Debatten-Duell: massenweise Bücherpreise – oder doch nur einer?

Gratulation für Rina vom mediacampus

Gestern Abend fand in der Romanfabrik in Frankfurt zum 41. Mal das Debatten-Duell statt. Kooperationspartner des 2005 gegründeten Debattierclubs Vae Victis war dabei der Börsenverein des Deutschen Buchhandels anlässlich des zehnjährigen Jubiläums des Deutschen Buchpreises in diesem Jahr.

Im Mittelpunkt der drei Runden mit insgesamt vier Teams, denen jeweils drei Diskutanten angehören, standen folgerichtig das Schreiben und die Bücher. Die Mannschaften haben nach Bekanntgabe des konkreten Themas jeweils 15 Minuten Zeit, um sich vorzubereiten.

In dem Wortgefecht vertritt nach Auslosung eine Seite das „Pro“, die andere das „Contra“. Die Redezeit jedes Vortragenden beträgt drei Minuten. Nach den Positionen der ersten vier Vertreter haben Gäste aus dem Publikum die Möglichkeit, ihre Meinung zu äußern.

Nach einer eindrucksvollen Eröffnungsfanfare begrüßte Vae Victis-Vorstand Markus Borbach die zahlreichen Gäste und erläuterte die Regeln.

Das erste Thema hieß Soll Schreiben Wahlfach werden?. Dafür sprachen sich Joshua, Tobias und Simon aus – alle haben bereits an verschiedenen Debatten teilgenommen und sind Studenten der privaten Frankfurt School of Finance & Management.
Das gegnerische Team bestand aus Jana, Rina und Netti vom mediacampus frankfurt.
Netti argumentierte, dass es schön sei, handgeschriebene Liebesbriefe auch nach Jahren noch lesen zu können – selbst wenn es mit dem damaligen Freund Gott sei Dank nichts geworden sei. Außerdem: Was macht man, wenn die Akkus der Smartphones, Pads und Tablets leer sind? Und wie verändert sich die Welt, wenn keiner mehr mit der Hand Schreiben kann?

Tobias konterte, dass man nicht mehr per Flaschenpost kommuniziere, sondern sich über Videoverbindung von einer Ecke der Welt mit der anderen unterhalten kann. Er führte Steve Jobs ins Rennen, der das Smartphone mit der Entwicklung der Multi-Touch-Funktion revolutionierte. Mit der Spracherkennung sei sogar das Tippen überflüssig geworden.

„Komisch, wenn das alles nicht mehr notwendig ist, warum macht sich hier jeder noch Notizen?“, fragte Rina von der Gegenseite.

Aus dem Publikum kommt der Einwurf: „Schreiben ist wichtig – ohne die Unterschrift meiner Kunden wäre ich als Verkaufsleiter arbeitslos.“ Ein weiterer Gast gab zu bedenken, dass durch die Spracherkennung die Sprachenvielfalt und die Mundarten verloren gingen. „Dann werden wir alle zu Hannoveranern – und wer will das schon nach dem, was bereits aus dieser Ecke kam.“

Jana wandte ein, dass die Bildungsschere sich noch vergrößern würde, wenn Schreiben zum Wahlfach werden würde.

Sieger dieser ersten Runde waren nach Wahl des Publikums die Damen vom mediacampus.

Das zweite Thema lautete Autoren müssen Crowd-Editionen zulassen. Dafür sprach sich das Team Kritiker mit Benedikt, Kai und Insa aus, die Gegenposition vertrat die Mannschaft Texter mit James, Stefan und Patrick. Leider wurde nicht näher auf den Begriff Crowd-Editionen eingegangen, so lief in der Debatte einiges verquer.
Insa führte den Autor Giwi Margwelaschwilli an. Der deutsch-georgische Schriftsteller habe seine Bücher ständig verändert, viele seiner Werke seien noch nicht veröffentlicht. Er sei praktisch seine eigene Crowd.

„Autoren-Werke werden in der Crowd vergewaltigt“, äußerte James von der Gegenseite. Als Beispiel führte er die Bibel an, in den späteren Fassungen sei viel verändert worden.

„Am besten, die ganze Welt schreibt ein Buch“, schlug Benedikt vor.

Stefan hielt dagegen: „Krethi und Plethi dürfen nicht in der Crowd mitmischen.“ Außerdem drohe mit der Crowd ein Welle von Urheberrechtsstreitigkeiten. „Wir wollen nicht, dass die, die am lautesten schreien, gewinnen.“

Ein Gastdiskutant brachte die Absurdität auf den Punkt: „Crowd ist out. Es könnten Algorithmen entwickelte werden, nach denen jeder das gewünschte Buch erhält.“
Diese etwas unübersichtliche Runde verloren die Kritiker, so entschied das Publikum.

Sollte es einen Book Prize on Demand geben? hieß das letzte Thema, zu dem die Gewinner der Vorrunden antraten: Die Texter vertraten die Pro-Seite, die Frauen vom mediacampus mussten die Contra-Seite einnehmen.

Thomas Seifried von Vae Victis erinnerte vor dem Debatten-Duell noch an Thomas Bernhard und sein Buch Meine Preise, in dem sich der Autor über den Literaturpreisbetrieb lustig macht.

„Kennt einer hier Sully Prudhomme?“, fragte James. Kannte keiner, ist aber der erste Träger des Literaturnobelpreises. „Ein Preis ist gut für die Präsentation. Aber er gerät auch schnell in Vergessenheit“, schlussfolgerte James.

„Statt der vielen Literaturpreise in Deutschland sollte es nur noch einen geben“, wandte sich Netti gegen die unübersichtliche Fülle von Preisen.

„Jeder sollte seinen eigenen Buchpreis bekommen. Später wird mit einem Siegel die Qualität der Preise bewertet. Ich bin für einen Darwinismus der Buchpreise“, plädierte Stefan.

Ziemlich abwegig reagierte das Publikum: Bedeute Book Price on Demand nicht, dass man in die Buchhandlung gehe und dem Buchhändler einen Preis für ein Buch vorschlage? Auch hier kam einiges durcheinander. Außerdem wurde ein Jeff Bezos Prize vorgeschlagen, verliehen für Bestseller der Internetplattform.

Das empörte dann doch: Man sollte schon über den Tellerrand schauen. Auszeichnungen wie beispielsweise der Deutsche Buchpreis seien Empfehlungen und keine Auswahl von beliebigen Bestsellern.

Die mit einem Augenzwinkern zu nehmende Debatte entschieden nach Meinung des Publikums schließlich die Texter für sich. Als beste Rednerin wurde Rina gewählt.

Zum Schluss wurde es doch noch ernst: Patrick erinnerte an die türkische Studentin Tugce in Offenbach am Main, deren Hirntod die Klinik am Vormittag bestätigt hatte. „Tugce setzte sich mit Worten für die Schlichtung eines Streits ein und wurde mit Fäusten geschlagen. Wir sollten trotzdem weiter mit Worten kämpfen, das sind wir ihr schuldig.“

JF

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