Begleitprogramm zu „Doppelleben“: Die Anfänge der Buchmesse nach 1945

Wulf D. von Lucius, Juergen Boos,
Hans Altenhein, Vittorio E. Klostermann (v.l.)

Gestern Abend fand sich eine illustre Runde auf und vor dem Podium des Literaturhauses Frankfurt zusammen, um über die Messeanfänge nach dem Krieg zu reden.

Buchmesse-Direktor Juergen Boos übernahm mit sichtbarer Freude nach einem anstrengenden Tag die Moderation, es diskutierten Wulf D. von Lucius, Hans Altenhein und Vittorio E. Klostermann.

Schnell ging es vom Tagesgeschehen, das vom Gerangel um das am Wochenende stattfindende Symposium im Vorfeld der diesjährigen Buchmesse gekennzeichnet war, zu den Anfängen des Verkaufs beschriebenen Papiers über. In Fässern wurden die Blätter im 12. Jahrhundert auf Schiffen in die Städte transportiert. Ganz soweit zurück wollte man an diesem Abend nicht gehen, das Jahr 1945 bildete die Zäsur.

Vittorio E. Klostermann, dessen Vater Vittorio Klostermann am 1. Oktober 1930 der Klostermann Verlag in Frankfurt gründete, berichtete von den Problemen der Verlagsgründung nach dem Krieg. Schließlich musste man, um eine Lizenz zu erhalten, den berühmten Fragebogen ausfüllen, dabei bekamen viele Schwierigkeiten.
Einige Autoren des Klostermann Verlags waren während des Naziregimes Verfolgungen ausgesetzt, der Verlag selbst überstand die Zeit mit Mühe und gehörte zu den ersten, die nach 1945 eine Lizenz erhielten.
Der Neubeginn war von Improvisation geprägt – in den Verlagen, den Druckereien und im Buchhandel. Bücher waren begehrt, nur der Papiermangel setzte der Produktion Grenzen. Botho Holzer, an diesem Abend im Publikum, erzählte von seinen Anfängen als Lehrling im Klostermann Verlag, dessen Autor er später wurde.

Wulf D. von Lucius berichtete von seinem ersten Messebesuch im Jahr 1955 als sechzehnjähriger Gymnasiast in ungeheizten Hallen mit dunkelbraunen Kunstledervorhängen.
Nach der Währungsreform 1948 wollte keiner mehr die vordem produzierten Bücher auf schlechtem, dünnem Papier haben, umstanden waren die Schweizer Verleger mit ihren Büchern auf blütenweißem Papier.
Außerdem berichtete Wulf D. von Lucius vom Wandel der Messe im Laufe der Zeit. War sie früher eine Handelsausstellung, ist sie heute eine Tagungsmesse, geprägt von Lizenzverhandlungen und gefeiert als Medienereignis.

Hans Altenhein erinnerte an den jahrelangen Konflikt zwischen Gottfried Beermann-Fischer und Peter Suhrkamp, der ebenfalls zur Verlagsgeschichte der Nachkriegsjahre gehört.

Zum Standort Frankfurt diskutierte das Publikum mit. Maria Gazzetti forderte mehr Flexibilität und Unterstützung. Warum gibt es beispielsweise keine Nachtbuchhandlung, die nach Veranstaltungen Bücher verkauft? Warum so wenig Lesecafés?
Peter Weidhaas erzählte von eigenen Messeerfahrungen, auch von den Schwierigkeiten der Buchmesse, die es schon immer gegeben hat.
Luise-Maria Dreßler meldete sich zu Wort: Sie war die Einzige im Raum, die an der 1. Buchmesse 1949 teilgenommen hat. 20 Jahre lang kümmerte sie sich um den Stand der Büchergilde auf der Frankfurter Buchmesse.

Es war ein anregender Abend, der mit dem offiziellen Schluss noch lange nicht beendet war: Man freute sich, alte Bekannte zu treffen und über alte Zeiten zu plaudern.

JF

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