über das Saalmikrofon erklang dann „Heut’ ist der schönste Tag in meinem Leben“ im Raum. „Wenn es mal nicht mehr mit dem Verlegen klappt, könnte Sewastos Sampsounis ja als DJ auftreten, wie er soeben bewiesen hat“, scherzte Sarkowicz über die geglückte musikalische Introversion.

Stefan Sprang stieß 1992 in Neukölln auf Joseph Schmidt; in der künftigen Studentenwohnung fand er ein Doppelalbum des Sängers. „Das hat mich sofort gepackt“, bekannte Sprang. Damals war die Recherche schwierig; Smartphones gab es noch nicht, YouTube kam erst 2005. „Aber eine Biografie von Alfred Fassbind war gerade im Schweizer Verlagshaus Zürich veröffentlicht worden, die erwarb ich und stellte später fest, dass sie Lücken hat“, bemerkte Sprang. Deshalb also der Roman? „Ja, ich wollte die emotionalen Seiten hinter den Fakten aufdecken“, erklärte der Autor. Den Spielfilm Ein Lied geht um die Welt (1958) sah Sprang ebenfalls: „Er ist ein bisschen zu verkitscht und auch verfälscht.“

Schmidts Leben endete tragisch. Er floh 1933 aus Deutschland nach Wien und 1942 in die Schweiz. Dort erhielt er allerdings keine Auftrittserlaubnis – die kam erst zwei Tage nach seinem Tod. Der 1904 Geborene wurde nur 38 Jahr alt. Der Tenor war ein Star seiner Zeit.

Mit ganz anderen Schicksalen beschäftigt sich Raquel Erdtmann. Ihre Gerichtsreportagen wurden unter dem Titel Ich würde es wieder tun bei S. Fischer veröffentlicht. Mit Erdtmann unterhielt sich die Verlagsjustitiarin Katharina Winter.

Wie wird man vom geschätzten Bankanalysten zum Crackkäufer? Wie verkraftet man einen selbst verursachten Absturz in Arbeits- und Obdachlosigkeit? „Er brauchte sechs Liter Bier und dazu Wodka. Das war die Mindestmenge, um sich abzuschalten“, schilderte Erdmann nach Aussagen des Beschuldigten. Hatte er seinen Vater ermordet? Der 43-Jährige kann sich nicht erinnern. „Die Herzlosigkeit sich selbst gegenüber ist atemberaubend“, schrieb die Gerichtsreporterin. „Es gibt Dinge außerhalb der eigenen Vorstellungskraft, das muss man erst mal sacken lassen“, bemerkte Winter.

Erdmann wurde gefragt, wie sie vorgehe und wie sie zu diesem Job gekommen sei. Erstmals mit einem Prozess kam sie bei der Entscheidung über den Mörder Magnus Gäfgen – er forderte Schmerzensgeld – in Berührung. „Da wusste ich, Gerichtsreportagen könnten etwas für mich sein“, sagte die Autorin. Über Gäfgen allerdings hat sie nie geschrieben, dafür über andere menschliche Abgründe und Fehltritte. Sie berichtet nur, wenn sie an allen Verhandlungstagen dabei war, schildert, beobachtet, urteilt nicht, spricht selten mit Beteiligten.

Die dritte Stunde bestritten die Übersetzerin Anastasia Kamarauli und der Veranstaltungsorganisator Lothar Ruske. Im Fokus stand Der scharlachrote Wolf des georgischen Filmemachers und Autors Goderdsi Tschocheli, Kamarauli hatte das Buch übertragen, es erschien in der Frankfurter Verlagsanstalt.

Bereits mit 16 Jahren – da lebte sie schon neun Jahre in Deutschland – begann die in Tbilissi geborene Kamarauli mit dem Übersetzen aus dem Georgischen. Seit 2009 gibt es den georgischen Literatursalon Euterpe in Frankfurt, der auch Bücher herausgibt. Kamarauli gehört mit zum Team von Übersetzern, Lektoren und Redakteuren. Neben Georgisch und Deutsch spricht sie Russisch, Englisch und Spanisch.

Bereits in den 1980er Jahren erschien das nun übersetzte Buch unter dem Titel Der Wolf in Georgien. „Man wollte durch die farbliche Beschreibung keine Assoziationen wecken, deshalb wurde das Adjektiv weggelassen“, schätzte Kamarauli ein. Goderdsi Tschocheli war damals schon ein bekannter und mehrfach ausgezeichneter Filmemacher. Er stammte aus einem Bergdorf, fühlte sich – wie seine Helden – in der Stadt unwohl. „Die Geschichte erinnert stark an eine Fabel“, meinte Lothar Ruske. Die Beschreibung des sterbenden Vaters, der sich in Blumen verwandelt und vom Winde verweht wird, ist sehr poetisch. Wie übersetzt man so etwas? „Es war eine einsame Arbeit, Tschocheli starb bereits 2007, ich konnte ihn nicht mehr fragen“, antwortete Kamarauli. Die Geschichte spielt in einer abgelegenen Bergregion, wo sich heidnische und christliche Bräuche vermischen. „Das Buch ist wie ein Drehbuch, der Text ist stark visuell ausgerichtet“, erklärte die Übersetzerin, die auch lektorierend arbeitete. Zusätzlich wurde noch ein Verlagslektor beauftragt. „Es war eine angenehme Kooperation“, bemerkte Anastasia Kamarauli.

Zur fünften Sunde begrüßte Verleger Axel Dielmann die Autorin Astrid Ruppert und stellte mit ihr den Erzählband Die Bestimmung der Eisscholle vor. Die Drehbuchautorin und Schriftstellerin – zwei ihrer Bücher wurden bereits verfilmt – nimmt ihre Leser in den acht Erzählungen mit zum Nordpol.

Was macht eigentlich der Verlag der Autoren? Um Deutschlands größten unabhängigen Bühnen- und Medienverlag, den es seit 50 Jahren gibt, drehte sich die sechste Runde.

Weissbooks.w publizierte Die Rote Hand, Michael Hohmann von der Romanfabrik stellte den spannenden Roman, dem eine tatsächliches Verbrechen zugrunde liegt, mit dem Autor Jürgen Heimbach vor.

Zum Schluss des Langen Tages der Bücher wurde es noch einmal musikalisch: Autor Oliver Zils präsentierte mit Philipp Engel Wollt ihr Musik, oder was? Die ganze Geschichte der Rodgau Monotones, erschienen im Societäts-Verlag.

JF

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