„Buchhandlungen sind ökologische Zellen“

Roland Reuß in der Buchhandlung Ypsilon

Viele Interessierte hatten sich gestern Abend im Café der Buchhandlung Ypsilon in Frankfurt am Main eingefunden: Roland Reuß (Foto) stellte sein gerade im Stroemfeld Verlag erschienenes Buch FORS – Der Preis des Buches und sein Wert vor.

Ausgangspunkt des Werkes sind die 96 Briefe des Kunsthistorikers und Sozialreformers John Ruskin, die er von Januar 1871 bis März 1978 monatlich an seinem jeweiligen Aufenthaltsort verfasste und an eine englische Druckerei schickte. Gerichtet waren diese Briefe an die „Workmen and Labourers of Great Britain“.

So entstanden 96 Oktavbände unter dem Titel Fors Clavigera. Ruskin entschied sich dabei gegen jede Werbung. Die Hefte wurden zu einem festen, im ganzen Land gültigen Preis verkauft: Die Buchpreisbindung war erfunden.

Roland Reuß stellte fest, dass geistiges Eigentum zunehmend von anderen angeeignet wird. Zwar habe es dieses Vorgehen schon immer gegeben, doch die gesellschaftliche Zustimmung zu diesem Diebstahl war noch nie so groß. „Rechtliche Regelungen geraten in Vergessenheit mahnte Reuß.

„Denn alles, was entsteht, ist wert, daß es zugrunde geht“, lässt Goethe Mephisto in Faust I sagen. „Diese Aussage stimmt nicht. Historische Errungenschaften sind nicht vom Himmel gefallen. Es gilt, darum zu kämpfen“, widerlegt Reuß. Vielmehr müsse man im Sinne Hölderlins im Schlussvers von Patmos „Bestehendes gut deuten“.

„Der Buchpreis entspricht einem bestimmten Wert“, erläuterte Reuß und erklärte, dass er das vorliegende Buch selbst gesetzt, auf Format, Schrift, Zeilenabstand geachtet und das mit dem Verlag – Verleger KD Wolff im Publikum nickte – diskutiert habe. Persönliche Arbeit sei eingeflossen, und die habe einen Wert. Und einen Preis.

Reuß wehrte sich zudem gegen Sprachungenauigkeiten. So sei aus dem „Arbeitsamt“ das „Jobcenter“ geworden. Arbeit und Job hätten jedoch nicht die gleiche Bedeutung. Er stellte fest, dass viele nach der Maxime handelten „Wenn es nichts abwirft, wird es auch nicht gemacht.“ Damit hätten auch Verlage ihre Probleme; viele Editionshäuser befänden sich am Rande des Möglichen, weil ihnen bestimmte Publikationen am Herzen lägen – aber eben „nichts abwerfen.“

„Das wissenschaftliche Publizieren wird durch SPD und Grüne in Staatliches überführt“, bemerkte der Literaturwissenschaftler und sieht darin eine fatale Entwicklung. Beispielsweise seien die Kafka-Ausgaben des Stroemfeld Verlags nicht gefördert worden, weil sich der Herausgeber Roland Reuß geweigert habe, „die Sachen online zu stellen“. „Riesengeldmengen werden derzeit für Open Access ausgegeben“, fügte er hinzu. Das funktioniere jedoch nur so lang, wie Print und Online parallel liefen. Es sei daher „deppen-dämlich“, wenn der Autor für seine Veröffentlichungen auch noch zahlen müsse. „Wissenschaft braucht keine Staatspublikation“, stellte er fest. Entschieden wandte er sich gegen die Anweisung, dass Uniprofessoren alle ihre Publikationen online veröffentlichen müssen. Damit setzte man die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte außer Kraft: Im Artikel 17 Absatz 2 heißt es: „Niemand darf willkürlich seines Eigentums beraubt werden“, eben auch nicht seines geistigen Eigentums.

Gemeinsam mit KD Wolff hatte Roland Reuß den Internetriesen Amazon wegen der Kafka-Raubdrucke verklagt. Beide siegten. Amazon wolle in Berufung gehen. „Amazon will natürlich die Buchpreisbindung kippen“, deshalb würden verschiedene Internetplattformen aufgekauft und die Bücher dort entweder günstiger oder auch sehr viel teurer angeboten. „Man will besondere Bedingungen mit den Verlagen aushandeln. So kann Amazon über die Verkaufszahlen auch die Inhalte steuern.“ Noch sei das in Deutschland nicht der Fall, in den USA aber bereits gang und gäbe.

Ausdrücklich warnte er vor einem Freihandelsabkommen mit den USA, das fatale Folgen für Deutschland hätte.

In Bezug auf die Buchhändler, von denen einige im Publikum saßen, bemerkte Reuß: „Der Buchhändler muss sich sein Angebot leisten können.“ Amazon sei kein wirklicher Mitbewerber, sondern „die Perversion des Wettbewerbs“.

Roland Reuß erinnerte an legendäre Buchhandlungen wie die Weiss’sche Universitätsbuchhandlung in Heidelberg. Oder die Buchhandlung Felix Jud in Hamburg. Sie habe eine entscheidende Rolle in der antifaschistischen Gruppe Weiße Rose gespielt. Er nannte in diesem Zusammenhang den Buchhändler Reinhold Meyer, unter ungeklärten Umständen 1944 im Polizeigefängnis Fuhlsbüttel verstorben. Seine Schwester Anneliese Tuchel führte die Buchhandlung am Jungfernstieg in Hamburg bis 1998.

In der anschließenden Diskussion forderte Roland Reuß Aufklärungsarbeit von allen Verantwortlichen. „Wenn wir nur konstatieren, wird sich nichts ändern.“ Einer Meinung aus dem Publikum, dass man gegen die großen Internetanbieter sowieso nichts ausrichten könne, entgegnete der Autor drastisch: „Wenn sich solch eine defätistische Haltung durchgesetzt hätte, würde man heute noch Hexen verbrennen.“

Er forderte auf, genau hinzuschauen, sich gegen Unrecht und den oft schleichenden Abbau demokratischer Errungenschaften zur Wehr zu setzen: „Lokale Buchhandlung sind ökologische Zellen“, sagte er. Und diese müssten dringend erhalten und gepflegt werden.

JF

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