Veranstaltungen Regenpause, Raubkopien, RAF

Lothar Ruske, Eva Demski und Katja Lange-Müller

Gestern fand im Frankfurter Kulturwerk Die Fabrik, eine ehemalige Mineralölproduktionsstätte, ein Gespräch im Rahmen von Frankfurt liest ein Buch statt. In der zwölften Auflage des Lesefestivals vom 4. bis zum 18. Juli steht Eva Demskis Scheintod im Mittelpunkt. Die Autorin und ihre Kollegin Katja Lange-Müller unterhielten sich zum Roman, erzählten von eigenen Erfahrungen und beurteilten gesellschaftliche Verhältnissen. Die WIBank unterstützte die Veranstaltung finanziell.

Karin Wagner, verantwortlich für Programmgestaltung in der Fabrik, freute sich, die Besucher im schönen Hof begrüßen zu können: „Hoffentlich hält das Wetter und der Regen macht Pause.“ In den Gewölbekeller hätten aufgrund des Hygienekonzepts nicht so viele Interessierte eingelassen werden können, die kurzfristige Ortsänderung war eine gute Entscheidung und ermöglichte mehr Teilnehmer.

Lesefest-Organisator Lothar Ruske äußerte, dass Scheintod ein wichtiges Buch für Frankfurt sei. In einer neu gestalteten und mit einem Nachwort von Wolfgang Schopf versehenen Lesefest-Ausgabe des Insel Verlags wird das Geschehen in Frankfurt im Jahr 1974 wieder ins Blickfeld gerückt. Was aber verknüpft die beiden Autorinnen und der Roman?

Katja Lange-Müller erzählte. Sie verließ 1984 Ostberlin – drei Jahre zuvor hatte die gelernte Schriftsetzerin und Krankenschwester Psychiatrie einen Ausreiseantrag gestellt. „Innerhalb von wenigen Stunden musste ich die DDR verlassen und durfte nur einen Koffer mitnehmen. Meine Bücher hatte ich vorher verkauft“, sagte Lange-Müller. Sie kam ins Notaufnahmelager Marienfelde. „Dort habe ich 20 Mark West bekommen“, erinnerte sie sich. Berlin, erläuterte sie, bestehe wie Frankfurt eigentlich aus Dörfern, Marienfelde war eines davon. In einer Kneipe breiteten Männer Bücher auf einem Tisch aus, sie erstand Scheintod für drei D-Mark. „Aber ab Seite 22 fiel das Buch physisch auseinander, lösten sich die Seiten aus der schlechten Klebung. Es war ein Raubdruck. Doch vom Inhalt war ich fasziniert, las die Geschichte als pure Fiktion.“

1989 lernten sich beide Autorinnen in Bergen-Enkheim kennen, Demski übergab den Schlüssel für das Stadtschreiberhaus an ihre Nachfolgerin Lange-Müller. Eigentlich sollte Lange-Müllers skandinavische Weißfußratte El Friede mit nach Bergen, aber das hat wohl nicht funktioniert.

Demski führte Lange-Müller auch durch Frankfurt, die Autorin aus Berlin lernte so unter anderem das Bahnhofsviertel kennen. „Einige Szenen in Böse Schafe [Kiepenheuer & Witsch, 2007] habe ich nach meinen Eindrücken in Frankfurt gestaltet“, bemerkte Lange-Müller.

Zum Thema Raubkopien hatte Demski noch eine kleine Geschichte: „In einer Kneipe in Frankfurt hatten wir Raubkopien aufbewahrt. Irgend jemand kam nach der offiziellen Erstausgabe von Scheintod 1984 bei Hanser zu mir und sagte: ‚Eva, bei den Raubkopien bis du auf Platz eins!‘ Das war mir nicht so recht, schließlich schaden Raubkopien Autor und Verlag gleichermaßen.“

Lange-Müller schenkte Demski später jene Raubkopie aus dem Jahr 1984, versehen mit Anmerkungen der Leserin. „Das habe ich schon früher gemacht, bei der Bibel habe ich am Rande der Stelle mit der Sintflut hingeschrieben: Was ist mit den Fischen?“, verriet Lange-Müller.

