"Er hat eine literarische Gattung erfunden und ihr auch selbst einen Namen gegeben: ‚Comic-Journalismus‘." Geschwister-Scholl-Preis 2021 geht an Joe Sacco

Joe Sacco (Foto: Daniel Mordzinski)

Erstmals in der Geschichte des Geschwister-Scholl-Preises wird in diesem Jahr ein Comic ausgezeichnet: Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels – Landesverband Bayern e.V. und die Landeshauptstadt München verleihen den mit 10.000 Euro dotierten Preis an Joe Sacco für sein Buch Wir gehören dem Land (Edition Moderne).

Die Jurybegründung: „Von München, New York, Montreal oder Portland (Oregon) aus gesehen leben die Dene am Ende der Welt in bis heute kaum mit Straßen erschlossenen Gegenden der Nordwest-Territorien Kanadas. Die Dene selbst sehen sich mitten in einer Welt leben, von der sie sich nicht abgrenzen, wenn sie dazu nicht gezwungen werden. Das zeigt schon ihr Name: Dene heißt einfach Volk. Der deutsche Titel von Joe Saccos Buch bringt ihre Weltsicht auf eine Formel, die wie ein Bekenntnis aussieht, aber für die Dene eine Selbstverständlichkeit ausdrückt: Wir gehören dem Land. Diese Ansicht ist das Gegenteil des Besitzindividualismus, mit dem die weißen Europäer und ihre Abkömmlinge in Übersee seit Jahrhunderten rechtfertigen, dass sie ihren Einflussbereich über die gesamte Erdoberfläche ausdehnen und die von ihnen vorgefundenen Völker zur Anpassung nötigen oder verdrängen. Das durch Bearbeitung des Landes geschaffene Privateigentum macht zu seinem Schutz die Aufteilung der Welt in Staaten notwendig: So hat der englische Philosoph John Locke den Kolonialismus begründet. In der Sicht der Dene kehrt diese Lizenz zur Ausbeutung und Privatisierung die natürlichen Verhältnisse um. Um sich und ihre Kinder so zu versorgen, wie sie es von ihren Vorfahren gelernt haben, sind sie auf Zusammenarbeit angewiesen, mit dem Land und miteinander. Man entnimmt dem Land, was man zum Leben braucht, und muss ihm dafür etwas zurückzahlen. So sagt es Saccos Originaltitel: Paying the Land.

Joe Sacco ist ein Pionier. Er hat eine literarische Gattung erfunden und ihr auch selbst einen Namen gegeben: ‚Comic-Journalismus‘. Von Portland aus reist er in Kriegs- und Krisengebiete. Er hält sich dort lange auf und nimmt sich nach der Rückkehr noch mehr Zeit, um in eine Form zu bringen, was er erfahren hat. Sein Journalismus arbeitet sozusagen zeitversetzt, nimmt von vornherein eine historische Perspektive ein. Er ist ein Bildberichterstatter neuen Typs: Indem er zeichnet, kann er mehr aufzeichnen als Fotografen, aber auch als Reporter, die nur Text produzieren. Zeugenberichte sind seine wichtigste Quelle, die er durch historische Recherchen und durch den Augenschein ergänzt. Auch die Zeugenschaft selbst ist ein Thema, und Joe Sacco, der Autor, kommt als Zeuge der Zeugnisse in seinen Bildberichten vor.

Bekannt wurde Sacco mit Palestine (1993/95, deutsch 2004). Dem Bosnienkrieg widmete er zwei Bände (Safe Area Gorazde, 2000, deutsch 2010; The Fixer: A Story from Sarajevo, 2003, deutsch 2015). Mit Wir gehören dem Land erweitert er seinen Berichtsradius sowohl geografisch als auch thematisch. In den Siedlungsgebieten der kanadischen First Nations studiert er die Verheerungen zweier Kriege anderer Art, die schon lange andauern und allein durch den guten Willen der Parteien nicht beizulegen sind. Dort erreicht der Kampf gegen die Natur noch einmal epische Dimensionen, den der Mensch zur Gewinnung fossiler Brennstoffe führt. Und die Behandlung der einheimischen Völkerschaften durch den kanadischen Staat, der in zivilisatorischer Mission Besitz am Land und an den Menschen ergriff, ist von amtlichen Stellen inzwischen selbst als eine Art von Völkermord eingestuft worden, als kultureller Genozid.

