Gerhard Beckmanns Meinung – Ein merkwürdiger „Triumph für die Literatur“

Wir dürfen froh sein, dass es in Deutschland Schriftsteller wie Maxim Biller gibt- wir haben viel zu viele Leisetreter, ein solch streitbarer Autor tut uns richtig gut. Zudem brauchen wir nicht nur Dichter und Denker – an eben solchen herrscht hier zu Lande wahrlich kein Mangel – sondern auch „Realisten“. Aber, und da liegt ein Problem: Was ist Realismus?

Darum ging es in einer Auseinandersetzung, die ich Anfang der 1970er Jahre als leitender Lektor bei Longmans (heute Penguin) in London miterlebt habe. Ein damals ziemlich bekannter Romancier hatte ein Werk verfasst, und wir hatten es herausgebracht, das gewisse politische Verhältnisse mit herzerfrischend frecher Objektivität darstellte. Ein Parlamentarier klagte. Wir verloren den Prozess. Unser guter Autor hatten einen Charakter seines Romans allzu deutlich eben diesem Mitglied des britischen Unterhauses abkonterfeit. Weder uns noch der allgemeinen Öffentlichkeit war so etwas aufgefallen. Er selbst sah sich jedoch in dieser Romanfigur identifiziert, und Menschen seines lokalen Umfeldes erkannten ihn wider, an charakterlichen Details, Zitaten und Verhaltensweisen. Der Gute sah sich verunglimpft, in seinem Persönlichkeitsrecht verletzt – obwohl unser Autor ihm einen Geschlechtswechsel verpasst und geglaubt hatte: Das ist bombensicher. Welcher Kerl würde denn vor Gericht gehen, wenn er sich – o Schimpf.. o Schande ( so empfand man damals in England) – selber als Frauengestalt der zeitgenössischen Literatur bloßstellen müsste? Der MP zog dennoch, trotz der Gefahr, sich nun vor einer breiten Öffentlichkeit lächerlich zu machen und privat wie politisch eher zu schaden, vor den Kadi und bekam Recht. Ob der Roman gut oder schlecht war, spielte für die Justiz keine Rolle.

Mit der gestrigen Entscheidung des Münchner Oberlandesgerichts, das die Einstweilige Verfügung in erster Instanz den Roman „Esra“ aufhob – der, so die Klage, das Persönlichkeitsrecht einer ehemaligen Geliebten des Autors und seiner Mutter, verletzt – haben Maxim Biller und sein Verlag Kiepenheuer & Witsch Glück gehabt. Okay. (Die Sache ist damit übrigens noch keineswegs ausgestanden. Es kommt noch das Hauptverfahren.)

Wenn Uwe Wittstock diese Entscheidung in der heutigen Welt aber als „Triumph der Literatur“ feiert, muss man sich wundern.

Erstens waren die betreffenden – nun vorerst zu schwärzendenden – Passagen und (noch mehr) die betroffenen zwei Damen von null öffentlichem Interesse. Die Sache ist also noch sehr viel fragwürdiger als der oben erwähnte Fall. Leute von gewöhnlichem Menschenverstand könnten hier –einer solch schnöden Unterstellung wollen wir uns allerdings nicht anschließen – eine rein private Gemeinheit vermuten. Das wäre, so es denn zuträfe, schlimm genug, doch für sich genommen letztlich egal.

Wichtiger ist, zweitens, dass Uwe Wittstock, der ja nicht niemand ist, mit seiner Wertung der Sache einem fundamentalen Missverständnis das Wort redet. Literarischer Realismus bedeutet nämlich nicht, dass ein Romancier Menschen und Dinge in ihrem real erlebten und identifizieren Bezug schildert, sondern dass sie allgemein glaubwürdig“ realistisch“ sind. Ein Roman ist alles andere als eine journalistische Reportage, die nachrecherchierbar sein muss.

Drittens: Wenn ein Schriftsteller die literarische Kunst des Realismus so mangelhaft beherrscht, dass er – ohne Not, und ohne erkennbares öffentliches Interesse – real existierende Menschen in ihrem Persönlichkeitsrecht verletzt, setzt er sich der juristischen Untersuchung aus wie jeder andere Bürger, der seine Mitmenschen – wie immer – auf eine anfechtbare Weise zitiert oder beschreibt.

Das eigentlich Schlimme ist jedoch der vierte Punkt: Wenn Autoren und Kritiker solcher Romane ein über in solchen Fällen geltendes Persönlichkeitsrecht Gesetz der Kunst in Anspruch nehmen, schaden sie dem öffentlichen Ansehen für Literatur. Im hier vorliegenden Fall von einem „Triumph der Literatur“ zu sprechen, ist eine pure Selbstbeschädigung der Literatur durch ihre Zunft und Lobbyisten.

Gerhard Beckmann sagt hier regelmäßig seine Meinung … und freut sich über Antworten an GHA-Beckmann@t-online.de

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