Ach, Poetik! 50 Jahre Poetikdozentur in Frankfurt

Durs Grünbein, Hans Magnus Enzensberger,
Ruth Fühner (v.l.)

Zu einer Matinee hatte hr2kultur heute in den Sendesaal des Hessischen Rundfunks eingeladen. Die von Ruth Fühner geleitete Gesprächsrunde bestritten Durs Grünbein, der am 1. Dezember zum Stellenwert der Worte sprechen wird, und Hans Magnus Enzensberger, Poetik-Dozent im Wintersemester 1964/65.

1959 richtete die Goethe-Universität Frankfurt zunächst mit dem S. Fischer Verlag die erste Poetik-Dozentur in Deutschland ein. Erste Gastleserin war Ingeborg Bachmann.

Seit 1963 kooperiert die Goethe-Universität zu dieser Veranstaltungsreihe mit dem Suhrkamp Verlag.

Die Dozenturen bieten einen breiten Rahmen. Die Vortragenden, manche schon kurz nach ihrem Debüt am Pult, können sich selber auf die Schliche kommen, aus dem Nähkästchen plaudern, aktuelles Geschehen reflektieren. Mit all dem haben Durs Grünbein und Hans Magnus Enzensberger, der damals über die Rolle des Schriftstellers sprach, wenig im Sinn.

Ein Einspieler zeigte Christa Wolf, sie äußerte sich 1982 zu ihrem Kassandra-Thema, formulierte die Spannung zwischen der Abhängigkeit von Formen und dem sich ständig verändernden Leben.

Ruth Fühner wollte im Gespräch drei Ansichten ausloten; die Gäste als Leser, als Autoren und als Vortragende.

„Man ist ein bisschen wie ein Radiokopf, überlegt nicht nur selbst, sondern nimmt andere Dinge, die im Umfeld geschehen, mit auf“, erläuterte Hans Magnus Enzensberger.

Verschiedene Arbeitsweisen beleuchtete Durs Grünbein. Während er sich eher als „Archäologen“ sieht, schildert er den Kollegen als „Luftgeist“. Trotz diametraler Arbeitsweisen verstehe man sich aber ganz gut.

Nach dem, was auf dem Schreibtisch der Autoren liegt, befragt, bedauert Hans Magnus Enzensberger: „Zwei Kursbücher sind leider gleichzeitig verschwunden, das Literaturmagazin und der Fahrplan der Deutschen Bahn.“

Zur Publikumswirksamkeit äußerte Enzensberger: „Bestsellerlisten sind das Problem der Romanciers, nicht das der Lyriker“.

Ein zweiter Einspieler zeigt den grandiosen Ernst Jandl 1984 und macht die Körperlichkeit des Schreibens sichtbar.

Das Bild körperlicher Anstrengung nahm Enzensberger auf: „Manchmal bekommt man etwas geschenkt, ein Wort, einen Satz. Dann zieht man daran wie an einer Angel, man muss Leine geben. Und manchmal hängt ein alter Schuh an der Angel.“

Die Rolle neuer Erkenntnisse sprach Durs Grünbein an, erklärte das mit seinem Drang nach Wissen. Ob sich aufgrund naturwissenschaftlicher Denkweise etwas Methodisches im Schreiben ändert wäre noch zu klären.

Enzensberger knüpft an den Gedanken, mehr erfahren zu wollen, an und formuliert seine Ansicht im Hinblick auf die Gesellschaft deutlich: „Der Wunsch, ein Idiot zu bleiben, ist im Schwinden“ – eine positive Entwicklung.

Auf der Leinwand ist dann Robert Gernhardt im Jahr 2001 zu sehen, der sich lange weigerte, die Dozentur anzunehmen; er sei noch nicht so weit.

Die Fortsetzung der 50. Poetikdozentur folgt nach diesem amüsanten Entree ab kommenden Dienstag.

JF

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