Veranstaltungen „Kannitverstan“ – Übersetzertag beim Literaturfest München. An der Grenze zwischen „korrekt“ und „richtig“

Der alljährliche Übersetzertag des Deutschen Übersetzerfonds fand am vergangenen Samstagnachmittag beim Literaturfest Münchner im Rahmen des forum:autoren statt. In der voll besetzten Bibliothek des Literaturhauses tauschten sich die Übersetzer über ihr Metier aus, in dessen Mittelpunkt der „Furor des Verstehenwollens“ steht, so Marie-Luise Knott, die gemeinsam mit Elke Schmitter den Nachmittag konzipiert hat. Auch diese (erstmals außerhalb Berlins stattfindende) Veranstaltung wurde aufgelockert durch eine ungewöhnliche Darbietungsform: Hanns Zischler, der entschieden dafür plädierte, dass Gedichte auch vorgetragen und nicht nur still gelesen werden sollten, bot mit einer Gruppe junger Schauspieler aus Potsdam einen Dichtungschor; sie sprachen die Gedichte auf fünf bis sieben Stimmen verteilt.

Frank Günther ist vermutlich weltweit der einzige Übersetzer, der das gesamte Werk von Shakespeare übersetzt hat; derzeit ist der letzte der 39 Bände in Vorbereitung. In einem packenden Vortrag führte er exemplarisch vor, wie in vielen bestehenden Übersetzungen die entscheidende Feinheit in der Formulierung des Originals in der Übersetzung nicht wiedergegeben wird.

Wenn z.B. der tieftraurige Romeo durch einen Hain von „Bergahorn“ (die korrekte Übersetzung von „sycamore“) wandelt, geht dabei das Wortspiel verloren, das klanglich in dem englischen Wort angedeutet ist: „sick“ (also krank, traurig) und „amore“ (Liebe). Günther übersetzt das daher mit „Trauerweide“. Das steht nun wirklich nicht bei Shakespeare, kommt aber der Intention des Autors vermutlich näher. Über solche Fragen lässt sich trefflich streiten.

Über einen Gedanken schien zunächst Einigkeit zu herrschen. Übersetzer sind keine Dolmetscher, die für ungetrübte Kommunikation zu sorgen haben; wenn das Original unklar, paradox, widersprüchlich ist, muss das der Übersetzer nicht glätten. Bei manchen Stellen habe sie auch nach längerem Nachdenken „keine Ahnung, wovon es handelt – aber es ist wunderschön“, erklärte die Übersetzerin Gunhild Kübler, die in 15-jähriger Arbeit sämtliche Gedichte von Emily Dickinson übertragen hat.

Auch Stefan Weidner, Kenner und Übersetzer der arabischen Literatur, wandte sich gegen die verbreitete „Unverständlichkeitsintoleranz“ insbesondere gegenüber nichteuropäischen Literaturen. Elke Schmitter formulierte das so: „Ein Text, den wir vollkommen verstehen, ist langweilig.“ Der Spanisch-Übersetzer Christian Hansen mochte sich dieser Denkweise nicht so ganz anschließen und wandte ein: „Man kann nicht nicht verstehen“. Die angefangene Diskussion an dieser Stelle zeigte die Brisanz des Themas – man hätte gut und gern Tage damit verbringen können.

Als zentrale Erkenntnis kann man aus dem Fachgespräch mitnehmen: Das scheinbar naturgegebene Konzept der einen Muttersprache ist eine rein europäische Erfindung, die im Zusammenhang mit der Entstehung der Nationalstaaten politisch gewollt war. Tatsächlich entwickelt sich die europäische Literatur schon immer auf einem „Geflecht kleiner Sprachen“, und fast überall in der Welt wachsen Kinder in mehrsprachigen Umgebungen auf, ohne dass dies ihren Lebensweg verwirrt, so Alida Bremer (Übersetzerin aus dem Kroatischen) in ihrem beeindruckenden Vortrag. Ein weiterer Hinweis auf die verheerende Rückschrittlichkeit jener europafeindlichen Bewegungen, die sich auf das angeblich „Eigene“ besinnen wollen.

 Ulrich Störiko-Blume

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