Imaginärer Osten – imaginärer Westen – transkulturell denken

Dr. Ahmet An

Mit der vierten Sitzung „Das Projekt Europäische Union als ‚Festung Europa’ oder ‚Idee’ von Europa?“ begann heute der zweite Tag des Symposiums.

Harald Müller, Professor an der Hessischen Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung in Frankfurt, stellte fest, dass der Begriff Europa schwierig zu fassen ist. Nach Betrachtung der letzten Zeit scheint Europa ein Verdauungstrakt zu sein, der sich mit der Einverleibung der süd-osteuropäischen Länder erhebliche Schwierigkeiten zugezogen hat.

Aykut Çelebi, türkischer Politikwissenschaftler, stellte fest, dass es kein einheitliches Gebilde Europa gibt, sondern verschiedene Betrachtungsweisen auf eine variable Einheit zu beobachten sind: Es gibt die Einheit der Währung, die der Grenzern, die des Handels.
Seit 2004 wird das Thema Türkei-Aufnahme in die Europäische Union diskutiert. Seit Ende 2005 spielt dann der Gedanke der „Festung Europa“ eine Rolle. Und es ist zu beobachten, dass – je höher die Festung gebaut wird –, desto stärker entwickelnd sich nationalistische und faschistoide Tendenzen in der Türkei. Die letzten Umfragen zeigten, dass etwa die Hälfte der türkischen Bevölkerung für, die andere Hälfte gegen einen EU-Beitritt ist. Dabei hängen beide Lager stark von Emotionen und der Konjunktur ab und sind rational wenig greifbar.

Das eigentliche europäische Ziel, nämlich größere Freizügigkeit, hat in der Türkei zu größerer Isolation geführt. Und eindeutig ist festzustellen: Die „Barbaren“ sind längst vor der Festung Europa angekommen.
Dieter Diederichsen, Philosoph und Autor aus Köln, konstatierte, dass sich in den letzten Jahren in den EU-Staaten das Patchwork der Bürgerrechtsbewegungen nahezu aufgelöst hat.
Heute steht nicht mehr kulturelle Diversität im Vordergrund, sondern verschiedene Fortschrittsprojekte treten gegeneinander an. Doch Diversität muss mit gesellschaftlichem Fortschritt verbunden werden, sonst ist ein Gelingen aussichtslos.
Harald Müller bemerkte: Das, was uns heute an der Türkei stört, – Einschränkung der Meinungsfreiheit, Pressefreiheit und Religionsfreiheit, die Rolle des Militärs, der Umgang mit Minderheiten – sind die von Kemal Atatürk übernommenen „preußischen Tugenden“. Wenn wir aber Europa im Einzelnen betrachten, hat jedes Land Teile dieser nicht zu tolerierenden Herrschaftsmechanismen angewandt. Überspitzend fügt er im Rückblick auf die bundesrepublikanische Geschichte hinzu: „Die Kittelschürze war in den 50er Jahren das germanische Äquivalent zur afghanischen Burka“.
In der anschließenden Diskussion wurde festgestellt, dass die Trennungslinie eigentlich nicht zwischen EU und Türkei verläuft, sondern zwischen Kriegsbefürwortern und Kriegsgegnern. Und geht es nicht im Grunde um eine Trennung zwischen Arm und Reich?
Harald Müller erinnerte an die Ideen bei der Gründung der europäischen Gemeinschaft. Damals war wichtig, dass in Europa der Frieden gesichert wird, keine Diktaturen herrschen und Wohlfahrtsstaaten etabliert werden sollten. Dieser letzte Gedanke ist in den vergangenen 15 Jahren abhanden gekommen, aber die Großtaten der Bänker in den letzten Jahren werden uns künftig verstärkt an diesen Wert erinnern.

In der abschließenden Sitzung, die von Mark Terkessisidis, in Deutschland lebender Journalist und Autor, moderiert wurde, forderte Nilüfer Göle, in der Türkei und in Frankreich arbeitende Soziologin, genauer hinzuschauen: Die Wege der Menschen kreuzen sich ständig, ohne dass sie einander wirklich begegnen. Sie warb um mehr Verständnis füreinander.
Onur Bilge Kula, Professor für Germanistik in Istanbul, warf einen Blick zurück in die Geschichte und die Bücher, die seit Hunderten von Jahren das Denken Europas beeinflussten und brachte so die historische Dimension der Diskussion ins Spiel.
Imran Ayata, Autor aus Berlin mit türkischen Wurzeln, erzählte von den Autofahrten seiner Kindheit von Deutschland in die Türkei, die auf der Europastraße 5 durch mehrere Länder Europas führten. „Vielleicht sind solche langen Reisen belehrender und informativer als der schnelle Flug über die Ländergrenzen hinweg“, sinnierte er.

In der Diskussion wurde festgestellt, dass eine rationale Debatte über Europa schwierig ist, da die Menschen von vielen Emotionen bewegt werden. Auch führen Emotionen zu positivem Engagement im Sinne Europas, auf das wir nicht verzichten können.

In den Abschlussbemerkungen wies Dr. Ahmet Arı, Generalkoordinator des Ehrengasts Türkei, darauf hin, dass in diesem Symposium viele Fragen aufgeworfen wurden und eine Diskussion in Gang gekommen ist, die sich während der Buchmesse fortsetzen wird.

In diesem Sinne wertete auch Messedirektor Juergen Boos die Veranstaltung. Er bedankte sich bei den Organisatoren und würdigte das Engagement der Teilnehmer. Auf der Buchmesse wird die Debatte, vielleicht hier und da polemischer, fortgesetzt werden.

Die Simultanübersetzungen in den Sprachen Englisch, Türkisch und Deutsch an beiden Tagen übernahmen Sema Yesiltepeli, Sebnem Bahadir, Bernhard Heuvelmann und Günther Brenner; ihnen gilt für ihre Arbeit ein besonderes Dankeschön.

JF

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