Gerhard Beckmanns Meinung – Suhrkamp wird verlegerisch zum Problemfall

„Suhrkamp macht mir langsam Sorge“, sagte heute morgen Peter Jakobeit von der Buchhandlung pan41 in Reninngen. Das lässt insofern aufhorchen, als Peter Jakobeit ein unabhängiger Buchhändler von der Art ist, die traditionell eher auf Suhrkamp steht. Im übrigen ist er Vorsitzender des Sortimenterausschusses in Baden-Württemberg und einer der hellsten, konstruktivsten Köpfe seines Standes (wie mir Freunde versichern, die sich unter Buchhändlern wirklich bestens auskennen). Was hat Peter Jakobeits Bedenken veranlasst? Da hatte es zum Jubiläum der edition Suhrkamp medial ein Riesenbohei gegeben – doch keine Buchhandlung in seinem Dunstkreis hatte daraufhin auch nur ein einziges Exemplar mehr verkauft. Die einst so anregende, wichtige Publikationsreihe erregt offenbar keine Neugier mehr: Ein Verlag muss mit jeder Generation erneuert werden, wie es eine alte Weisheit wissen will. Ist die edition suhrkamp mit ihrer ersten Lesegeneration gestorben?

Bei unserem Telefonat hatte Peter Jakobeit die „Neue Zürcher Zeitung“ von heute noch nicht gelesen. Darin schreibt Joachim Güntner – neben Hannes Hintermeier (FAZ) der bestinformierte, weil gründlich recherchierende deutsche Buchjournalist – über einen neuen Suhrkamp-Skandal. Der Verlag hatte die deutschen Rechte an Arno Münsters Ernst-Bloch-Biographie erworben – sie war vor zwei Jahren in Frankreich erschienen. Nun wird sie in Deutschland doch nicht erscheinen – obwohl die Rezensionsexemplare der Übersetzung schon verschickt waren und die ersten vier Besprechungen bereits erschienen sind. (Darunter kein Verriss, wie Joachim Güntner berichtet.) Warum? Anscheinend nur deshalb, weil das Buch einem Sohn von Ernst Bloch und dem Ernst Bloch-Archiv die Deutung des berühmten Philosophen („Prinzip Hoffnung“) nicht passte.

Was hat das zu bedeuten? Die Suhrkamp-Lektoren fanden das Buch zumindest so akzeptabel, dass sie zu seiner Publikation drängten. Sie haben die Verlagsleitung überzeugt, die sich ihrem Urteil anschloss . (Man soll bitte nicht glauben, dass bei einem so hierarchischen Verlag wie Suhrkamp ein Lektor für sich allein entscheiden könnte, was ins Programm kommen darf). Und nun wird die Sache abgeblasen – weil irgendwer Ulla Berkewicz, Siegfried Unselds Witwe und den Altherrenverein um Jürgen Habermas eingeredet hat, dass die Biographie dem Ansehen einer verblichenen Suhrkamp-Größe nicht angemessen sei. Da haben wir das Problem. Um André Schiffrin zu zitieren, der mit dem Begriff eigentlich die Konzerne meinte – einen „Verlag ohne Verleger“, einen Verlag, in dem graue Eminenzen das Sagen haben. Einen Seniorenverein mit einer jungen schönen Witwe an der Spitze, die das Geschäft noch lernen muss und eigentlich auch nicht die Verlegerin ist. Warum lässt sie die Verleger und die Lektoren dann nicht ihre Arbeit machen? Etwas Neues. Nicht nur die Bestätigung eines musealen Niveaus. Leben.

Gerhard Beckmann sagt hier regelmäßig seine Meinung … und freut sich über Antworten an GHA-Beckmann@t-online.de

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