Gerhard Beckmanns Meinung – Wir sind eine Wissensgesellschaft? Hören Sie mal folgende Geschichte…

Vom seit Monaten in Großbritannien erfolgreichsten Buch – ausgenommen, natürlich, der neueste Harry Potter-Roman – werden wöchentlich 30.000 Exemplare verkauft. Das ist die dreifache Menge des nächstfolgenden Hits. Es handelt sich um die Taschenbuchausgabe eines Ratgebers, der 2001 in revidierte Neuauflage erschien:Dr. Atkin’s New Diet Revolution.

Gewiss, ein Dauerbrenner. Die angelsächsische Diät-Bibel, die sich, zusammen mit ihrem Vorgänger Dr. Atkin’s Diet Revolution in England über rund dreißig Jahre bereits 15 Millionen Mal verkaufte. Aber warum jetzt plötzlich in solchen Mengen?

Die Erklärung für den neuerlichen Massen-Run ist ein Phänomen unseres Medienzeitalters. Robert Uhlig hat sie im Londoner Guardian geliefert.

Es sind Hollywood-Stars wie Brad Pitt, Minnie Driver, Catherine Zeta Jones und Renée Zellweger (alias Bridget Jones), die den heiß ersehnten Schnell-Abbau ihres Übergewichts auf eine Befolgung der Diät des guten Dr. Atkins zurückführten. Lauthals, in den Medien natürlich. Etwas Werbewirksameres kann man sich kaum vorstellen.

Und wie kam es zu solch medialen Megaphon-Effekten? Nun, Dr. Robert Atkins ist im April dieses Jahres gestorben, 77jährige, nach einem Sturz auf vereistem Bürgersteig – ein großes Medienereignis, alle Welt sprach plötzlich wieder von ihm. Das wiederum versuchten die jungen Hollywood-Stars für sich auszuschlachten, indem sie auf der Sentimentalitätswoge über das Dahinscheiden des von den Massen verehrten Diät-„Vaters“ ritten. So läuft das Medienkarussell der Celebrities. Der britische Buchhandel jubelt. Er profitiert davon.

Hintergrund: Übergewicht und Fettleibigkeit sind zu Volkskrankheiten geworden. Jeder hofft auf eine Wunderkur.

Was nachdenklich stimmt: Ernährungswissenschaftler und Mediziner sprechen dem Diät-Regime des Dr. Atkins – er empfiehlt eine hoch fetthaltige, an Kohlehydraten arme Kost – jegliche Langzeitwirkung ab und warnen vor gefährlichen Nebenwirkungen. Robert Uhlig nennt sie im Guardian beim Namen. Falls sie auf dem Beipackzettel eines Medikaments erschienen, würden sie beim Leser wahre Angstzustände auslösen. Aber dergleichen „Botschaften“ und „Bekenntnisse“ von Zelebritäten werden in den Medien ja ohne Hinweis auf wahrscheinliche gesundheitsschädliche Folgen verbreitet. Und so glaubt denn das glaubenswillige Volk diesen fragwürdigen „Ratgebern“.

Gerhard Beckmann sagt hier regelmäßig seine Meinung … und freut sich über Antworten an GHA-Beckmann@t-online.de

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