Beim Lesen von Scheintod sei sie auf unglaubliche Figuren gestoßen, andere Namen wie beispielsweise Bakunin habe sie gekannt. „Ich habe das, was mir später begegnete, an Scheintod gemessen“, äußerte Lange-Müller. „Aber ich habe mich auch gefragt, warum die Leute, die im Buch als Gruppe bezeichnet werden und hinter denen sich offensichtlich die RAF verbirgt, keine empirischen Studien betrieben haben.“ „Das wollten sie nicht. Sie wollten sich auch nicht so intensiv mit dem Osten beschäftigen“, entgegnete Demski, „praktische Lebensgepflogenheiten fehlten ihnen. Die Gruppe machte immer irgend etwas und erklärte nichts. Wenn man fragte, wurde man abgekanzelt: ‚Das geht dich nichts an.‘“

„Die Personen im Roman sind schon eine irre Mischung. Der Mann ist ein verrückter Typ und sehr widersprüchlich“, bemerkte Lange-Müller, „so eine Figur wie den Mann wird es nicht wieder geben.“ „Da höre ich den Reiner Demski jetzt sagen: ‚Das wäre ja auch noch schöner‘“, wandte Eva Demski ein. Sie habe das Buch über 30 Jahre lang nicht mehr angefasst. „Ich war beim erneuten Lesen erstaunt über das wenige Selbstmitleid der Frau und empfand ein angenehmes Fremdheitsgefühl“, verriet sie. Im Buch gibt es tatsächliche und erfundene Personen, der Pflanzenretter Christian Koblenz beispielsweise sei eine erfundene Person. „Aber ich wäre gerne so wie er“, gestand Demski. Ihre Mutter habe nie geglaubt, dass dieser Koblenz eine fiktive Person ist. „Aber jeder – die Mutter, das LKA, das BKA – las das Buch auf seine Art. Ich wollte niemanden dabei stören“, sagte die Autorin.

Und das Gedicht? „Das Gedicht stammt tatsächlich von Reiner Demski, ich hätte ihm nie ein Gedicht in den Mund erfunden“, antwortete die Schriftstellerin. Viel vom Nachlass sei verloren gegangen, das Siegel an der Tür der Kanzlei-Wohnung sei während der Beerdigung aufgebrochen, die Ackermann-Bilder, Honorar eines Mandanten, gestohlen worden.

Die Frauen diskutierten anschließend die im Buch angedeutete wunderbare Idee, dass Bardamen in Hotels, Kneipen und Bordellen die Gesellschaft subversiv unterwandern könnten und fanden viel Gefallen an dieser Vorstellung einer revolutionären Veränderung. Anarchie? Katja Lange-Müller fallen dazu die Frank Wedekind-Zeilen ein: „Und gern verschiebt aus Rücksicht auf den Staat der Anarchist sogar sein nächstes Attentat.“

Gibt es Parallelen zur Geschichte von 1974 und der heutigen Situation? „Das soll der Leser selbst herausfinden und seine eigenen Schlüsse ziehen“, sagte Demski.

Eigentlich hätte sie gerne einen Anarchistischen Almanach geschrieben, aber in Pandemiezeiten mit den kruden Ideen der Impfgegner? „Also ist es ein zweites Gartenbuch geworden“, erklärte Demski.

Es war ein sehr kurzweiliger Abend (ohne Regen), an dem die beiden Schriftstellerinnen zwanglos miteinander plauderten, manche Ansichten teilten, aber auch Situationen aus verschiedenen Blickwinkeln beurteilten.

Im Anschluss an das Gespräch konnten Interessierte bei der Buchhandlung Buchplatz Lektüre erwerben, Eva Demski und Katja Lange-Müller signierten gerne.

JF

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