Gerhard Beckmanns Meinung – Steigen große Supermarkt-Konzerne massiv ins traditionelle Buchgeschäft ein?

Die Supermarkt-Ketten entdecken, dass sie auch Bücher verkaufen und damit Geld verdienen können. Das gilt insbesondere für die USA und Großbritannien, wo sich neue Entwicklungen im Einzelhandel meistens am ersten zeigen. Dort haben andererseits die großen Verlagshäuser gemerkt, dass sie mit besonders gängigen Titeln über Supermärkte Mega-Verkaufsauflagen erzielen. In Großbritannien ist es, der Statistik zum vergangenen Jahr zufolge, inzwischen so weit, dass bei Taschenbüchern Platz Eins der Bestsellerlisten in der Regel nur mehr erreicht wird, wenn ihr Verkauf auch in den Supermärkten spitzenmäßig läuft.

In dem Zusammenhang sind nun die Pläne des führenden britischen Supermarktkonzerns Tesco (mit 27 Prozent Marktanteilen) – und weltweit nach Walmart und Carrefour, weit vor Metro, der drittgrößte – von hohem Interesse. Er hat, wie gestern zu genereller Überraschung bekannt wurde, blitzartig neue Aktien zum Gesamtwert von mehr als einer Milliarde Euro platziert. Mag sein, dass Tesco diese Kapitalaufstockung zur Akquisitionen nutzen will, um sich im angestammten Bereich weiter zu vergrößern. (Da gibt es aktuell Möglichkeiten: Der schottische Konkurrent William Morrison wird sich auf Weisung der britischen Kartellbehörde von 27 Supermärkten der von ihm jüngst erworbenen Safeway-Kette trennen.) Muss aber nicht (alles) sein.

Zur Erklärung: Tesco hat 2003 seine Umsätze mit DVDs um 40 Prozent und mit Musik-CDs um das Zehnfache des durchschnittlichen Branchenzugewinns gesteigert – auf Kosten insbesondere von W.H. Smith, der größten Buchhandelskette, die sich nun auf dem Sektor der digitalen Bild- und Tonträger weitgehend zurückziehen und wieder auf ihr Stammgeschäft konzentrieren will. Das würde Tesco gut passen. Ebenso wie eine Übernahme des refokussierten W.H. Smith – darüber wird deshalb unter Londoner Branchenanalysten bereits offen spekuliert.

Und die prekäre Situation von W.H. Smith selbst spricht, wenngleich der Buchbereich noch (bescheiden) wächst und profitabel ist, durchaus für einen Verkauf. Die Aktienkurse purzeln nach unten, die City ist über etliche Zuwiderwandlungen der Corporate Governance durch den Aufsichtsrat und Vorstand verärgert. Fast der gesamte Vorstand ist ausgewechselt worden. Die neue Chefin, Kate Swann, hat gleich zu Beginn des Jahres im mittleren Management einen (absolut überraschenden) Kahlschlag durchgeführt. Der zentrale Verwaltungsapparat soll drastisch verschlankt werden. Was, alles in allem, auf die Erwartung einer Übernahme hindeuten könnte. Die Überlegungen britischer Branchenkenner könnten sich erfüllen und W.H. Smith bei Tesco landen: Der (mit seinen Supermarktläden und seinem Internetshop) führende „Nebenmarkt“ für die englischen Publikumsverlage würde sich den größten „Hauptmarkt“ einverleiben – einen Markt, der (nicht nur drüben) als zukunftsträchtig gilt. Die Defizite in Marketing, Logistik und Betriebswirtschaft, die W.H. Smith zuletzt in die Krise führten, würde Tesco gewiss rasch beseitigen.

Gerhard Beckmann sagt hier regelmäßig seine Meinung … und freut sich über Antworten an GHA-Beckmann@t-online.de. Natürlich können Sie diese Kolumne auch im BuchMarkt-Forum diskutieren. Einfach oben auf der Seite den Button „Forum“ anklicken, einloggen und los geht‘s.

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