Gerhard Beckmanns Meinung: Bertelsmann braucht Schutz vor sich selbst

So viele spontane Anrufe wie heute auf meine Reportage im neuen BuchMarkt – „Ein Konflikt, bei dem es um viel geht“ zum Thema Random House und Kartellamt wegen Ullstein Heyne List – habe ich noch nie bekommen. Sie veranlassen mich, eines sofort richtigzustellen: Ich bin überhaupt nicht gegen Bertelsmann. Ich meine nur, dass Random House, die Buchsparte, sich in dieser Sache auf so unbegreifliche Weise verrannt hat, dass man eigentlich versuchen muss, den Konzern vor sich selber zu schützen..

Lassen Sie mich vorweg – auch wenn so etwas unüblich ist –offen erklären, warum es mir, rein persönlich schwer fiele, gegen Bertelsmann zu sein. Ich komme nämlich väterlicher- wie mütterlicherseits aus Gütersloh. Meine Kusine Helga hat in den Hof eingeheiratet, dem meine Heimatstadt ihren mittelalterlichen Namen verdankt. Ein Onkel war der erste Werbeleiter beim Bertelsmann-Lesering. Ich habe Heinrich Mohn gekannt. Die ersten Autorenlesungen, die ich überhaupt besucht habe, fanden in der Eickhoffstrasse bei Gerd Mohn statt. Mein literarisches Engagement als Verleger von Steinhausen (1978 – 80) verlief nicht besonders glücklich, zugegeben. Doch als ich das zweitemal kündigte, hat Reinhard Mohn mich zu halten versucht, indem er mir 80 Prozent der Verlagsansteile an Steinhausen schenken wollte und mir aus seiner Privatschatulle jährlich eine halbe Million Mark – damals viel Geld – zur Sicherheit gegen Verluste zusagte. (Zum Schutz gegen die Controller; denn ein neuer literarischer Verlag bedarf ja einer längeren Anlaufszeit.) Solcher Großzügigkeit bin ich bei Eigentümer/Verlegern, denen heute alle nachtrauern, nie begegnet. Im übrigen habe ich unter den Bertelsmännern bis heute viele Freunde. Aus all diesen Gründen bin ich darüber entsetzt, wie Random House blinden Auges auf ein Desaster zusteuert. Vielleicht täusche ich mich da ja – ich kann es aber nach wochenlangem Nachdenken in ehrlicher Überzeugung nicht anders sehen.

Ich liebe die mittleren und kleinen unabhängigen Verlage, deren Tätigkeit mir absolut unverzichtbar erscheint. Ich liebe unsere Buchhandlungen – je literarischer sie sind, desto mehr. Ich glaube jedoch – und diese Überzeugung hat nun nicht das Geringste mit sentimentalen Gefühlen für ein altvertrautes Unternehmen meiner ursprünglichen Heimat zu tun – dass in unserer Zeit auch Konzernverlage und Großbuchhändler eminent wichtig sind , Denn ohne sie würde das Buch meines Erachtens im Wettstreit mit den Marketingmethoden für Konsumgütern und mit den überhand nehmenden modernen Medien aus sehr vielen Lebensbezirken und Stadtlandschaften verschwinden würde. Zum Schaden der Menschen, Und die Menschen brauchen nun mal nicht nur hochliterarische Titel.

Die Branche braucht also Random House und Bertelsmann. Aber Random House und Bertelsmann brauchen eben auch die Branche. Wenn Random House sich gegen den Rest der Branche und die mit ihr eng verbundenen Meinungsmacher stellt, geht Random House mit seinen Büchern baden – vielleicht schafft Random House dann noch, ein paar Hyperbestseller von Autoren wie Dieter Bohlen oder Nicholas Evans („Der Pferdeflüsterer“) ans Volk zu bringen. Doch die vielen anderen guten Titel – und die Random House-Verlage veröffentlichen auch zahlreiche gute, wichtige Bücher – werden kein Gehör finden. Umsatz und Rendite gehen futsch. Weil das Image, das Vertrauen futsch gehen wird. Ohne sie läuft in einem alten kulturellen Gewerbe wie dem unsrigen trotz der zum Teil schrecklichen neuen Entwicklungen auch heute nichts.

