Gerhard Beckmanns Meinung: Gert Jonke sagt die Wahrheit, aber nur die halbe

Der österreichische Schriftsteller Gert Jonke gewann den ersten Ingeborg Bachmann-Preis (1977). Zur Eröffnung der diesjährigen Klagenfurter Literaturtage hielt er eine Philippika gegen das Großfeuilleton, die in der Samstagsausgabe der Wiener Zeitung Der Standard nachzulesen ist. Gut, dass wir sie nun schwarz auf weiß haben. Denn sie drückt in aller Schärfe aus, was seit langem vielen Autoren angst macht.

Deshalb sollten Gert Jonkes Kernvorwürfe, meine ich, ernsthaft bedacht, geprüft und Thema einer breiten Kulturdebatte werden. Er sagt nämlich, und belegt es mit Beispielen,

erstens— „Es hat sich immer noch jede vom Literaturbetrieb ausgerufene Literaturkrise als eine Literaturbetriebskrise und nicht als Literaturkrise herausgestellt.“ Und warum ruft der Literaturbetrieb immer wieder neue Literaturkrisen aus? „Um Macht über die Literatur zu gewinnen und Vorschriften zu machen, was Literatur sei und wie ein Roman auszuschauen habe und ein Gedicht.“

zweitens— „Der Literaturbetrieb ist in seinen Bestrebungen, die Literatur zu behandeln, indem damit nicht der Literatur gedient ist, sondern damit das weitere Bestehen des Literaturbetriebs gesichert wird, kaum ein dem künstlerischen Leben nahestehendes Unterfangen, sondern verhält sich eher ähnlich rein wirtschaftlichen Bestrebungen unterliegenden obersten Managementetagen der großen internationalen Konzerne.“

Anderseits glaube ich allerdings, dass Gert Jonke, so treffend er eine Autorensicht reflektieren mag, völlig an der Selbstwahrnehmung unserer meinungsbildendes Feuilletons vorbeigeht. Das Feuilleton nämlich leidet, wenn ich es recht sehe, an seiner Ohnmacht angesichts der momentanen Krise in den Verlagen und im Buchhandel. Könnte da eine offene Diskussion zwischen Autoren, Feuilletonredakteuren, Literaturkritikern, Verlegern und Sortimentern helfen, in der jeder Partner endlich einmal über den eigenen Tellerrand blickt? Mit Blick auf die Bedürfnisse interessierter Leser?

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