Gerhard Beckmanns Meinung: Eine französische Elefantenhochzeit gibt zu denken

Im April hat die Wettbewerbskommission in Brüssel ihre Fragebogen an französische Verleger, Buchhändler und Literaturagenten verschickt – in einer Angelegenheit, gegenüber welcher die deutsche Kartellamtssache Random House und UHL wie ein Klacks scheint. Denn in Frankreich will der maßlos überschuldete Medienkonzern Vivendi Universal seine Buchverlage abstoßen. Für sie besteht starkes Interesse seitens angelsächsischer Investoren. Das aber ist der Regierung in Paris nicht genehm. Sie vertritt die Auffassung, dass französischer Kulturunternehmen in französischer Hand zu bleiben haben. Aus diesem Grund unterstützt sie die Übernahme der Vivendi-Verlage durch den Konzern Lagardére, dem bereits das größte französische Medienhaus Hachette gehört – obwohl Hachette mit solchem Coup im Buchbereich zehnmal größer würde als Gallimard, die Nummer Zwei. So blieb der übrigen Branche keine andere Wahl, als die Brüsseler Wettbewerbshüter um Hilfe anzurufen.

Jetzt hat sich die einflussreiche Zeitschrift Esprit der Sache angenommen, wie Jürg Altwegg ausführlich in der FAZ berichtet. Ihr Herausgeber befürchtet eine „genetische Veränderung“ der Buchbranche mit unkontrollierbaren Folgen. Sortimenter Christian Thorel sieht eine „Kulturkatastrophe“ heraufziehen, denn ohne Unabhängigkeit kann es keine Vielfalt, ohne Vielfalt keine Freiheit „und ohne Freiheit kann es keinen Buchhandel geben“.

Geschwiegen haben zu dem Problem bisher erstaunlicherweise Frankreichs Intellektuelle, die sich doch sonst über jede Wolke zwischen Himmel und Erde erregen. Für ihr Schweigen glaubt Jacques Bonnet allerdings eine höchst beunruhigende Erklärung zu haben. „Viele sind von Hachette abhängig oder könnten es eines Tages sein. Worin könnte ihr Interesse bestehen, den mit Abstand führenden Verlags- und Vertriebskonzern zu kritisieren, der auch der zweitwichtigste Buchhändler des Landes ist und die größte Pressegruppe besitzt?“ Oder teilen sie vielleicht die Haltung ihrer Regierung, dass die französische Literatur leidet, wenn die Verlage ausländisches Eigentum und ihre Manager von ausländischen Kapitalinteressen gesteuert würden? Oder ist es so, dass die Intellektuellen und Schriftsteller unter dem gleichen Mangel leiden, den Francoise Benhamou im Juniheft von Esprit den Verlagsleitern vorwirft – „die meist schlechten wirtschaftlichen Kenntnisse“? Das ist in Deutschland nicht anders.

Gerhard Beckmann sagt hier regelmäßig seine Meinung … und freut sich über Antworten an GHA-Beckmann@t-online.de

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