Rainer Dresen noch einmal über das Dilemma Baerbock-Biographie - UPDATE VOM 5. JULI Neues Update zum Dilemma Baerbock: „Leider keine Rückmeldung zum Thema Urheberrecht“

Rainer Dresen: „Was man aber von Habeck auch gerne einmal hören würde, wäre ein öffentlicher Satz darüber, wie er denn als Autor dazu steht,  dass nicht nur seine Co-Parteivorsitzende, sondern offenbar seine ganze Partei weder eine rechte Ahnung von den Feinheiten des Urheberrechts noch eine Vorstellung von dessen kultureller und auch ökonomischer Bedeutung zu haben scheint“

Unserem Kolumnisten lässt die sich auch übers Wochenende sehr dynamisch entwickelnde Causa Baerbock keine Ruhe. Dieses Mal fragt er sich, während die taz unter der Überschrift  „Es ist vorbei, Baerbock!“ (https://taz.de/Vorwuerfe-gegen-Annalena-Baerbock/!5784037/) schon das Ende der Kanzlerkandidatur Baerbocks ausruft, wie eigentlich Robert Habeck als Autor und mit ihm die GRÜNE Partei das Ganze sieht.

„Wie es so schön heißt: Niemand schreibt ein Buch alleine.“ Immerhin, diesen Satz, geäußert von Annalena Baerbock am Wochenende zur Verteidigung ihres Buchs Jetzt. Wie wir unser Land erneuern, diesen Satz hat sie wohl tatsächlich exklusiv. Zumindest dafür könnte sie wohl sogar Urheberrechtsschutz reklamieren. Der Satz ist, anders als wohl suggeriert werden soll, gerade keine bekannte Redewendung, sondern er ist neu und so schräg, dass er auch aus Sicht des Urheberrechtlers originell ist. Bei der „Autorin“ Baerbock ist das mittlerweile durchaus erwähnenswert. Der Satz ist also wohl nicht nur originell, sondern vor allem in der behaupteten Allgemeingültigkeit falsch. Denn natürlich, jeder Schreibende, der sich schon einmal an einem Buch versucht hat, weiß das, schreibt man Bücher sehr wohl meistens alleine. Wenn andere mitschreiben, dann teilt man das als Autor*in dem Publikum ganz offen mit. Entweder auf dem Cover oder aber im Quellenverzeichnis.

Niemand könnte Annalena Baerbock, die von Fragen der Autorenschaft wenig zu ahnen scheint, das wohl glaubwürdiger und zugleich mutmaßlich einfühlsamer erklären als der von ihr erst jüngst ebenso sanft wie effektiv aus einer möglichen eigenen Kanzlerkandidatur geschubste Robert Habeck. Der nämlich hat nach einem zwar beinahe zehnjährigen, dafür aber ordnungsgemäß und dafür nicht einal in London abgeschlossenen Studium der Philosophie, Germanistik und Philologie in seiner Dissertation mit dem Titel „Die Natur der Literatur: Zur gattungstheoretischen Begründung literarischer Ästhetizität.“ Kant, Hegel, Hölderlin oder etwa Paul Celan offenbar nicht nur verstanden, sondern sogar korrekt zitiert.

In seinem unmittelbar an Studium und Promotion aufgenommenen Brotberuf des Schriftstellers hat er wiederholt gezeigt, dass zumindest er genau weiß, wie man mit den verschiedenen Formen der Autorenschaft umgeht. Seine nicht ohne Grund für Stil wie Inhalt gelobten politischen Sachbücher schreibt er in der Tat alleine. Wenn er dort Ideen oder Formulierungen anderer zitiert, dann macht er das deutlich. Seine Romane, darunter auch ein Ostfriesland-Krimi mit „Schimmelreiter“-Anklängen und das Kinderbuch mit dem aktuell sehr vorausschauend wirkenden Titel „Kleine Helden – große Abenteuer“ hat er zusammen mit seiner Ehefrau Andrea Paluch geschrieben. An seinem Theaterstück über den Kieler Matrosenaufstand „1918“ hat neben seiner Ehefrau auch noch der Autor Frank Trende gleichberechtigt mitgewirkt und einträchtig stehen alle drei dann auch, wie sich das gehört, auf dem Cover.

Robert Habeck also könnte seiner Parteifreundin, trotz der laut Baerbock biographisch „ganz anderen Welten“ (unvergessen ihr auf youtube festgehaltener Satz zu Habeck „Hühner, Schweine, was haste? Kühe melken. Ich komm‘ eher aus dem Völkerrecht.“ https://www.youtube.com/watch?v=nOMW8Kn4OLw) grundlegende literarische Usancen näher erläutern. Und wenn sie schon einmal im Gespräch wären, könnte er ihr („Das ist kein Sachbuch“) dabei auch erklären, dass ein Buch, das gerade wie ihres aus naheliegenden Gründen – selbst für Guttenbergs Dissertation werden von Fans des gepflegten Skandals mittlerweile Höchstpreise gezahlt – auf Platz 1 der Amazon-Wirtschaftspolitik-Bücher steht, nichts anderes als ein Sachbuch und nicht etwa ein Märchen oder Fantasy-Band ist.

