Abenteuer Holocaust – Gibt es ein neues Erzählen über die NS-Zeit? / Kontrovers-Debattenreihe über aktuelle Tendenzen in der zeitgenössischen Jugendliteratur fortgesetzt

Katarina Bader, Professorin an der
Hochschule der Medien Stuttgart,
Lektor Frank Griesheimer

Anhand von drei unlängst erschienenen Romanen wurde lebendig, undogmatisch und kontrovers in der Münchner Stadtbibliothek im Gasteig diskutiert, ob man Literatur für junge Leute heute anders schreiben muss/soll/kann (oder eben nicht), als das bisher geschehen ist.
Die besprochenen Romane waren
David Safier: 28 Tage lang (Rowohlt)
Marcin Szczygielski: Flügel aus Papier (Fischer Sauerländer)
Jürgen Seidel: Blumen für den Führer (cbt)
Mit Katarina Bader hatten die Veranstalter eine kenntnisreiche Expertin eingeladen, deren Stimme den Diskurs in der Jugendliteratur bereichert, zumal sie persönliche Erfahrungen einbringen kann. Als 18-Jährige hat sie den polnischen KZ-Überlebenden Jurek kennengelernt, mit dem sie dann bis zu seinem Tod in den hohen 80-er Lebensjahren eine Freundschaft verband. Dabei wurde ihr klar, dass die Juden, „die das Typische erlebt haben, eben nicht überlebt haben – und nur diejenigen, denen Außergewöhnliches widerfahren ist, konnten überleben.“

Das Publikum war über 2 Stunden gebannt dabei

Dies hat sie u.a. zum Engagement im Stiftungsrat der internationalen Jugendbegegnungsstätte Auschwitz gebracht. Da auch die letzten Überlebenden der NS-Epoche aus Altersgründen bald nicht mehr verfügbar sind, müssen auch hier neue Formen der Erinnerungskultur gefunden werden.

Bader zu Safiers Roman: „Das Buch hatte es wegen seiner Aufmachung als Thriller nicht leicht bei mir – aber es hat mich dann gegen meinen Widerstand erobert.“ Wohingegen für die Mitdiskutanten Christine Knödler und Frank Griesheimer die Grenze von der „mitreißenden Geschichte“ zum „Reißerischen“ überschritten war.

Christine Knödler, Literaturkritikerin und
Dr. Martin Schäuble, Autor und Journalist

Der aus dem Polnischen übersetzte Roman Flügel aus Papier wurde wegen seiner phantastischen Handlung (ein Junge aus dem Ghetto versteckt sich im Warschauer Zoo und hat dort Tiere als Freunde) als Kinderbuch eingestuft. Die Kombination von realen Fakten der Historie mit Fantasy-Versatzstücken und dem Einsatz einer Zeitmaschine nach H.G. Wells wurde jedoch als überkonstruiert und verharmlosend eingeschätzt.

Nicht leicht hatte es auch Jürgen Seidels Blumen für den Führer, der die heute schier unbegreifliche Faszination schildert, die Hitler auf viele junge Frauen ausgeübt hat. Katarina Bader verwies darauf, dass die Verführung der Jugend damals doch eher durch raubeinige Lagerfeuer- als durch verträumte Prinzessinnen-Romantik erfolgt sei.

Einig waren sich die Debattanten, dass die oft kolportierte Anschauung, die Jugendlichen heute seien der Beschäftigung mit der Nazi-Thematik überdrüssig, nicht zutrifft. Wichtig sei, dass man nicht moralisch-gewichtig daherkomme, sondern den Bezug auf das eigene Leben herstelle, denn: „Junge Menschen sind empathiebegabt“ (Katarina Bader) und „Es ist nicht alles vorbei“ (Martin Schäuble im Hinblick auf Pegida und ähnliche Ressentimentkocher). Junge Autoren, auch aus ganz entlegenen Ländern, wie der Australier Markus Zusak mit seiner Bücherdiebin haben gezeigt, dass man sich der Thematik immer wieder auf neue Weise nähern kann. Ob es ein „neues Erzählen“ gibt? Die im Publikum anwesende Mirjam Pressler meinte dazu lakonisch, es gelte heute wie je: “Man muss eine gute Geschichte erzählen.“
Ulrich Störiko-Blume

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