Berlin: Bundespräsident Horst Köhler erinnerte in der Akademie der Künste an die Bücherverbrennung vor 75 Jahren / Der Georg Olms Verlag stellte die Bibliothek verbrannter Bücher vor

Mit Scham erinnerten sich die Deutschen daran, dass nicht nur in Berlin, sondern überall

Bundespräsident Horst Köhler, seine Frau Eva Luise
und Klaus Staeck

im Land unter dem Jubel Zehntausender Zuschauer die Bücher von Kästner, Freud, Marx, Tucholsky und vielen anderen Schriftstellern ins Feuer geworfen wurden, sagte Bundespräsident Horst Köhler heute in der Akademie der Künste am Pariser Platz bei einer zentralen Gedenkveranstaltung. Ausrichter waren neben der Akademie der Künste, der Börsenverein, das P.E.N. Zentrum Deutschland und der Verband Deutscher Schriftsteller. „Es war eine freiwillige Selbstaufgabe des Geistes, wie sie in zivilisierten Staaten beispiellos ist“, sagte Köhler. Es sei nur ein kleiner Schritt gewesen von der Ausgrenzung der Juden zur Verbrennung ihrer Bücher, sagte Köhler, und abermals ein kleiner Schritt von der Vernichtung der Bücher zur Verbrennung von Menschen. Das Gedenken an die Bücherverbrennung erinnere die Deutschen auch an eine bleibende Aufgabe: Den Schutz des Geistes und der Humanität. „Wer Bücher, wer Filme, wer Theateraufführungen, wer Karikaturen verbieten will, der ist auf dem falschen Weg.“

Julius H. Schoeps und Verleger W. Georg Olms (v. l.)

Wie kein anderes Medium symbolisierten Bücher das individuelle Denken, die Welterkenntnis und die Lebenserfahrung des Einzelnen. „Bücher sind die geistigen Lebensmittel schlechthin.“. Daher sollten öffentliche Bibliotheken angemessen ausgestattet werden und in Stadt und Land ausreichend präsent sein.

Unter den Gästen war auch Jürgen Serke [mehr…] dem Köhler ausdrücklich für seine Bemühungen um die Erinnerung an die einst verbrannten und verbannten Autoren dankte.

Erinnerung könne nur Bestand haben, wenn sie an die kommenden Generationen

Bundespräsident Köhler mit Schülern

weitergegeben wird, sagte Köhler weiter und lobte das Projekt der anwesenden Schülerinnen und Schüler, die sich nicht nur intensiv mit der Geschichte der Bücherverbrennung beschäftigt, sondern auch heutige Beispiele von Gewalt und Menschenverachtung gesammelt haben. Die Jugendlichen zitierten anschließend aus aktuellen Meldungen zu neonazistischen Übergriffen, darunter die Verbrennung der Tagebücher von Anne Frank vor zwei Jahren in Pretzien [mehr…]. Günter Lamprecht, Jutta Wachowiak, Volker Braun, Ingo Schulze und Herta Müller lasen aus verbotenen und verbrannten Büchern.

Nicht weit entfernt, im Deutschen Historischen Museum präsentierten zeitgleich der Georg Olms Verlag und das Moses Mendelssohn Zentrum Potsdam die auf 120 Bände angelegte „Bibliothek Verbrannter Bücher“ [mehr…]. Die ersten zehn Bände sind nun in einer Kassette lieferbar. Das Erscheinen der weiteren 110 Bände ist für das Frühjahr 2009 vorgesehen. Der Subskriptionspreis dafür beträgt 999 Euro (ab 31. März 2009 1.280 Euro).

Um die nachfolgenden Generationen zu erreichen, wolle man mit der Bibliothek ein lebendiges Mahnmal schaffen, sagte Julius H. Schoeps, der Direktor des Moses Mendelssohn Zentrums. „Wir hoffen, damit einen Teil des Kulturbruchs von 1933 zu beheben.“

Als Kriterium für die von einem wissenschaftlichen Beirat ausgewählten 120 Titel galt u.a. die Anziehungskraft für Leser von heute. Dank der Förderung durch mehrere Stiftungen sollen über 4000 weiterführende Schulen die ersten zehn Bände als Geschenk erhalten. Symbolisch überreichte ein Zeitzeuge, der 98-jährige Schriftsteller und Psychologe Hans Keilson, Buchkassetten an zwei Schulen aus Berlin und Brandenburg.

Ergänzend zur Bibliothek sind drei wissenschaftliche Begleitbände in Vorbereitung. Der Band „Orte der Bücherverbrennung in Deutschland 1933″ liegt seit heute vor.

Informationen unter www.olms.de und www.verbrannte-buecher.de

ML

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