Veranstaltungen Shortlist-Nacht in Frankfurt am Main

Die nominierten Bücher

Gestern Abend fand im Literaturhaus die Präsentation der Autoren und Bücher der Shortlist zum Deutschen Buchpreis 2009 statt.

Hausherrin Maria Gazzetti freute sich, dass die vom Kulturamt der Stadt mitgetragene Veranstaltung, deren Partner der Börsenverein des Deutschen Buchhandels ist, nach 2008 zum zweiten Mal hier stattfindet. Die Medienpartner sind erneut hr2-kultur und SWR2.

Frankfurts Kulturdezernent Prof. Dr. Felix Semmelroth wertete den Deutschen Buchpreis, der in diesem Jahr zum fünften Mal für den besten deutschsprachigen Roman vergeben wird, als Erfolgsgeschichte. Die kontroverse Diskussion über die Nominierungen zeige, welche wichtige Rolle der Preis in der Öffentlichkeit einnimmt.

Gleichzeitig würdigte Felix Semmelroth die Arbeit der Jury, die schmerzhaft um Longlist und Shortlist gerungen hat. 154 Titel waren eingereicht worden. Der Sieger wird am 12. Oktober ausgezeichnet, doch gewonnen haben alle Autoren, denn die Aufmerksamkeit ist auf die Literatur fokusiert worden.

Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins, stellte fest, dass sich der Deutsche Buchpreis etabliert hat und hofft, dass sich diese Auszeichnung als großer nationaler Literaturpreis immer stärker profilieren wird – auch im Hinblick auf die Wertigkeit der deutschsprachigen Literatur im internationalen Vergleich.
„Ich fand die Entscheidung der Jury wunderbar überraschend, sie hat auch neugierig gemacht“, äußerte Alexander Skipis zur Shortlist.

Als erste Autorin des Abends nahm Herta Müller auf dem Podium Platz, sie wurde von Felicitas von Lovenberg, FAZ, interviewt. Ihr Buch Atemschaukel, erschienen im Carl Hanser Verlag, handelt vom Schicksal eines jungen Mannes aus Siebenbürgen, der in russische Lager verschleppt wird. Es ist auch das Schicksal von Oskar Pastior, der Herta Müller von diesen Jahren erzählte. „Wir dachten, wir hätten alle Zeit der Welt“, erinnert sich Herta Müller an die ersten Gespräche mit Oskar Pastior, der am 4. Oktober 2006 im Alter von fast 79 Jahren starb. Nach dem Tod Pastiors konnte Herta Müller die Arbeit zunächst nicht fortsetzen. Ein Jahr später jedoch nahm sie den Roman wieder auf: „Wir schreiben das Buch schon längst zusammen“, sagte sie. Und: „Ich habe die große Nähe von Oskar Pastior gespürt.“

Norbert Scheuer stellte im Gespräch mit Alf Mentzer, hr2-kultur, seinen Roman Überm Rauschen, erschienen im C. H. Beck Verlag, vor. Am Fluss Urft in der Eifel spielt sich eine Familiengeschichte ab, die unterschiedlichen Protagonisten sind auf der Suche nach dem Glück und auf der Suche nach einem mysteriösen Fisch. „Mich fasziniert es, Sachen auf den
Grund zu gehen“, beschreibt Norbert Scheuer seine Intensionen. Im Buch schildert er den Einbruch eines Jungen ins Eis, dabei gerät das Kind auf den Grund des Flusses – doppelte Bedeutungen finden sich oft in diesem Roman.

Gerwig Epkes, SWR2, sprach mit Clemens J. Setz über sein Buch Die Frequenzen, publiziert im Residenz Verlag. Seine Heimatstadt Graz ist für den jungen Autor ein Stützpunkt, auch wichtig zum Schreiben dieses 700-Seiten-Romans, in dem ein Einfall den anderen jagt. Seit 2001 studiert Clemens J. Setz Mathematik. „In Ihr Buch ist die Unübersichtlichkeit der Welt gepackt“, formulierte Gerwig Epkes. „Eigentlich ist es ein in Fraktaten geschriebenes Buch, wenn dieses Wort nicht schon und für ewig David Foster Wallace gehörte“, meinte Clemens J. Setz scherzhaft und ergänzt: „Für mich stellte sich die Frage, wie man die Möglichkeit vom Selbst etwas unattraktiver erscheinen lassen kann. Das wird im Roman geschildert.“ Das Leben als Kettenreaktion, die erwartete und unerwartete Nebenwirkungen auslöst – alles ist ineinander verstrickt und vollzieht sich rasend schnell.

Kathrin Schmidt setzt sich in ihrem Roman Du stirbst nicht, erschienen bei Kiepenheuer & Witsch mit dem Orientierungs- und Sprachverlust nach einer Hirnverletzung auseinander. Im Gespräch mit Gerwig Epkes erzählt sie von ihrem Vorhaben, über „aufgefressenes Denken“ zu schreiben. Ihre Geschichte schildert den Weg einer Genesung, der sowohl in die Zukunft als auch in die Vergangenheit führt. Die eigene Krankheitsgeschichte war für sie der Ausgangspunkt zu diesem ihrem vierten Roman. Kathrin Schmidt unterstreicht auf Nachfrage, dass die Arbeit am Buch keine Therapie für sie war, ihre Krankheit hatte sie zu diesem Zeitpunkt bereits überwunden, die Erfahrungen allerdings hat sie für den Roman nutzen können.

Er studierte Philosophie, Religionswissenschaft und Sinologie an der FU Berlin, lebt seit 2005 in Taipeh/Taiwan und schrieb ein Buch über seine Heimatstadt Biedenkopf: Stephan Thome erläuterte im Gespräch mit Alf Mentzer, wie er auf die Idee zu seinem Debüt Grenzgang, im Suhrkamp Verlag publiziert, kam. Grenzgang, das ist ein Fest, das alle sieben Jahre stattfindet und an verschiedenen, traditionell festgeschriebenen Stationen an drei Tagen gefeiert wird. Die Tradition gaukelt vor, Halt zu bieten, doch die Menschen müssen selbst handeln, um ihr Schicksal zu beeinflussen. In dieser Kontroverse werden Lebensentwürfe und ihr Scheitern geschildert sowie Versuche, neu zu beginnen.

Der sechste Shortlist-Autor, Rainer Merkel, konnte sein Buch Lichtjahre entfernt, erschienen im S. Fischer Verlag, leider nicht vorstellen: Er befand sich an diesem Abend zwar nicht Lichtjahre, aber doch einige Tausend Kilometer entfernt in Afrika. Schade.

JF

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