Gerhard Beckmanns Meinung – Was könnten Leser mit Meldungen anfangen, die nicht mehr sagen als dieses…

Einen der angesehensten literarischen Preise des spanischen Sprachraums, „den mit 138.000 Euro dotierten Alfaguara-Literaturpreis“ hat die kolumbianische Autorin Laura Restrepo erhalten, ist heute in unseren Zeitungen zu lesen – „für ihren Roman Delirio, der sich mit der Gewalt in ihrer Heimat befasst“, so Die Welt. Die Frankfurter Allgemeine fügt noch hinzu, das Manuskript des Romans sei anonym eingereicht worden – ein Hinweis, dass hier nicht eventuell (wieder mal) der Name eines bereits anerkannten bzw. berühmten Schriftstellers, sondern einzig und allein die Qualität des Werkes selbst die Jury überzeugte – welcher im übrigen der Nobelpreisträger José Saramago vorstand. Gut so.

Doch wer kennt hier zu Lande Laura Restrepo? Was sagt der Name Laura Restrepo den Leserinnen und Lesern einer deutschen Zeitung? Hat die Nachricht für sie einen Informations- und Orientierungswert?

Klar, Meldungen müssen kurz sein. Sie sollten aber auch klar, verständlich sein – etwas mitteilen. Und da reicht es eigentlich nicht, wenn ein Redakteur eine Agenturdepesche, die Nachricht einer ausländischen Zeitung (wie hier von der Madrider El Pais oder die Mail seines Kulturauslandskorrespondenten einfach übernimmt. Es wäre opportun – und im Internet dauert es heute höchstens zwei Minuten – , rasch einmal zu bibliographieren.

Drei von Laura Restrepos Werken – „Der Leopard in der Sonne“, „Der Engel an meiner Seite“ und „Die dunkle Braut“ – sind nämlich ins Deutsche übersetzt worden, die zwei erst genannten sogar (bei Fischer) als Taschenbuch erhältlich.

Doch ist vielleicht Laura Restrepo keine aus hiesiger Sicht bedeutende Autorin? So weit ich weiß, ist sie von unseren Feuilletons jedenfalls nicht eben sonderlich herausgehoben und gewürdigt worden. (Das würde freilich dem Nutzen des Hinweises auf deutsche Ausgaben für das lesenden Publikum keinen Abbruch tun – und dem Publikum ist es vermutlich auch egal, dass die Romane bei uns nicht in einem vom Feuilleton geschätzten führenden literarischen Verlag erschienen sind, sondern bei Krüger bzw. bei Europa. )

Wer ist die heute 58jährige Laura Restrepo? Dass sie sich in Menschenrechtsorganisationen engagierte, 1984 der Friedenskommission angehörte, welche die kolumbianische Regierung und die Guerilleros an den Verhandlungstisch brachte, wegen ihres politischen Engagements ihr Land für einige Jahre verlassen musste, journalistisch im Sinne der Aufklärung von Misständen aktiv ist – sie gibt eine eigene Zeitschrift heraus: das alles ist zumindest insofern interessant, weil es für sie als Schriftstellerin für ihre Realitätskenntnis spricht. (Ihre Romane haben ihren Ausgangspunkt meist in gründlicher, journalistischer Recherche – „Der Leopard in der Sonne“ dekuvriert erzählerisch das kolumbianische Drogenkartell.) Das erklärt, warum Isabel Allende einmal gesagt hat, Laura Restrepos Werk sei als „Metapher für Kolumbien (zu) verstehen, wenn nicht gar für den Großteil Südamerikas.“

Laura Restrepo zählt zu der jüngeren Generation südamerikanischer Schriftsteller, die, mit hohem literarischen Anspruch, äußerst spannend, also publikumswirksam erzählen. Natürlich gefällt das nicht allen Kritikern. Für Erich Hackl –ein ausgewiesener Kenner der modernen spanischen und lateinamerikanischer Literaturen – signalisiert diese Gruppe, zu der er vor allem Schriftstellerinnen rechnet, neben Laura Restrepo beispielsweise auch Isabel Allende und Zoe Valdès – dass die lateinamerikanische Literatur heute „in einer Krise steckt“, weil ihre „vielen kalkulierten Bestseller… sich als realistisch ausgeben, jedoch nicht mehr Realität enthalten als den Scheck mit den Vorschüssen ihrer Verleger“. Auf Laura Restrepo scheint mir das (siehe oben) gewiss nicht zuzutreffen. Und man muss dann, der Fairness halber, auch erwähnen, dass der ältere Gabriel García Márquez sich mit Nachdruck für diese jüngere Schriftstellergeneration einsetzt.

Zugegeben: In einer Meldung anlässlich der Preisverleihung ist für eine längere Würdigung der geehrten Autorin selbstverständlich kein Platz.

Aber eine kurze Erwähnung ihrer auf Deutsch vorliegenden Romane, eine wie immer kurze Andeutung der Eigenart ihres Schaffens und ihrer generellen Bedeutung wäre vielleicht doch wichtig. Nicht, um es hier noch einmal zu betonen, dass die Feuilletons den Verlagen und dem Buchhandel als Verkaufshilfskräfte zu Gebote stehen könnten oder müssten: doch mit Informationen im Dienste der Leser, für die solche Meldung journalistisch erst so einen Sinn ergibt. Sonst kann sie getrost ganz unterbleiben – es sei denn, die Zeitung braucht so etwas, weil sie meint, sich mit derartigem bloßen kulturellem internationalen Namedropping Prestige zu verschaffen.

Gerhard Beckmann sagt hier regelmäßig seine Meinung … und freut sich über Antworten an GHA-Beckmann@t-online.de. Natürlich können Sie diese Kolumne auch im BuchMarkt-Forum diskutieren. Einfach oben auf der Seite den Button „Forum“ anklicken, einloggen und los geht‘s.

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