Sacco klagt nicht an. Er dokumentiert, lässt die Menschen sprechen und das Land. Bei den Dene wird darüber beraten und gestritten, wie sie mit den Gefahren und Chancen umgehen sollen, welche die Eingliederung ihrer Heimat in den Verwertungskreislauf des globalen Kapitalismus erzeugt. Die Folgen der Umweltzerstörung und des Kolonialismus sind zwei der großen Themen unserer Zeit. Das Buch von Sacco regt zu grundsätzlichen Gedanken an, indem es eine Fülle präziser, in emphatischem Sinne lokaler Informationen bereitstellt, und ist im Sinne des Preises geeignet, ‚dem verantwortlichen Gegenwartsbewusstsein wichtige Impulse zu geben‘.

Mit dem Vorschlag, erstmals in der Geschichte des Geschwister-Scholl-Preises ein Werk der Graphic Non-Fiction auszuzeichnen, möchte die Jury auch der Bedeutung Rechnung tragen, die der gezeichneten Zeitgeschichte in der historisch-politischen Aufklärung und Vermittlung zugewachsen ist, insbesondere in der Arbeit mit Jugendlichen.“

Joe Sacco, geboren 1960 in Malta, wuchs in Australien und in den USA auf. An der Universität Oregon studierte er Journalismus. Er gilt als der Pionier der Comic-Reportage. Seit den 1990ern bereist er die Welt und berichtet als zeichnender Journalist aus Krisen- und Kriegsgebieten. Große Aufmerksamkeit erregten seine Reportagen über den Nahostkonflikt und den Bosnienkrieg. In weiteren ausführlichen Arbeiten widmete er sich dem Schicksal afrikanischer Migranten auf Malta, tschetschenischen Flüchtlingen im südlichen Russland, U.S. Marines im Irak und der Armut im ländlichen Indien. Joe Sacco lebt in Portland, Oregon.

Der Jury unter dem Vorsitz von Kulturreferent Anton Biebl und Klaus Füreder, Vorsitzender des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels – Landesverband Bayern e. V., gehörten 2021 an: Prof. Dr. Aleida Assmann (Literatur- und Kulturwissenschaftlerin), Patrick Bahners (Frankfurter Allgemeine Zeitung), Niels Beintker (Bayerischer Rundfunk), Johannes Ebert (Goethe-Institut), Margit Ketterle (Droemer Knaur), Michael Krüger (Schriftsteller und Publizist), Thomas Rathnow (Penguin Random House), Dr. Michael Schmitt (3sat / Kulturzeit), Prof. Dr. Paula-Irene Villa Braslavsky (LMU / Institut für Soziologie) und Dr. Mirjam Zadoff (NS-Dokumentationszentrum) sowie von Seiten des Stadtrats Dr. Florian Roth (Fraktion Die Grünen-Rosa Liste), Leo Agerer (Fraktion CSU) und Kathrin Abele (Fraktion SPD/Volt). Beratende Mitglieder waren Dr. Hildegard Kronawitter (Weiße Rose Stiftung e. V.) und die Stadträtin Mona Fuchs (Fraktion Die Grünen-Rosa Liste).

Der Geschwister-Scholl-Preis wird vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels – Landesverband Bayern e.V. und der Landeshauptstadt München seit 1980 vergeben. Sinn und Ziel des Geschwister-Scholl-Preises ist es, „jährlich ein Buch jüngeren Datums auszuzeichnen, das von geistiger Unabhängigkeit zeugt und geeignet ist, bürgerliche Freiheit, moralischen, intellektuellen und ästhetischen Mut zu fördern und dem verantwortlichen Gegenwartsbewusstsein wichtige Impulse zu geben“. Er ist mit 10.000 Euro dotiert. Zu den Preisträgerinnen und Preisträgern zählten in den letzten Jahren unter anderem Dina Nayeri, Ahmet Altan, Götz Aly, Achille Mbembe, Glenn Greenwald, Otto Dov Kulka, Liao Yiwu, Joachim Gauck, Roberto Saviano, David Grossman und Anna Politkovskaja.

Die Verleihung des Preises ist am Montag, 29. November 2021, geplant und ist abhängig von der dann aktuellen Pandemie-Lage.

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