Berlin: Bravo-Rufe für Stéphane Hessel

Ein bewegender Auftritt gestern Abend in Berlin. Stéphane Hessel stellte im Gespräch mit dem Literaturkritiker Peter von Becker Spazieren in Berlin vor, eine Neuedition des Buches von Franz Hessel, die im Verlag für Berlin-Brandenburg erschienen ist.

Stéphane Hessel

„Spazieren in Berlin“ erschien erstmals 1929, im selben Jahr als Alfred Döblin „Berlin Alexanderplatz“ publizierte. Der Autor und Rowohlt Lektor Franz Hessel, der in Berlin und Paris lebte, ist der Vater des heute 93-jährigen Stéphane Hessel, der gerade mit seiner Streitschrift Empört Euch! (Ullstein) weltberühmt wurde.

Das Literaturhaus Berlin hatte mit einem großen Ansturm gerechnet und war mit der Veranstaltung in einen Saal der Akademie der Künste ausgewichen. Doch auch der platzte aus allen Nähten. Der Schauspieler Frank Arnold, der ausgewählte Passagen aus „Spazieren in Berlin“ las, bezeichnete das Buch des Flaneurs Franz Hessel als ein Geschenk. Für Peter von Becker, den Moderator des Abends, ist es bis heute der schönste Berlin-Reiseführer und noch immer hochaktuell. Franz Hessel sei zwar weniger bekannt, aber in einem Atemzug zu nennen mit Walter Benjamin, seinem Kollegen mit dem zusammen er Proust übersetzte, so von Becker.

Stéphane Hessel, der ehemalige französische Diplomat und engagierte Menschenrechts-Aktivist, beschreibt im Geleitwort zu der von Moritz Reininghaus herausgegebenen Neuedition die Erinnerungen an seinen Vater, mit denen er auch gestern Abend das Publikum in seinen Bann zog. Heute enthalte das Werk seines Vaters für ihn eine Botschaft aus dem „noch nicht von Nazi-Gräueln entwürdigten und zerstörten, hin zu dem endlich vereinigten und zeitgemäß geschönten Berlin des jungen 21. Jahrhunderts“.

Stéphane Hessel verspricht, die Botschaft seines Vaters weiterzutragen: „Jahr um Jahr kommt sie mir näher. Ohne sie erscheint es mir heute, können wir die bedrohliche, gefährliche, zerbrechliche Gesellschaft unserer Zeit nicht bewältigen.“

Für eine gerechtere Gesellschaft plädiert Hessel auch in seiner Streitschrift „Empört euch!“. Mehr als 2,2 Millionen Exemplare seien bisher verkauft. „Aber es sind noch viel zu wenige“, sagte Hessel, der auf den Erlös aus dem Verkauf verzichtet. Die Honorare fließen in Hessels Engagement für die Menschenrechte. In Frankreich ist bereits der Folgeband Engagez-vous! erschienen. Im Gespräch mit dem jungen Journalisten Gilles Vanderpooten vertieft Hessel seine Vorstellung von einem engagierten Leben. Die deutsche Übersetzung erscheint am 15. Juli ebenfalls im Ullstein Verlag.

Stéphane Hessel erwies sich an diesem Abend einmal mehr als begnadeter Redner. „Man muss sich engagieren, nachdem man sich empört hat“, rief er den Zuhörern zu. Das Publikum war begeistert und bedankte sich mit Bravo-Rufen und lang anhaltendem Applaus.

ML

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