Gerhard Beckmanns Meinung: Das laute Geschrei um einen Ausnahmefall

Ulla Ackermann, Ulla Ackermann – da fallen die Medien nun, weil ein autobiographisches Buch in Teilen von seiner Autorin getürkt worden ist, gleich über die ganze Verlagsbranche her: So etwas komme,. heißt es hier und da sinngemäss, jetzt immer häufiger vor, es sei ein Zeichen unserer Zeit, weil die Verlage im Run nach dem schnellen großen Geld, das sich mit abenteuerlichen Lebensberichten machen lässt, das früher übliche Handwerk zeitaufwendiger sorgfältiger Lektoratsarbeit immer weniger praktizierten…

Der Vorwurf ist gravierend. Er stellt nämlich mehr oder weniger generell die Glaubwürdigkeit heutiger Bücher in Frage. Er muss geklärt werden – grundsätzlich, und erst recht in einer Zeit der Kaufkrise. Was sollen, was können die Buchhändler dazu sagen, wenn ihnen der Vorwurf von Kunden entgegengehalten wird?

Die Medien, die solchen Vorwurf erheben, binden dem Publikum einen Bären auf. sind von der Rolle. Sie sind selbst unglaubwürdig.

Erstens – dass Industrielle, Politiker, Künstler, vor allem jedoch Abenteurer ihre Biographie mehr oder weniger spektakulär anreichern und schönen – kurzum: verfälschen – ist ein uraltes Phänomen. Es ist in allen Epochen vorgekommen. Es ist ein altbekanntes Phänomen der Literaturgeschichte.

Zweitens – auch wenn der Titel Todeszone des Ex-Soldaten Thomas Anders (bei Heyne) über geheime Kommando-Aktionen des westdeutschen BND in der ehemaligen DDR augenblicklich offenbar einen zweiten aktuellen Problemfall darstellt: Dergleichen bedauerliche Vorkommnisse sind selten. So etwas kommt in der Regel bloß alle paar Jahre einmal vor. Der letzte Skandal –wegen Benjamin Wilkomirskys erfundenen KZ-Erinnerungen – liegt schon eine ganze Weile zurück.

Drittens – angesichts der alljährlichen Fülle neuer Sachbücher steht so ein Titel wie Ulla Ackermanns Mitten in Afrika also im Verhältnis von 1 zu (mindestens) 5.000 – das entspricht (maximal) 0, 2 Promille.

FAZIT: Das ganze Geschrei betrifft einen absoluten Ausnahmefall.

Was den generellen Vorwurf einer mangelnden Sorgfalt in der Programmarbeit in den Verlagen betrifft. Die Werke von Ulla Ackermann (Hoffmann & Campe) und Benjamin Wilkomirski (Suhrkamp) sind gerade nicht in Groß- bzw. Konzernverlagen mit sogenannten Massentiteln erschienen. Hoffmann & Campe verfügt über ein anerkannt gutes Lektorat, der dort tätige Jens Petersen zählt zu den solidesten deutschen Sachbuchlekoren(mit mehr als zwanzigjähriger Erfahrung, die er u.a. bei Rowohlt gewonnen hat). Und Suhrkamp unterhält ein für heutige Verhältnisse geradezu gigantisches, hoch qualifiziertes und obendrein ganz und gar nicht auf „Kommerz“ abgerichtetes Lektorat. Dieser Tatbestand zeigt, wie schwer es gerade bei einem autobiographischen Manuskript ist, „das Problem“ zu erkennen.

Trotz alledem fünf Punkte zur Warnung:

Erstens – Es ist ungemein wichtig, dass Fälle wie Ackermann und Wilkomirski aufgedeckt werden. Denn die Lektorate sind gemeinhin aus Spargründen ausgedünnt und haben daher tendenziell zu wenig Zeit, Texte gründlich zu prüfen und zu lektorieren – zumal sie heutzutage in vielen Fällen Handlanger- und Hilfsdienste für die Marketing-, Vertriebs- und Werbeabteilungen leisten müssen, die sich für ihre besonderen Aufgaben selbst mehr mit den einzelnen Büchern befassen müssen und das auf die Lektorate abladen. Das kann so nicht weitergehen. Denn es erhöht die Wahrscheinlichkeit weiterer Fehlentscheidungen, die zur Aufnahme von inhaltlich fragwürdigen Manuskripten ins Programm führen.

Zweitens – „persönliche“ Bücher mit Sensationsgehalt sind momentan der große Schrei, weil „Authentizität“ auf dem Buchmarkt gefragt ist; darin besteht durchaus eine Gefahr, dass Verlage zu sehr den vielversprechenden möglichen Erfolg sehen, zumal die Medien heute oft die entscheidenden Bestseller-Macher sind.

Drittens – die Verlage sind heute noch in anderer Hinsicht einem erhöhten Risiko ausgesetzt. Die Medien – vor allem die Talkshows des Fernsehens – machen die Autoren solcher Titel zu Promis. Dies Phänomen könnte – in unseren Tagen, da es als geil gilt, „Promi“ zu sein („Celebrities“ bilden schließlich so etwas wie die Aristokratie des Medienzeitalters) – manchen dazu verführen, sich und dem eigenen Leben zum Zweck einer Publikation etwas anzudichten.

Viertens – die Lektorate orientieren sich bei ihrer Programmauswahl inzwischen vorwiegend am Manuskript-Angebot der literarischen Agenten. Dabei verlassen sie sich gern darauf, dass die so angebotenen Manuskripte seriös sind, zumindest wenn sie von seriösen literarischen Agenturen kommen (und Joachim Jessen von der seit langem bestehenden, seriösen Agentur Thomas Schlück ist ein seriöser Agent). Diese Agenturen haben schon den Spreu vom Weizen getrennt. Sie haben jedoch beim Prüfen autobiographischer Werke die gleichen Schwierigkeiten wie die Lektorate. Ein Verlag kann sich folglich nicht absolut darauf verlassen, dass die in der Agentur vorgenommene Prüfung eines Manuskripts immer absolut wasserdicht ist. Er sollte auch dem leisesten Zweifel gründlich nachgehen.

Fünftens – diese Möglichkeit wird in einem Punkt durch die literarischen Agenturen selbst erschwert. Es ist zweifellos so, dass sie, um die Bedeutung des Autors und seines Werkes zu unterstreichen – um überhaupt sicher zu stellen, dass die Sache vom Verlag ernstgenommen wird – Fristen setzen müssen. (Die Verlage neigen dazu, auch das ist an sich verständlich, sich für Entscheidungen Zeit zu lassen – so lange Zeit, dass ein Buch uninteressant werden kann.) Doch gerade für die kommerziell interessantesten ist die Frist – von wenigen Tagen bis zu drei Wochen – manchmal einfach zu kurz. Nur als Beispiel: Bei einem Werk wie Ulla Ackermanns „Mitten in Afrika“ wäre es ratsam gewesen, es von einem Afrikakenner oder am besten einem dort tätigen, ausgewiesenen Kriegsberichterstatter begutachten zu lassen. Allein so etwas kann einen ganzen Monat beanspruchen.

Gerhard Beckmann (Foto) wird hier regelmäßig seine Meinung sagen…. und freut sich über Antworten an GHA-Beckmann@t-online.de

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