Gerhard Beckmanns Meinung – Frank Schirrmachers „Methusalem Komplott“ ist der Sachbuch-Bestseller Nummer Eins: ein Lehrbeispiel für die Branche

Der Erfolg von Frank Schirrmachers „Methusalem-Komplott“ hat uns eine Menge zu erzählen. Er gibt Anlass, auf ein paar Punkte hinzuweisen, die allen klar sein sollten, es jedoch oft nicht zu sein scheinen.

Erstens ist gefragt worden: Wie kann ein Buch mit einer Auflage von (angeblich) nur 15.000 Exemplaren auf Platz Eins der „Spiegel“-Bestsellerliste kommen? Zur Erinnerung: Die Bestsellerlisten reflektieren kein Gesamterfolgsergebnis, sondern nur die Meistverkaufstrends von Woche zu Woche. In Großbritannien sprang so fast zur gleichen Zeit wie Schirrmacher in Deutschland eine völlig unbekannte Ex-Lehrerin/Hausfrau mit ihrem Erstlingsroman vor John Grisham und Danielle Steele von Null auf den ersten Platz, weil von ihm in dieser einen Woche über 8.000 Exemplare abgesetzt worden sind. Bei Schirrmacher müssen es binnen der einen Woche wohl um die 10.000 Exemplare gewesen sein.

Zweitens: In Großbritannien waren es die Supermärkte, allen voran Tesco, wo der rasante Kaufanstoß einsetzte, nicht der traditionelle Buchhandel, der bloß knapp über tausend Stück verkaufte. Da Kate Longs Roman „The Bad Mother’s Handbook“ – abgesehen von einer guten Platzierung bei Tesco – ohne Werbung und grandiose Rezensionen ins Rennen ging, können folglich allein Titelgebung, Inhalt und Verpackung inklusive ihrer Betextung für den Erfolg ausschlaggebend gewesen sein – sie förderten den Kauf per Selbstbedienung. Für ein Sachbuch sind in dieser Hinsicht der Schutzumschlag mit den Texten auf Vorder- und Rückseite sowie den Innenklappen bei Frank Schirrmachers „Methusalem Komplott“ nahezu ideal gestaltet. Sie sind mit ihrer klaren, ansprechenden Art direkt auf den Kunden zugeschnitten.

Drittens: Das scheint um so wichtiger, als der Buchhandel offenbar nicht an einen großen Erfolg dieses Werks geglaubt hat und das Sortiment von sich aus ihm wohl auch kaum zum Durchbruch verholfen hätte, obwohl hier erstmals das gesellschaftliche und politische Thema Nummer Eins allgemeinverständlich dargestellt wird: Vor Erscheinen sind, wenn den Gerüchten zu glauben ist, lediglich an die 7.000 Exemplare vorbestellt worden. Das entspricht in etwa den Vorbestellungen vorigen Frühjahrs für Anton Zeilingers „Quantenphysik“ – ein „schwieriger“ C.H. Beck-Titel, der es, wiewohl den meisten Sortimentern bis heute unbekannt, am Ende immerhin auf eine Verkaufsauflage von rund 20.000 Exemplaren brachte, wozu insbesondere ein schönes Konzert positiver bis hymnischer Rezensionen in den Qualitätsfeuilltons beigetragen hat.

Viertens: „Das Methusalem Komplott“ dagegen exemplifiziert die üblichen Probleme der Durchsetzung eines seriösen populären Sachbuchs in Deutschland. Es ist zwar, im Unterschied zu den meisten andern, bei Erscheinen in den führenden Feuilletons prompt und sogar lang besprochen worden, aber – wie gewöhnlich – auf eine Weise, dass sie die Leser sicher eher nicht zu Kauf und Lektüre bewegen konnten. Denn die Kritiker mäkelten, sachbuchrezensionstypisch, an diesem und jenem, ihnen fehlte es im Buch am einen und andern. Sie beurteilten das Buch in der Regel nach dem Maßstab, wie sie sich ein Buch zu diesem Thema auf höchstem Kulturniveau ideal vorgestellt hätten, im Grunde nämlich als gut geschriebenes Fachbuch – oder wie sie es selber gern auf höchstem Niveau geschrieben hätten – statt es an der Bedeutung des Themas für das Publikum zu messen und sich zu fragen, ob und wie der Autor sein Ziel – eine breite Leserschaft zu erreichen um ihr die Augen zu öffnen – verwirklicht hat.

