Denis Scheck befragt Salman Rushdie zu seinem neuen Roman

Denis Scheck und Salman Rushdie

Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte heißt der Titel des kürzlich auf Deutsch erschienen neuen Romans von Salman Rushdie. Das Literaturfest München lud den Autor in Zusammenarbeit mit dem C. Bertelsmann Verlag ein – im ausverkauften Cuvilliés-Theater wurde der seit 1989 „vom Todesurteil eines alten sterbenden Mannes“ (so nannte Denis Scheck die Fatwa) bedrohte Autor am Donnerstagabend mit stehendem Applaus begrüßt.

Die rotsamtene Rokoko-Kulisse bot einen eigenartigen Kontrast zur Atmosphäre des rasant erzählten, pointen- und gedankenreichen Romans über die Auseinandersetzung zwischen Gläubigen und Ungläubigen oder besser: der Unvernunft gegen den Verstand. Dunia, die Fürstin des Lichts, liebt den Philosophen Ibn Rush und zeugt mit ihm viele Kinder. Ibn Rush gilt als Gottesfeind, sein Gegenspieler ist der tiefgläubige islamische Philosoph Ghazali. Als die Geister der beiden in Streit geraten, steht nichts weniger als die Existenz der Welt auf dem Spiel. Solche Gefühle beschlichen uns zuletzt auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges.

Festival-Kurator Albert Ostermaier war sichtlich und verständlicherweise stolz, dass er diesen Weltautor auf „seinem“ Festival begrüßen konnte. Rushdie sei der lebende Beweis dafür, dass „Literatur das Beste ist, das wir gegen Terror machen können“. Gesprächspartner für den vollkommen entspannten und zum Scherzen aufgelegten Autor war Denis Scheck, der laut Albert Ostermaier selbst „zur puren Literatur geworden“ sei. Scheck setzte das auf Englisch geführte Gespräch mit Rushdie souverän in eine deutsche Fassung um.

Wann sich der 1947 in Bombay geborene Autor zum ersten Mal mit Religion beschäftigt habe? Wenn 1968 jemand behauptet hätte, nur wenige Jahrzehnte später würde sich die Religion, zumal eine so rückwärts orientierte wie der Islam, zur stärksten Kraft der Welt entwickeln, wäre er für verrückt erklärt worden. Während Rushdie sich in London, wie alle westliche Jugend, mit „sex, drugs & rock´n’roll“ vergnügte, haben die „Uncoolen“ (so Rushdie) im Hintergrund an ihrer Machtergreifung gearbeitet. Wenn die Vernunft sich mit der Fantasie verbünde, entstehe Kunst; wenn die Unvernunft sich aber allein entfaltet, erzeuge sie Monster.

Das zeigen uns die Märchen, „das Schatzhaus unserer literarischen Tradition“ (Scheck). „Unsere erste Begegnung mit der Literatur sind immer die Märchen. Wenn wir erwachsen werden, reden wir verächtlich über sie“, erklärte Rushdie, „und dann bilden wir uns ein, sie haben uns nichts mehr zu sagen.“ Er bekennt, dass ihm die deutschen Märchen mit ihren dunklen Wäldern à la Schwarzwald voller Wölfe und Hexen viel besser gefallen als die englischen Fairy Tales, die oft in lichten Wäldchen spielen mit entzückenden Feen, die sich unter Pilzdächern vor dem Regen schützen. Märchen sind keine wahren Geschichten, aber sie drücken Wahrheiten aus.

Natürlich stellt Scheck die Frage, was Rushdie zu den jüngsten Ereignissen in Paris meint. „Das ist der Horror, aber ich bin stolz auf die Pariser. In Anspielung auf den nach dem Charlie Hebdo-Anschlag virulenten Slogan Je suis Charlie sagen sie jetzt Je suis en terrasse – sie lassen es sich nicht nehmen, dem freien Leben den Vorrang zu geben.“

Rushdie las selbst ein Kapitel auf Englisch, welches dann vom Residenztheater-Schauspieler Norman Hacker in der deutschen Fassung von Sigrid Ruschmeier vorgetragen wurde. Höhepunkt war die expressive Lesung eines späteren Kapitels durch Norman Hacker, in dem ein aus der Flasche befreiter Dschinni so richtig in Wut gerät; das bereitete dem Autor sichtbar Eindruck und Freude.

Als Frontispiz ist dem Buch Francisco Goyas Radierung Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer vorangestellt – das hätte laut Salman Rushdie ebenso gut der Titel des Romans werden können. Ein bewegender Abend – ein beeindruckender Autor – ein explosives Buch in einer explosiven Lage.

Ulrich Störiko-Blume

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