Gerhard Beckmanns Meinung – Wann werden Großverlage und Konzerne in Deutschland die ersten renommierten Imprints klein machen, fusionieren, still legen, verkaufen? In den USA und Großbritannien haben sie bereits damit angefangen

Während der letzten zehn Jahre sind, vergleichbar mit Entwicklungen in anderen Ländern, große deutsche Verlagsimperien zu prallen Trauben von Imprints geworden, deren Programmarbeit teils von eigenen Verlagsleitungen und Lektoraten geleistet wird, teils – das freilich in Abweichung von ihrer originalen Bedeutung bzw. der angelsächsischen und französischen Praxis – von für andere Programmbereiche zuständigen Lektorinnen und Lektoren mit – bzw. nebengesteuert wird. D.h. sie sind dann primär unter Marketing- und Vertriebsgesichtspunkten nur „Labels“, also hauptsächlich Portionierungswerkzeug und Verteilergeleise für Programm-Masse.

„Labels“ sind, fast ohne Ausnahme, im eigentlich verlegerischen Sinn funktions- und belanglos. Selten auch werden sie, zudem wegen ihres meist geringen Titelvolumens, zu „Marken“. Ob sie eine Zukunft haben, ist darum fraglich. Es ist nur eine Frage von Marketing-Moden wie einem nackten Kosten/Leistungsvergleich für Vertrieb/Werbung. Falls welche verschwinden sollten, wird niemand aufschreien – weder in den Medien (da schon gar nicht) noch, glaube ich, im Buchhandel.

Bei „Imprints“ – Kleinverlage innerhalb von größeren Gebilden also- sieht die Sache anders aus. Ihre Leiter und Lektorate sollen innovativ sein, neue Autoren und Strömungen entdecken, dem Mutterhaus zusätzlich Farbe geben – etwas leisten,. was im Mainstream der Großen fehlt oder untergeht. Sie stell(t)en einen Versuch der Großen dar, sich die eigenartige, immer wieder gerühmte Dynamik der Kleinverlage zu sichern.

Das ist löblich gedacht. Und etliche Häuser und Konzerne haben – gerade in Deutschland – ihren Imprints gegenüber einen selten öffentlich gewürdigten, manchmal unglaublichen Langmut an den Tag gelegt; trotz teilweise hoher, wenn nicht gelegentlich gigantischer Verluste. Bewundernswert. Ohne Frage. Bleibt freilich zu fragen, ob diese Imprints, wären sie selbstständig geblieben oder gewesen, je solche Verluste eingefahren hätten. Die Grossen haben – außer sie engagierten sich mäzenatisch – nämlich fast immer von vornherein falsch kalkuliert.

Sie bauten darauf, dass die Kleinen als Imprints unter ihrem Dach wegen übergreifenden Management-Vorteilen, Rationalisierung und “Synergien“ effizienter und kostengünstiger arbeiten würden.

Doch auf Grund der Gehäusebedingungen sind die Kosten anschließend oft in die Höhe geschossen. Und der Verlust eigener, meist total mit dem Verlag identifizierten, hochmotivierten, Hand in Hand tätigen Herstellungs-, Presse-, Vertriebs- und Werbeabteilungen; die Abgabe dieser Funktionen an „zentrale“ Divisionen führte für das Gros der Titel zu einem – gelegentlich katastrophalen – Absinken der Verkaufsauflagen. Die Zweitverwertung der Autorenrechte (vor allem im Taschenbuchsektor) im eigenen Haus resultierte im Ausfall des sonst üblichen, nicht selten existenzsichernden Verlagsanteils aus Nebenrechten. Kurzum, die Ökonomie, welche Kleinverlage trägt, sie ging – und das wäre vorausschaubar gewesen, oder man hätte strukturell umdenken müssen – sie ging futsch. Die daraufhin irgendwann von den Mutter-Managern notgedrungen gezogenen Notbremsen wiederum wirk(t)en sich in der Regel wiederum nicht eben in einer Freisetzung neuer, dynamischer Kräfte aus.

In Anbetracht ferner einer weitverbreiteten Groß-Managerneigung, es nie bei einem Versuch zu belassen, nie eine Sache gründlich durchzuziehen, sondern, wie im Glücksspiel, immer wieder von neuem auf die gleiche Nummer zu setzen, gibt es vielerorts inzwischen zu viele, einander teils überschneidende Imprints – was die zentralen Promotions- und Verkaufsapparate wie den Buchhandel vollends konfus macht und überfordert.

Im übrigen gilt, jedenfalls für Deutschland: Die Liebe und Vorzugsbehandlung, welche die Feuilletons bzw. Kritiker engagierten unabhängigen Kleinverlegern schenken, wird selbst nicht minder engagierten Imprint-Verlegern im Konzernmantel keinesfalls vorbehaltlos entgegengebracht. Und so ist es mit dem kulturellen Renommée, das man sich von einem feinen Imprint für sich selbst erhofft(e), so weit vielleicht denn auch nicht her….

Die Zeiten werden härter, die Renditen weicher. Längst überfällige, drängende Maßnahmen zu einer echten Rationalisierung der Großgehäuse und Vertriebssysteme scheinen noch immer tabu oder in weiter Ferne. Man muss kein Prophet sein, um darauf zu tippen, dass in dieser Situation ein paar renommierte (nicht nur literarische) Imprints weiter ausgehöhlt, dass bald – gewiss unter dem Siegel opportuner, schlechte Publizität mindernder Zufälle und Umstände – einige ganz dran werden glauben müssen.

Die ersten Zeichen in dieser Richtung setzt – wie so oft – das angelsächsische Ausland. In den USA hat vergangenen Herbst der Gigant HarperCollins den eben erst gegründeten Imprint Fourth Estate – einen Ableger seines erstklassigen gleichnamigen Londoner Imprins – in sein Hauptprogramm aufgelöst. In Großbritannien fusioniert, wie gerade bekannt wird, Random House seine Imprints The Harvill Press und Secker & Warburg – zwei legendäre Altsäulen dortiger Verlagstradition mit seltenem, beispielhaftem Engagement für fremdsprachige Literaturen – zu Harvill Secker. Und Macmillan hat soeben beschlossen – zu einigem lauten Protest von Autoren, Agenten und Medien – seinen bedeutenden, allseits hoch geschätzten literarischen Imprint Flamingo still zu legen.

Gerhard Beckmann sagt hier regelmäßig seine Meinung … und freut sich über Antworten an GHA-Beckmann@t-online.de. Natürlich können Sie diese Kolumne auch im BuchMarkt-Forum diskutieren. Einfach oben auf der Seite den Button „Forum“ anklicken, einloggen und los geht‘s.

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