Gerhard Beckmanns Meinung – Warum keiner gegen den Mund gegen Weltbild aufmacht, obwohl der Augsburger Versender den Boden der Preisbindung abgräbt

Gestern rief ein alter Verlegerfreund an, dessen unabhängige Meinung ich überaus schätze. Er hat die Entwicklung der deutschen Buchbranche seit Anfang der 1970er Jahre von Grund auf am eigenen Leib miterlebt. Er kennt sie so genau wie sonst niemand. Und er hat überhaupt keinen Grund, Bertelsmann oder Random House in Schutz zu nehmen – noch dazu in einem rein privaten Gespräch; weshalb ich seinen Namen auch nicht nenne. Er fühlte sich durch meinen Beitrag im neuen Buchmarkt-Heft über die Auseinandersetzung von Random House, und mehr noch meine anschließende Meinungskolumne [mehr…] an dieser Stelle provoziert und hat mir gründlich den Kopf gewaschen, obwohl er etliche meiner Vorwürfe am Verhalten des Konzerns gegenüber dem Kartellamt teilt. Doch den Grundtenor meiner Kritik hält er für total überzogen. Die Vielfalt der deutschen Buchproduktion sieht er keineswegs von verlegerischer Seite bedroht – nicht einmal im Falle einer Übernahme der Ullstein Heyne List-Gruppe durch Random House, deren Größe – so sie denn zustande kommen sollte – seiner Meinung nach ohnehin rasch zusammenschmelzen würde. (Diese Auffassung äußert hinter vorgehaltener Hand mittlerweile übrigens so mancher.) Auf die zur Zeit gängige Verteufelung des Konzerns als Inkarnation böser Medienmacht gibt er ebenso wenig.

Was die Vielfalt des Buches bedroht, meint mein Freund, ist nicht die Verlagskonzentration, die sich – jedes Mal wüst beschrieen, und doch jedes Mal ohne gravierende Folgen – ab den 1970er Jahren vollzieht. Was den Unterschied macht, ist die radikale Veränderung im Buchhandel seit Anfang bis Mitte der 1990er Jahre, mit immer rabiater steigenden Tendenz zu nur noch gängigen Titeln und zu erpresserischen, ruinösen Rabattforderungen.

Warum aber herrscht zu diesem Thema Schweigen im Walde? Weil die meisten Verlage, auch die feinen literarischen Häuser, sofern sie kein reines Nischendasein mehr führen, gegenüber der Marktmacht der Großfilialisten kuschen: Sie wollen ihren Umsatz nicht gefährden. Wenn’s stimmt, wäre es ja längst so: Die 80 Prozent der Bücher, welche noch vor zehn oder fünfzehn Jahren mit einem engagierten freien Sortiment umgesetzt wurden, sind auf etwa 30 Prozent zusammengeschmolzen.

Weshalb regt sich heute alle Welt über jeden kleinen Fehltritt des Bertelsmann-Buchclubs auf? Weil er bedeutungslos geworden, weil mit dem kein großes Geld mehr zu machen ist. Da kann man getrost schimpfen, und einen Sündenbock braucht man ja nun mal.

Warum erhebt niemand laut und vernehmlich die Stimme gegen die – sind es wirklich schon – 242 Billigläden von Weltbild Plus, im Vergleich zu dem Lidl ein Warenvollsortiment anzubieten scheint? Warum halten alle Verlage still gegenüber Weltbild, dem gigantischen Versender, dem heimlichen Totengräber der Preisbindungsfundamente, der die Bevölkerung darauf einstimmt, dass alle Bücher billig sein können? Weil Weltbild ein Großabnehmer ist, mit dem sich niemand mehr anzulegen traut. Und wieso kann Weltbild Bücher so billig anbieten? Weil Weltbild Höchstrabatte fordert, von welchen der gewöhnliche Buchhandel nie etwas erfährt und nicht einmal zu träumen wagen würde.

Am Ende des Telefonats war ich geneigt, mich der Meinung meines Freundes anzuschließen.

Gerhard Beckmann sagt hier regelmäßig seine Meinung … und freut sich über Antworten an GHA-Beckmann@t-online.de

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