Gerhard Beckmanns Meinung – Es gibt Herausforderungen, denen wir uns einfach stellen müssen

Die aktuelle Umfrage des Eulenhof-Instituts zu den Zukunftschancen für Verlage hat hoch interessante Ergebnisse gebracht.

Erstens: Dass 71 Prozent der Teilnehmer bis Ende dieses Jahres mit einem geschäftlichen Abschwung rechnen, bezeugt einen begrüßenswerten Realismus. Denn nur eine nüchterne Sicht der Dinge kann eine solide Basis für richtiges Verhalten sein.

Zweitens: Weniger optimistischer stimmt da schon, wenn fast ein Viertel der Verlage – immerhin 22 Prozent – aus der schwierigen momentanen Situation keinerlei Konsequenzen zu ziehen gedenken, sondern „die Entwicklung zunächst abwarten“ wollen. Dem knappen Drittel der Verlage (29 Prozent), die „Programm und Kosten reduzieren wollen, können wir gratulieren – die Überproduktion ist ja, wie hinlänglich bekannt, ein zentrales Problem unserer Branche. Sofern mit „Kosten“ allerdings bloß “Lektoratskosten“ gemeint sein sollten – es ist wirklich verdächtig, dass „Programm“ stets in einem Atemzug mit Kosten genannt wird -, ist zu warnen. In den meisten Verlagen leiden die Lektorate sowieso bereits unter einer fast schon terminalen Schwindsucht. Zu kostspielig ist vor allem der Vertrieb und in den großen Verlagen zusätzlich das Management.

Drittens: Fünfzig Prozent der Verlage, die an der Eulenhof-Befragung teilgenommen haben, wollen das „Marketing aktivieren“ – eine gute Nachricht. Es ist nämlich eine Grundweisheit krisenerfahrener Unternehmer,. dass es in schwierigen Zeiten vor allem darauf ankommt, sich an die Kunden zu wenden, Kunden zu gewinnen, Kunden zu überzeugen – kurzum: auf die Straße, zu ihnen zu gehen. In diesem Sinne scheint es ganz richtig, dass Special Interest-Verlagen, die sich an „private Interessen mit fachlichem Anspruch“ wenden, und Fachverlagen, die „berufliche Interessen“ bedienen, künftig die “größten Chancen am Markt“ eingeräumt werden – von 53 bzw. 48 Prozent der Teilnehmer. Warum? Weil sie ihre Kunden kennen und sich auf ihre Kunden ausrichten. Ist denn bei vielen Publikumsverlagen überhaupt noch eine klare inhaltliche oder kundenmäßige Orientierung sichtbar? Um einen Aphorismus des berühmten Moralisten La Rochefoucauld abzuwandeln: „Mit dem Kunden ist es wie mit der Erscheinung von Geistern. Alle Welt spricht davon, doch nur wenige habe ihn gesehen.“

Viertens: Aus dem gleichen Grund hat auf der vertreibenden Seite der Internet-Handel zugenommen – so sehr, dass 58 Prozent der befragten Verlage inzwischen ihn als für sie künftig „wichtigsten Absatzkanal“ nennen – Amazon betreibt eben einen unvergleichlich guten Dienst am Kunden. Dass mittlerweile auch 37 Prozent der Verlage stark auf Direktvertrieb setzen wollen, müsste Ihnen, liebe Kolleginnen und Kollegen im Sortiment, gleichfalls sehr zu denken geben.

Auf einen ersten Blick scheinen nackte statistische Zahlen nicht sehr viel zu bedeuten. Schaut man sie ein bisschen genauer an, können sie, wie hier, ein Signal sein, das herausposaunt, was man eigentlich längst hätte wissen können, doch lieber unter der Decke hält. Da spielen ganz unüberhörbar Dinge nach oben, die – genau überlegt – für jeden von uns eine Herausforderung sind, der wir uns einfach stellen müssen, oder sie wischen uns irgendwann einfach beiseite…

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