Fünftens haben die Feuilletons wieder einmal demonstriert – dass es diesmal ausgerechnet einen Kollegen, den für das Feuilleton der F.A.Z. verantwortlichen Herausgeber traf, ist eine feine Ironie -, dass dort eigentlich nicht für die Leser geschrieben wird und warum ihre Publikumswirksamkeit so negligibel geworden ist. Sie sind selber schuld, wenn der – von ihnen beklagte und verteufelte – Einfluss der Massenmedien auf das Leseverhalten in der Bevölkerung rapide zunimmt. Denn

Sechstens: Den Run auf Schirrmachers „Methusalem-Komplott“ löste, kurz nach einem Teilvorabdruck im“ Spiegel“, die „Bild“-Zeitung aus, gefolgt von der TV-Talkshow „Kerner“ und einem famos inszenierten Beitrag im ARD-„Kulturreport“.

Nun könnte das alles womöglich schnuppe sein, wenn die Sache, um die es geht, nicht so fundamental wichtig wäre: Die Menschen werden zunehmend älter, und es werden immer weniger Kinder geboren, und unter der Dynamik dieses in der Menschheitsgeschichte einmaligen demographischen Wandlungsprozesses gerät das Grundgefüge der Gesellschaft ins Wanken, die traditionellen politischen und sozialen Modelle greifen nicht mehr, und das Problem wird nicht wirklich erkannt, weil es zu einseitig unter dem Gesichtspunkt der Leistungsfähigkeit der Wirtschaft bzw. der Zahlungsfähigkeit der sozialen Sicherheitssysteme diskutiert wird. Selbst großartige klärende wissenschaftliche Werke haben nichts bewirkt – zuletzt Peter Schimanys „Die Alterung der Gesellschaft. Ursachen und Folgen des demographischen Umbruchs“ (Campus), das für Politiker auf allen Ebenen Pflichtlektüre sein sollte. Die Politik – siehe Harald Wilkoszewskis „Die verdrängte Generation“ (Tectum) – steckt hinter einer Wand von Schlagworten den Kopf in den Sand. In dieser Situation bringt jetzt Schirrmacher, auf der Höhe des internationalen Forschungsstandes, das Problem mit der zupackenden Art eines Volkspredigers an den Mann.

Er könnte bewirken, dass das „Alter“ nicht länger pauschal diskriminiert, sondern aktiv und produktiv genutzt wird, dass „die Alten“ nicht immer früher ausgegrenzt, sondern integriert werden – ohne das beides ist eine Modernisierung unserer Gesellschaft unmöglich. Schirrmacher könnte es deswegen bewirken, weil er in seinem Buch einen genialen Trick anwendet, der freilich eine Wahrheit ins rechte Licht rückt. Er stellt das Problem nämlich so dar: Es betrifft in seiner vollen Härte nicht, wie gemeinhin getan wird, die Menschen, die heute alt sind, sondern die 30-40jährigen, die nach dem gängigen Trend schon übermorgen als „alt“ abgeschoben werden. Sie ruft er, mit überzeugenden Gründen, zu einem Bewusstseinswandel auf, sich „dem Selbsthass, der Abwehr und Angst des alternden Menschen“ entgegenzustellen und in sich die Kraft für ein positives langes Leben zum Nutzen der Gesellschaft zu entdecken. „Das Methusalem-Komplott“ ist das bisher überzeugendste Plädoyer für den überfälligen Abschied von dem verheerenden Konsum, Kultur, Medien, Politik und Wirtschaft noch dominierenden Jugendwahn der heute mittleren Generation, die morgen „alt“ sein wird. Nur so kann es auch zu einer notwendigen Reform der Strukturen kommen.

Frank Schirrmacher hat für das Thema „Alter“ mit seinem Buch eine neue Zielgruppe von Lesern entdeckt.

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