Was man aber von Habeck auch gerne einmal hören würde, wäre ein öffentlicher Satz darüber, wie er denn als Autor dazu steht,  dass nicht nur seine Co-Parteivorsitzende, sondern offenbar seine ganze Partei weder eine rechte Ahnung von den Feinheiten des Urheberrechts noch eine Vorstellung von dessen kultureller und auch ökonomischer Bedeutung zu haben scheint. Hält er, der sich nicht nur auf Wikipedia offenbar recht gerne als Schriftsteller bezeichnen lässt, es denn wirklich für akzeptabel, dass sein eigener Bundesgeschäftsführer die Debatte um Baerbocks Übernahmen als „Rufmord“ bezeichnet? Findet er es tatsächlich in Ordnung, dass der GRÜNE Europaabgeordnete Bütikofer in diesem Zusammenhang den Begriff „Rechter  Propagandakrieg“ verwendet und dass die GRÜNE-Fraktionsvorsitzende und ehemalige Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland, Katrin Göring-Eckardt, dafür den Begriff „Schmutz“ verwendet und der ehemalige Umweltminister Jürgen Trittin verächtlich von „Dreckskampagne“ spricht?

Selbst jetzt, wo die Liste der Übernahmen jeden Tag länger wird und wo herauskommt, dass sie sich sogar an Texten von Parteigrößen wie Joschka Fischer oder eben jenem Jürgen Trittin vergriffen hat (https://www.welt.de/politik/deutschland/article232239635/Neue-Vorwuerfe-gegen-Baerbock-Abgeschrieben-bei-Fischer-und-Trittin.html), hört man von führenden GRÜNEN-Funktionären: Nichts! Obwohl mittlerweile sogar die Haus- und Hofpostille der GRÜNEN, die taz, die Geduld zu verlieren scheint und zu der dort mittlerweile „Buch-Desater“ genannten Causa titelt: „Es ist vorbei, Baerbock!“ (https://taz.de/Vorwuerfe-gegen-Annalena-Baerbock/!5784037/), korrigieren sie weder ihre ganz offensichtlich voreiligen ersten Stellungnahmen, noch hört man neue, ausgewogenere Stimmen aus dem GRÜNEN Establishment.

Dieses Schweigen wird von Tag zu Tag dröhnender. Und immer mehr Beobachter*innen sind verwundert. Wissen die GRÜNEN denn nicht, wie viele ihrer mutmaßlichen Sympathisant*innen in der Buchbranche arbeiten oder sich zumindest dieser zugehörig fühlen? In Buchhandel und Buch-Verlagen arbeiten laut Börsenverein mehr als 50.000 Menschen. Nach Angaben der VG Wort sind bei ihr rund 300.000 Autor*innen als an deren Ausschüttungen wahrnehmungsberechtigt gemeldet. Das Gesamtregister aller Autor*innen und Verlage umfasst laut aktuellem Geschäftsbericht der Verwertungsgesellschaft nicht weniger als 827.367 Namen. All diese Menschen leben dafür und nicht selten sogar davon, dass das Urheberrecht nicht nur als Rechtsgrundlage beachtet wird, sondern als intellektuelle und eben auch wirtschaftliche Existenzgrundlage gesamt-gesellschaftlich anerkannt und geschützt wird.

Insofern wäre es höchste Zeit, dass Robert Habeck, dem angesichts der stetigen Verschärfung der Debatte mittlerweile nicht wenige seiner sonst so fluffig-verstrubelten Haare zu Berge stehen dürften, seine Rolle als loyaler „Mann an ihrer Seite“ verlässt und eindeutig Position pro Urheberrecht bezieht.

Wenn man schon dabei ist, Wünsche zu äußern, wüsste man auch gerne, ob RA Schertz nun seine ursprünglich auf Basis der ersten gemeldeten angeblichen Übernahmen zitierte Einschätzung („Ich kann nicht im Ansatz eine Urheberrechtsverletzung erkennen. […] Der Vorwurf entbehrt jeglicher Grundlage. […] Es ist offenbar erneut der Versuch einer Kampagne zum Nachteil von Frau Baerbock.“) aufgrund aktueller Faktenlage aufrechterhalten oder vielleicht nicht doch modifizieren würde.

