Gerhard Beckmanns Meinung – Nichts gegen Thor Kunkel. Aber Rowohlt hat gezeigt, worauf es bei Verlagen ankommt: Haltung statt Niederknien vor Feuilletons

In der Mediendiskussion um die Nichtveröffentlichung von Thor Kunkels „Endstufe“ bei Rowohlt wurden unterschiedliche Positionen vertreten, pro oder contra Kunkels Roman, doch fast immer mit Vorwürfen gegen Rowohlt. Fast jeder Kritiker wusste genau, dass und wie Rowohlt es in entscheidenden Punkten hätte anders, richtig machen müssen. Da wurde ein Verlag vorgeführt. Es wurde über ihn gerichtet.

Und alle machten, sozusagen, Miene wie zum Jüngsten Tag. Auf die Reihe gezogen, wirkte das Ganze – „hätte er, hätte er nicht…“- allerdings eher wie’s Gänseblümchenspiel auf einer Kinderwiese. Genau daraus resultiert aber auch der häufige Leerlauf der deutschen Spitzen-Feuilletons: Sagt in einem Blatt einer was, muss anderswo wer dagegen halten. Mit freier Meinungsbildung und –vielfalt, die wirklich interessant, sinnvoll und wünschenswert wäre, weil man daraus lernen könnte, hat das wenig zu tun; viel mehr mit der Eigendynamik eines Spiels eben, eines geschlossenen Systemkreises, in dem die Partizipanten zwanghaft nur auf einander reagieren.

Da werden inzwischen Autoren und Künstler, Institutionen, Themen, Verleger – unabhängig von der sachlichen Bedeutung des Anlasses; solang sich nur ein Knaller draus machen lässt; worauf`s ankommt, ist, dass das Spiel läuft und die Spieler sich gegenseitig imponieren – auf der virtuellen Tischtennisplatte zwischen Frankfurt, München, Berlin und Hamburg über den Köpfen der Leser hin und her geschmettert. Der, ach, der von argen Trends der modernen Gesellschaft gefährdete deutsche Qualitätsjournalismus, den etliche seiner Kulturvertreter da so hoch halten – ein Kinderspiel!

Es ist ein für die Spielmacher selbst so mitreißendes, nervenzehrendes, temporeiches und voll befriedigendes Spiel, dass sie die Realitäten, aus denen ihr von hier und da Bälle zufliegen, aus den Augen verloren haben; dass sie gar keine Zeit, dass sie verlernt haben, sich ihrer zu vergewissern. Und darum ist dieses Spiel – abgesehen davon, dass die kritischen Meinungen im einzelnen konträr gehen, da man kann ja nicht alle beherzigen, aus wessen Pässen oder soll der Kritisierte da für sich eine Lehre ziehen? – realiter irrelevant, praktisch belanglos.

Nun leben wir jedoch im so genannten Medienzeitalter, und die Medien stellen uns ihre Kenntnisse und Vorstellungen von Realität als für unsere Wirklichkeit maßgeblich vor. Sie berichten, erzählen, kommentieren, klagen an, ermitteln, urteilen, zeigen, wo`s lang gehen könnte. Das ist, in einer Kombination dieser verschiedenen Aufgaben und Funktionsweisen, und wenn sie ihr Geschäft methodisch korrekt sowie uns und den Realitäten gegenüber verantwortungsvoll betreiben, auch absolut notwendig und richtig. Sie sind allerdings zu einer Macht geworden, mit einem Auftreten und Gebaren vieler ihrer Repräsentanten, als ob sich alles und jedes vor ihnen zu rechtfertigen und nach ihrer Pfeife zu tanzen hätte, wann und wie ihnen beliebt. Und wenn das deutsche Feuilleton sich zum Richter über Dinge und Zusammenhänge aufschwingt, für die es keine Kompetenz besitzt und über die es sich nicht einmal hinreichend zu informieren versucht, gibt es am Ende, statt sich – wie bei solchen Manövern stets automatisch versucht wird – in die Defensive drängen zu lassen, nur eines: Das Spiel im Zweifelsfalle nicht mitmachen. Es ist nämlich, siehe oben, zu oft nur ein sinnloses Spiel – um sinnlose Geltung und Macht.

Genau dieses – die Spieleingabe zu verweigern, das alberne Spiel zu stören – scheint mir ein Verlag, nämlich Rowohlt, endlich einmal konsequent praktiziert zu haben. Anfangs wohl aus einer alten, bewährten Verlegerhaltung – über dergleichen Angelegenheiten wie in der Causa Kunkel, letztlich auch aus Rücksicht auf den Schwächeren, den Autor nämlich, zu schweigen. Und dann, als die Feuilletons jede neue Eingabe des Autors zum öffentlichen Schaden des Verlages ausspielten, durch eine – in der Tat bisher beispiellos offene, harte – Erklärung zum Autor und seinem Manuskript (obendrein nicht gegenüber einem der im Pingpong-Turnier liegenden Feuilletons, sondern im „Spiegel“).

Natürlich gab es daraufhin von einem der table tennis-player wiederum ein eiskaltes Schmetterbällchen, das Rowohlt sozusagen eines Verfalls der guten Sitten bezichtigte. Doch hat, was er als Heraufbeschwören ganz neuer katastrophaler Verhältnisse zwischen Verlagen und Autoren prophezeite, laut letzter Tickermeldung zur Beendigung des unguten lauten öffentlichen Krawallschlagens geführt. Zu dem sich der Autor möglicherweise durch einen gewissen Kulturverfall in deutschen Feuilletonredaktionen hat hinreißen lassen?

Ich hatte, wie in der vorletzten Kolumne angekündigt, noch auf etliche konkrete Punkte dieser Geschichte eingehen wollen, fürchte jedoch, obwohl sie ein Thema sein könnten, dass so etwas inzwischen langweilen würde.

Wichtig scheint mir, dass – nach Rowohlt unter Alexander Fest – auch andere Verlage wieder zu einer Haltung finden, statt sich, auch was Autoren und Programmgestaltung angeht, vor allem im Literarischen gelegentlich zu sehr auf zeitgeistige und –weise Launen, Moden und Vorstellungen der Feuilletons einzulassen, die eben dazu neigen, ihre eigenen Spielchen zu spielen – und deshalb meist viel weniger Macht und Einfluss haben als sie selber und Klein-Fritzchen (der sie kaum mehr liest)meinen.

Gerhard Beckmann sagt hier regelmäßig seine Meinung … und freut sich über Antworten an GHA-Beckmann@t-online.de. Natürlich können Sie diese Kolumne auch im BuchMarkt-Forum diskutieren. Einfach oben auf der Seite den Button „Forum“ anklicken, einloggen und los geht‘s.

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