Berlin: CH. Links Verlag präsentierte Günter Grass‘ Stasi-Akte

Günter Grass und Christoph Links auf der Bühne

Gestern Mittag stellte Günter Grass im Gespräch mit Verleger Christoph Links im voll besetzten Berliner Ensemble das Buch Günter Grass im Visier. Die Stasi Akte vor, das gerade im Ch. Links Verlag erschienen ist.

Kai Schlüter, Redakteur bei Radio Bremen und Autor des Buches, hat sich durch mehr als 2200 Seiten Akten gekämpft und das Wichtigste herausgefiltert. Akten aus 28 Jahren: von 1961, als Grass erstmals ins Visier der Staatssicherheit geriet, bis 1989. Entstanden ist eine Dokumentation mit Kommentaren von Günter Grass und Zeitzeugen.

Anfangs hatte Grass sich geweigert, Einsicht in seine Akten zu nehmen. Der Westen habe aus Siegersicht auf die Dokumente geschaut, bedauerte Grass, und der Stasi einen späten Triumpf geliefert, weil man die Akten als Wahrheit gewertet habe. Der Schriftsteller misstraut dem scheinbar dokumentarischen Charakter der Berichte, dennoch sei er schließlich mit der Veröffentlichung einverstanden gewesen, denn darin spiegele sich auch ein Stück deutsch-deutscher Literaturgeschichte, so Grass.

Am Signiertisch: Günter Grass und Kai Schlüter,
dahinter stehend: Verleger Christoph Links

Er erzählte von seinen Begegnungen mit DDR-Kollegen, von Lesereisen und von Enttäuschungen, weil Schriftsteller und Verleger sich für Bespitzelungsdienste hergaben. „Das sind Dinge, die schmerzen.“ Geltungssucht und Erpressbarkeit vermutet Grass als Gründe für die IM-Tätigkeit.

Die Stasi habe ihn auch im Visier gehabt, weil man sich nicht vorstellen konnte, dass jemand beide Gesellschaftssysteme kritisiert habe. Auch die Bundesrepublik sei Anfang der sechziger Jahre alles andere als ein demokratisches Aushängeschild gewesen. Grass kündigte an, nun auch Akteneinsicht beim Bundesnachrichtendienst zu beantragen. Auch um den Stil der Berichte zu vergleichen.

Im Umgang mit der DDR-Vergangenheit warnte Grass vor einem Schwarz-Weiß-Denken: „Ich hoffe, dass dieses Buch dazu beiträgt, zu differenzieren und genauer hinzuschauen“, sagte Grass. „Wer im Westen gelebt hat, hat kein Recht, den Stab zu brechen.“ Man könne das Geschehen nur mit Trauer und Erstaunen zur Kenntnis nehmen. Grass mahnte abschließend aufs eigene Lager zu schauen. Die Demokratie, in der wir heute leben, sei brüchig und durch sich selbst gefährdet. „Politik ist in erkennbarem Maße käuflich geworden. Darauf sollten wir unsere Aufmerksamkeit lenken.“

Das Publikum dankte mit lang anhaltendem Applaus und viele eilten zum Büchertisch und reihten sich ein in die lange Schlange am Signiertisch.

Wer sich für Grass‘ Stasi-Akte interessiert, muss keine wissenschaftliche Edition fürchten. Die Dokumentation sei vielmehr ein Lesebuch, schreibt Kai Schlüter im Vorwort. Sein Anliegen, „das versteckte, verstreute und schwer zugängliche Material einer größeren Öffentlichkeit leicht lesbar zur Verfügung zu stellen“, ist erreicht.

ML

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