25 Jahre Junges Literaturforum Hessen-Thüringen

Ricarda Junge, Clara Ehrenwerth, Katja Thomas,
Maike Wetzel (v.l.)

Zum ersten Abend der viertägigen Geburtstagsfeier traf man sich gestern in der Studiobühne des Mousonturms in Frankfurt am Main. Alban Nikolai Herbst, langjähriger Begleiter des Forums, hielt die Geburtstagsrede.

Das Forum, begann Herbst, hat Geschichte in einem ganz konkreten, erdständigen Sinn. Einige letzte Preisträger waren zur Gründung des Jungen Literaturforums Hessen – so der ursprüngliche Name – noch gar nicht geboren.

Herbst erinnerte an seine Begegnung mit dem Gründer Axel Rucker im Sommer 1984. Rucker wurde 2005, 56-jährig, in seiner Berliner Wohnung aufgefunden, dort lag der Tote bereits vier Wochen unentdeckt. Auch das gehört zur Geschichte.

Herbst lernte vor über 20 Jahren Dieter Betz kennen, eine Charakter bildende Persönlichkeit für das Forum. Der Redner warnte: Sollte sich Dieter Betz zurückziehen, ist Achtsamkeit gefordert, um nicht Leidenschaft und Seele in abzuwickelnde Routine erstarren zu lassen. „Wir unterschätzen gerne, was die persönliche Leidenschaft von Menschen zu erreichen und was die Leidenschaftslosigkeit, zu der zum Beispiel mangelnde Bildung zählt, zu vernichten vermag.“ Ohne Dieter Betz’ universale Bildungslust, die mit einer Form von Herzensbildung und vor allem mit Unkorrumpierbarkeit in eins ging, hätte es ein solches Forum mit solchem Erfolg nicht gegeben. Darum gilt der allererste und wichtigste Dank diesem Mann.

Zur Aufgabe der Autoren den Jungen gegenüber sagte Herbst: Was wir tatsächlich bewirkten, vielleicht, ist sprachliche Weichenstellung. Das Forum ist ein Marktplatz, es bietet erste Publikationsmöglichkeiten und Austausch. Heute erfolgreiche Schriftsteller sind aus dem Forum hervorgegangen, wie Thomas Hettche, Bettina Schoeller, Christian Filips, Stephanie Menzinger, Ricarda Junge, Nadja Einzmann, Jenny Feuerstein, Maike Wetzel, Daniela Danz. Jan Volker Röhnert und Martina Dreibach waren zunächst Preisträger und Teilnehmer der Workshops, später arbeiteten sie selbst als Mentoren. So haben sich die Zugehörigkeiten in den 25 Jahren verschoben – eine Zeitspanne, die für das Literaturforum eine Art Entwicklungsroman darstellt.

Herbst formulierte weiter: „Die literarische Sensibilisierung, die wir Dichter in den jungen Autoren weiter zu kultivieren bemüht waren und sind, hält dazu an, darüber zu meditieren, weshalb Sprache wider unsere moralische Absicht ein Eigenleben führt, das wir ganz unabhängig von unseren Überzeugungen auszuhorchen lernen müssen, um vielleicht das zuwege zu bringen, was Dichtung genannt ist.“

Zum Inhalt des Forums äußerte sich der Redner wie folgt: „Die Chance des Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen sehe ich als Älterer darin, dass uns die Jungen Themen lehren, die wir Älteren nicht mehr verstehen, und wir lehren die Lust an der Form, der Formung zu Kunst … Wenn uns das gelingt, dann wird es den Jungen vielleicht gelingen, in ihren Literaturen eine Literatur als Kunst zu entwickeln, die vor den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts nicht ähnlich kläglich versagt, wie unsere eigene Literatur vor den Herausforderungen des 20. Jahrhunderts versagte … wenn Literatur als Dichtung überhaupt in Zeiten heftigster medialer Umbrüche noch ein angemessenes Medium für die Bewältigung und vielleicht Abwehr von Unheil ist, indem dieses zumindest begriffen und künstlerisch erkannt wird.“

Er dankte ebenfalls Werner Söllner und Harry Oberländer für ihre wichtige Unterstützung.

Anschließend las die aus dem Forum erfolgreich hervorgegangene Ricarda Junge die Erzählung „Nicht Persien“, in der einfühlsam Nähe und Fremde beschrieben wird. Sie stellte dann Katja Thomas vor, die „Der Nachhall in den Augen der Bewegungsmelder“ vortrug – eine traumwandlerische Parabel.

Im zweiten Teil des Abends hörte das Publikum, darunter Autor Paulus Böhmer, zunächst Maike Wetzel mit ihrer grausam berührenden Geschichte „Die Katze“. Danach las Clara Ehrenwerth eine Brieferzählung, die sich mit der Oberflächlichkeit in unserer Gesellschaft auseinandersetzte.

Heute und morgen Abend wird die Geburtstags-Lesung des Jungen Literaturforums fortgesetzt, sie findet am Freitag mit einem Fest ihren Abschluss.

JF

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