Imaginärer Osten – imaginärer Westen – transkulturell denken

Dr. Ahmet An (l.) im Gespräch mit
Juergen Boos

Heute um 11 Uhr begann im Plenarsaal im Frankfurter Römer das internationale Symposium. Zur Eröffnung begrüßte Alexandra Prinzessin von Hannover als stellvertretende Stadtverordnetenvorsitzende und Hausherrin die etwa 140 Gäste.

Tanıl Bora vom Organisationskomitee Ehrengast Türkei führte ins Programm ein.
Murathan Mungan, einer der bekanntesten türkischen Gegenwartsautoren, bezeichnete sich als Autor zwischen den Welten: Er wandte sich gegen die vorherrschende Einteilung in Ost und West, übrigens eine Einteilung des Westens und damit eine Kategorisierung vorab, die es aufzulösen gilt.
In den allgemeinen Vorstellungen wird der Osten mythologisiert, ein System von Zuweisungen seitens des Westens gegenüber dem Orient entstand. Im Osten sind aus Angst vor westlicher Vereinnahmung in sich geschlossene Gesellschaften entstanden. Nun geht es darum, um Verständnis für den anderen zu werben. Die Buchmesse bietet eine gute Gelegenheit dafür, denn wenn die Türkei als Brücke zwischen Osten und Westen bezeichnet wird, ist das kein Klischee, sondern die Wahrheit.

Anschließend sprach Johano Strasser, Vorsitzender P.E.N. Deutschland und stellte eine Schülerbefragung in Deutschland an den Anfang seiner Ausführungen. Diese lieferte erschreckende Zahlen von Überfällen auf Ausländer und die Bereitschaft dazu. Andererseits hat die Fußball-WM gezeigt, dass ein friedliches Neben- und Miteinander durchaus möglich ist.
Wenn die Türkei Mitglied der EU werden möchte, müssen die Menschenrechte dort geachtet werden. Es gibt zwar Schritte in die richtige Richtung, allerdings auch noch Zahlen, die dem widersprechen: So seien in den letzten drei Jahren 1000 Kritiker des Türkischen Staates verfolgt worden. Die Meinungsfreiheit muss stärker geachtet werden.
Globalisierung, darauf wies Strasser hin, ist so neu nicht. Sie diente schon lange der Entdeckung fremder Kulturen und der Erweiterung des Horizonts im positiven Sinne. Denn: Je mehr wir voneinander wissen, je aufmerksamer wir einander wahrnehmen, desto besser können wir einander verstehen. Die Buchmesse in diesem Sinne zu nutzen und sich der gemeinsamen Menschlichkeit zu versichern, ist die Aufgabe in den nächsten Tagen.

In der ersten Sitzung ging es um die „Kulturen“ des Ostens und des Westens. Im Podium hatten Khaled Hroub, Medienwissenschaftler und Journalist aus Cambridge/Ramallah, Lale Yalçın Heckmann, Anthropologin im Max-Planck-Institut für Soziale Anthropologie in Halle – sie moderierte, Nurdan Gürbilek, Literaturkritikerin und Essayistin, Istanbul, und Necmi Sönmez, Kunstkritiker und Kurator, Essen, Platz genommen.