Und in einer idealen Welt würde man gerne Frau Sabine Zollner, Autorin der Süddeutschen Zeitung fragen, wie sie heute zu ihrem Artikel vom 20. April 2021 (https://www.sueddeutsche.de/medien/annalena-baerbock-biografie-verlage-1.5270695) steht. Dort hatte sie unter der Überschrift „Falsch gewettet“ angemerkt, dass es noch kein Buch über Annalena Baerbock gibt. „Wo ist denn ihre Biografie? Haben die Verlage etwa auf Habeck gesetzt?“ Sie erwähnt in dem Zusammenhang süffisant, dass etwa bei einem auch dem Kolumnisten bekannten Verlag gleich zwei Biographien (https://www.penguinrandomhouse.de/Paperback/Robert-Habeck/Susanne-Gaschke/Heyne/e575378.rhd, https://www.penguinrandomhouse.de/Buch/Das-ganze-Ding-ist-ein-Risiko/Stefan-Berkholz/Blessing/e575728.rhd) über Habeck erscheinen. Auf die an jenen Verlag offenbar gerichtete Frage, ob auch eine Baerbock-Biographie geplant sei, gab es damals „zunächst keine Rückmeldung“ und auch im Weiteren keine Publikationspläne.

Die in jenem Artikel zitierte Verlagsleiterin eines anderen Sachbuchverlages hingegen wird sich womöglich heute wünschen, auf die damalige Reporter*innen-Frage ebenfalls keine Rückmeldung gegeben zu haben. Aus der Rückschau jedenfalls wirkt ihre damalige Einschätzung, weshalb es keine Baerbock-Biographie gebe, heute fast schon unfreiwillig komisch: „Wahrscheinlich hat sie sich aufs Machen konzentriert und das Schreiben Robert Habeck überlassen – politisch jedenfalls hat sie sehr klug agiert.“

Kommentare (3)
  1. Ich muss mich doch sehr wundern, dass ausgerechnet in einem Branchenmagazin die Binse »Niemand schreibt ein Buch allein.« zu solch einer Polemik reizt. Schätzen Sie die Arbeit Ihrer Kolleg:innen bei Random House so gering ein? Es gibt beispielsweise ganze Artikelserien, in denen sich Autor:innen bei ihren Lektor:innen bedanken – und das ganz gewiss nicht, weil die ihnen einen Kaffee angeboten haben, sondern weil sie essentiell am Text mitgearbeitet haben. So wie die seitenlangen Danksagungen in Büchern ja auch nicht beliebigem Namedropping entstammen, sondern tatsächlicher Mitwirkung. Und da reden wir noch gar nicht über unbewusste Mitwirkung, weil jedes Gespräch, jede Lektüre selbstverständlich beiträgt.
    Also: Ja, niemand schreibt ein Buch allein. Diesem absurden Geniekult sollten gerade Branchenmitglieder nicht huldigen, nicht zuletzt aus Respekt vor der eigenen Arbeit.

    Dass Frau Baerbock urheberrechtlich relevante Verstöße begangen haben kann, sei damit in keinster Weise abgestritten. Aber so zu tun als sei das obige Zitat Ausdruck von Unkenntnis, ist eines Branchenmitglieds unwürdig.

    • Liebe/r Gachmuret,

      prinzipiell völlig richtig: Ohne gutes Lektorat kein gutes Buch. Aber wenn Sie die Stellungnahme von Frau Baerbock gelesen haben, werden Sie doch nicht ernsthaft den Eindruck gewonnen haben, dass Frau Baerbock mit jenem Satz Ihrer Lektorin oder ihrem Co-Autor danken wollte. Im Gegenteil, sie hat sich durch diesen Satz zumindest nach meinem Verständnis in gewisser Weise exkulpieren wollen. Sie hat, und das sollte Sie dann als Verteidiger*in von Lektor*inneninteressen eigentlich stören, die Gelegenheit gerade ungenützt verstreichen lassen, sich bei Co-Autor wie Lektorin zu bedanken und auch zu entschuldigen. Denn beide sind im Buch genannt, der Name des Co-Autors wird auch öffentlich zitiert, und beiden dürfte ihre Mitwirkung an diesem Buch noch lange nachhängen, und das mutmaßlich völlig unverschuldet. Denn der Co-Autor hat ja wohl eher die biographischen Aspekte verfasst, an denen sich bisher die Kritik nicht entzündet. Die bedauernswerte Lektorin dürfte wie bei einem „Schnellschuss“ unvermeidbar einem enormen Zeitdruck ausgesetzt gewesen sein und wenn man in unserer Branche schon einer Kanzler*innenkandidat*in nicht mehr einen gewissen Vertrauensvorschuss geben kann, wem denn dann?

  2. Ich finde es sehr schade, dass Sie es für nötig befunden haben, ohne neue rechtliche Lage und gar ohne neue Belege oder Erkenntnisse einen weiteren Kommentar zu verfassen, der Frau Baerbock gegenüber so negativ eingestellt ist. Das ist das Gegenteil von dem, was ich von uns als Branche erwarten würde – nämlich überlegtes Handeln, Empathie und vor allem genug Verständnis, um nicht den rechten Drang des Baerbock-Bashings zu unterstützen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.