Was ich einfach nicht begreifen kann:
– Da legt der Konzern sich auf eine haarsträubend rüde Weise mit einer ordnungspolitischen Behörde an, in einem Ton, dass ich mich – wäre ich an der Stelle der Kartellbeamten – als inkompetenter Depp verschrien und beleidigt fühlen würde. Dergleichen dünkt mich – und andere auch – ein unternehmensstrategischer Schwachsinn. Denn Bertelsmann wird das Kartellamt ja womöglich bald wieder brauchen – und von einer wohlwollenden Prüfung mag dann einiges abhängen Dieser Aspekt könnte Zweifel am gesunden Menschenverstand der Konzernspitze wecken. Oder sollte es sich hier um einen mit Gütersloh unabgesprochenen Alleingang der obersten Random House-Manager, einer Teilsparte also, handeln? In dem Fall könnte man allerdings versucht sein, die Führungsorganisation des Konzerns in Frage zu stellen – und seine Zukunftsfähigkeit.

– Nun ist es ja üblich und richtig, dass ein Konzernvorstand sich auf den Sachverstand seiner Divisionsgeneräle verlässt. Und es wäre auch unfair, von den Güterslohern zu erwarten, dass sie sich im Dunstkreis der Buchbranche auskennen. Von der Random House-Spitze in New York und München aber muss man es erwarten dürfen; das gehört zu ihrem Job. Nun ist es jedoch so, dass Peter Olson und seine Statthalter das Kartellamt offenbar deshalb nicht überzeugen können, weil sie die übrige Buchbranche nicht überzeugen können, auf deren Einwände das Kartellamt nun mal hören muss. Und wenn sie nicht verstehen, dass das Kartellamt und die übrige Branche nicht versteht, so kann es nur daran liegen, dass die Random House Oberen die Branche nicht verstehen. Was zu der Frage führt, die mir ein Freund – kein Büchermensch, ein Unternehmer – stellte: Was für eine Kompetenz haben die Random House-Obern dann eigentlich für ihren Job?

– Die Vertreter der Buchbranche sorgen sich, dass Random House Deutschland durch die Übernahme fürs Taschenbuch marktbeherrschend wird und dann alle Wettbewerber an die Wand drückt. Random House tut so, als ob ihm nur das Wohl der gesamten Buchbranche am Herzen liege. Es verspricht gewissermaßen, lieb und artig zu sein. Durch sein Verhalten in der Kartellamtsfrage bestärkt es jedoch nur die Ängste der andern: Wenn Random House schon jetzt alle ihm nicht genehmen Branchenargumente nicht gelten lassen will und seine Argumente in eigener Sache, die nicht konsensfähig sind, mit juristischen Finessen vor Gericht durchzudrücken verspricht – wie wird Random House wohl erst auftreten, falls es der absolut Größte ist? Wenn der Größte mit dem Kopf durch die Wand geht, bricht den Kleinen das Haus über dem Kopf zusammen.

– Mal angenommen, Random House zieht vor Gericht und siegt vor Gericht und kriegt doch noch Ullstein Heyne List. Dann wird Random House, um all seine Verlagsmacht erfolgreich führen zu können, auf ein gar nicht so geringes Quäntchen Wohlwollen und Kooperation der andern angewiesen sein (siehe oben). Die kann es sich dann jedoch von vornherein abschminken.

– Den neuesten Meldungen zufolge scheint Random House nun dem Kartellamt gegenüber einlenken zu wollen. Aber die Drohgebärde mit dem Gericht bleibt. Und wenn Random House nun, wie es heißt auf Ullstein, List etc zu verzichten bereit wäre, um allein Heyne zu übernehmen zu können, bestätigt es bloß einen von Anfang an bestehenden Verdacht der Fusionsgegner. Der Verdacht lautet: Es ging Random House sowieso immer nur um Heyne, also darum, die Herrschaft auf dem Taschenbuchmarkt zu gewinnen – über den heute und künftig für Publikumsverlage letztlich alles entscheidenden Taschenbuchmarkt. Damit wäre das Misstrauen und die Gegnerschaft der restlichen Branche wieder nur bestärkt.

Was ist bloß in die Bertelsmänner gefahren? Sind sie von allen guten Geistern verlassen? Verstehen Sie jetzt, warum man eigentlich alles tun muss, um diesen Konzern vor sich selbst zu retten? Oder vor seinen Managern? Verstehen Sie, warum ich in meinem BuchMarkt-Beitrag im Grunde für und im Sinne von Bertelsmann plädiere? Für die Arbeit seiner Verleger, Lektoren, Vertriebsleute und alle andern Verlagsmitarbeiter. Zum Wohl und im Interesse der ganzen Branche.

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