Gerhard Beckmanns Meinung – Riesentheater um die Vertragsauflösung eines Verlags mit Bestseller-Autorinnen in den USA

Jetzt hat Amerika einen Autor(inn)enskandal. Die ganze Buch- und Medienwelt reibt sich vor Schadenfreude die Hände – aber nicht auf Kosten des Verlags. Sie gilt Emma McLaughlin und Nicola Kraus, denen Random House einen Vertrag für den zweiten Roman gekündigt hat – mit einem Vorgehen, das, wie man allgemein hofft, einen Paradigmenwechsel im Umgang von Verlagen mit Schriftstellern einleitet. Damit wird’s auch für uns interessant und mehr als nur eine traurig-schöne Geschichte zum Wochenende.

Das Autorenduo Emma McLaughlin und Nicola Kraus ist auch in Deutschland bekannt. Der beiden Tagebücher einer Nanny – im Februar 2003 erschienen bei Goldmann, eine weitere Nachauflage steht bevor – haben auch bei uns Medien und Leser begeistert. Sie erzählen, so Der Spiegel „lustvoll und mit viel hintergründigem Humor von den Neurosen reicher New Yorker, von deren Lebenslügen, den Gehässigkeiten und dem Drang, andere Menschen auszubeuten und das eigene Kind rauszuputzen und zu dressieren wie einen Pudel“. Sie erzählten das auf der Grundlage der „eigenen Erfahrungen als Kindermädchen“. Amazon-Leser fanden die Gesellschaftssatire „dramatisch und fesselnd“, „traurig-komisch“, „bittersüß“, „bedrückend“, „beeindruckend“, „erschütternd“ und „genial“. In den USA ist das Debüt ein phänomenaler Bestseller gewesen.
Dazu also keine Fragen. Alles super.

Aber was ist anschließend schiefgelaufen?

Das Problem existiert schon seit längerem. Anders als (meist) bei Sachbüchern, ist es für Verlage prinzipiell hochriskant, auch für Belletristik Rechte einzukaufen, ohne dass vom Autor ein halbwegs fertiges Manuskript vorliegt, nur auf der Basis eines Exposés (das zudem an und ab nicht der Autor selbst, sondern ein gewiefter Agent verkaufs- und werbegerecht zu Papier bringt). Das wurde jedoch seit den 1990er Jahren zunehmend getan. Die Autoren und ihre Agenten wollten, insbesondere beim großen Erfolg eines Titels, ihren momentanen Kurswert nutzen. Verlage, die immer mehr auf Bestseller angewiesen zu sein glauben, wollten sich die Chance nicht entgehen lassen, einen Erfolgsautor an sich zu binden oder von der Konkurrenz abzuwerben – auch wenn es einen Haufen Geld kostet. Das kann ins Auge gehen. Es ist erstaunlich, dass es nicht öfter ins Auge geht (oder bekannt wird) – eine Tatsache, die in vielen Fällen nur dem Können und Geschick von Lektorinnen und Lektoren zu danken ist, die gar nicht selten aus fast unmöglichen Manuskripten einen publizierbaren Text zu gestalten wissen (wenngleich, ebenfalls gar nicht so selten, er aus Rücksicht auf die Leser besser nicht erscheinen würde).

Emma McLaughlin und Nicola Kraus bekamen also für ihren zweiten, noch ungeschriebenen Roman einen Vertrag – für, wie gemunkelt wird,. einen Vorschuss von 3 Millionen Dollar, und das bei einem 18seitigen Exposé, das, wie Sandra Nelson im New York Observer berichtet, „vorn und hinten nicht zusammenhing“.

Schließlich haben sie ein Manuskript abgeliefert. Es wurde – nach gründlicher Lektüre und Begutachtung von Hauslektoren und Externen – vom Verlag für unveröffentlichbar befunden.

Die drastischen Änderungen am Manuskript, die der Verlag auf Vorschlag der Gutachter für notwendig hielt, hielten die beiden Autorinnen für unzumutbar. Sie wiesen sie zurück.

Daraufhin wurde der Vertrag von Verlagsseite gekündigt. Allein das kommt, wie man weiß,
nur selten vor.

Doch jetzt der Hammer. Eins wird in amerikanischen Verlagskreisen als völliges Novum, als eine Wende bezeichnet: Random House fordert den bereits bezahlten Vorschuss von den Autorinnen und ihrer Agentin zurück.

Der Verlag hätte, so die generelle Auffassung, die Rechte eigentlich nie erwerben sollen – jedenfalls nicht zu einem solch hohen Preis. Es war unter der früheren Verlagsleitung geschehen. Die neuen Chefinnen und Chefs haben sich somit – wiederum ein rares Ereignis – von ihren Vorgänger(innen) distanziert und deren leichtfertige Praxis offen und öffentlich desavouiert. Zu allgemeinem Applaus.

Wie dieses?

Denn auch in den USA freuen sich Verlage in der Regel über Dummheiten und Missgeschicke der Konkurrenz; auch dort stehen die Medien eher auf Seiten der Autoren als der Verlage.

Emma McLaughlin und Nicola Kraus – junge Schriftstellerinnen – haben sich’s jedoch durch eine schier unglaubliche Arroganz nach Manier von Popstars und Starmodels nicht nur mit ihrem früheren Verlag (St. Martin’s Press), sondern auch mit Journalisten und Kritikern verdorben.

Der Erfolg, die ursprüngliche Geilheit der Medien auf sie, war ihnen anscheinend zu Kopfe gestiegen. Sie wurden – Details sind im New York Observer nachzulesen –, für alle zu aufwändig, kostspielig und unerträglich.

Zu Schadenfreude besteht allerdings kaum Anlass. Die Entwicklung der beiden Upstarts hat durchaus auch etwas Tragisches – an ihrer weltfremden, fast pathologisch anmutenden Überheblichkeit sind Medien und Verlage doch wohl nicht ganz unschuldig.

Eine gewisse Erleichterung in der Verlagswelt ist dennoch verständlich. Der deutliche Hang während der letzten zehn Jahre in etlichen großen Häusern, Lektorate und Verlagsleitungen unter massiven Umsatzdruck zu setzen; die Versuchung, der viele erlegen sind, professionelle handwerkliche Regeln und Qualitätskriterien der Programmarbeit aus Opportunitätsgründen von „Marketing“ durch den Schornstein zu jagen; das skrupellose spekulative Spiel mit Vorschüssen – die berühmte Scheckbuch-Verlegerei ; die grassierende Laxheit im Umgang mit Autoren – all das hat sich in einem spektakulären Fall als blöd und verantwortungslos herausgestellt – als ein völlig unprofessionelles Verhalten, das unvertretbar und unbezahlbar geworden ist.

Gerhard Beckmann sagt hier regelmäßig seine Meinung … und freut sich über Antworten an GHA-Beckmann@t-online.de. Natürlich können Sie diese Kolumne auch im BuchMarkt-Forum diskutieren. Einfach oben auf der Seite den Button „Forum“ anklicken, einloggen und los geht‘s.

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