Kultur, begann Heckmann, ist kein einheitliches Gebilde. Die Anerkennung kultureller Differenzen ist wichtig für die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit.
Es stellen sich verschiedene Fragen: Warum erscheinen uns alte und neue Kultureinteilungen problematisch? Wie kann man geografische Grenzen in dieser Einteilung in Frage stellen?
Nurdan Gürbilek ging auf die Darstellung von Weiblichem und Männlichem in der türkischen Literatur ein. Dabei wird der Westen überwiegend als das verführend Weibliche, der Osten als das Männliche dargestellt. Oft kommt die Angst des männlichen Prinzips vor der übermächtigen Weiblichkeit zum Ausdruck. Aber es ist auch von Gemeinsamkeit, von Hochzeit die Rede. Verlustängste des alternden Liebhabers spielen ebenfalls eine Rolle.
Khaled Hroub bestätigte, dass die Einteilung in Ost und West viele Probleme mit sich bringt. Er plädierte deshalb für eine Sprache vielmehr von westlichem und östlichem Spektrum. Er sieht die Türkei als Mittler, als Brücke zwischen den bestehenden Kulturen.
Necmi Sönmez hingegen macht, so sagt er, die Brücken-Vorstellung krank. Er betrachte die Verständigung zwischen beiden Kulturen als gerade am Anfang. Es gilt, viele Vorurteile und Fehlinformationen, die in Deutschland gegenüber der türkischen Kunst bestehen, zu überwinden. Man muss zu einem Dialog auf gleicher Augenhöhe kommen. Der Kulturaustausch, den es seit etwa zehn Jahren zwischen beiden Ländern gibt, sollte verstärkt werden.
In der anschließenden Fragerunde ging es um das Bild von Deutschland als Vertreter für den Westen in der Türkei, die Furcht der islamischen Welt vor der Entwicklung in der Türkei und die Rolle der Frau in der türkischen Kunst.

Die zweite Sitzung am Nachmittag beschäftigte sich mit dem Thema: Die Welt nach dem 11.9.2001 – West und Ost in der wechselseitigen Angst. Oder: Einige Leben sind wichtiger als andere!
Moderatorin Dilek Zaptcioglu, Journalistin und Autorin aus Istanbul, stellte voran, dass es weniger um Religionen, sondern vielmehr um die zunehmende Macht des Geldes geht. Die sozialen Unterschiede verschärfen sich weltweit, die Würde des Abstands geht verloren.
Seyla Benhabib, Philosophin und Professorin für politische Theorie an der Yale University, und – wie sie betonte – Bürgerin von Istanbul, ging auf Veränderungen des Grundgesetzes und ihre Auswirkungen in der Türkei ein. Die in den Medien so oft erwähnte „Kopftuchdebatte“ verdecke allerdings andere, weit wichtigere Diskussionen um freiheitliche Rechte.
Asef Bayat, International Institute for the Study of Islam in the Modern World, Leiden, machte auf den Wandel in der Orientalistik aufmerksam.
Joachim Hirsch, Politikwissenschaftler aus Frankfurt, forderte, bei allen gesellschaftlichen Entwicklungen genau hinzuschauen. So wird die eigentliche Wende in der Politik nicht durch das herausragende Datum, sondern vielmehr durch den Zusammenbruch der Sowjetunion Jahre früher markiert. Alle Geschichte spiegelt das komplizierte Wechselverhältnis zwischen West und Ost.
In der anschließenden Diskussion ging es um die Bedeutung des säkularen Staates, die Glaubensfreiheit als normalen Zustand der menschlichen Vernunft und die Notwendigkeit der Aufklärung der Menschen.

Die dritte Sitzung behandelte das Thema: Westen und Osten – Vormundschaft oder eine neue Ära der Übereinkünfte?
Die wechselvolle Geschichte des Balkans sprach Tanıl Bora, Lektor, Schriftsteller und Übersetzer aus Ankara, an. Nachfolgend machte Mahmood Mamdani auf das Schicksal der Menschen von Darfour aufmerksam und beleuchtete Hintergründe.
Um die Unterschiede zwischen Orientalismus und Okzidentalismus ging es Meftem Ahıska, türkische Sozialwissenschaftlerin. Sie warnte vor einem Rassismus sowohl im Westen als auch im Osten und forderte eine humanistische Herangehensweise in beiden Wissenschaftsrichtungen. Schließlich ginge es um das Schicksal der Menschheit, die entweder gemeinsam untergehen oder aber durch gegenseitige Hilfe fortbestehen kann.
Über Ehrenverbrechen und Traditionen sprach Nükhet Sirman, türkische Soziologin. Bei Ehrenverbrechen wird deutlich, dass es immer um Machtverlust geht.
Das Symposium schloss mit einem Empfang der Stadt im Foyer des Kaisersaals und einem Konzert seinen ersten Tag erfolgreich ab.

JF

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