Frankfurt: Wiedereröffnung und Buchpremiere

Gila Lustiger

Bereits am 10. März wurde das Hessische Literaturforum im Mousonturm in Frankfurt nach einer mehrwöchigen Renovierungspause wieder eröffnet. Gestern Abend fand dort eine sehr gut besuchte Buchpremiere mit Gila Lustiger statt.

Mit dem ebenfalls anwesenden Verleger Georg Oswald, Berlin Verlag und im Gespräch mit Harry Oberländer stellte Lustiger ihren soeben erschienenen Essay Erschütterung. Über den Terror vor.

„Es ist ein kluges, viele Fragen stellendes, mutiges Buch. Und es lässt Rückschlüsse zu, wie wir richtig mit den Flüchtlingen in Deutschland umgehen sollten“, würdigte Björn Jager, Leiter des Literaturforums, in seiner Begrüßung. Beim Lesen der knapp 160 Seiten könne man außerdem der Schriftstellerin bei der Arbeit zuschauen.

Georg Oswald erklärte: „Gila Lustiger war nach den Terroranschlägen am 13. November 2015 in Paris eine gefragte Ansprechpartnerin für die Medien. Der Berlin Verlag hat sie bei der Arbeit an ihrem Roman Die Entronnenen, für den sie 2015 den Robert Gernhardt Preis [mehr…] erhielt, gestört. So kam es zum Essay – ein gelungener Versuch.“

Harry Oberländer stellte die in Frankfurt geborene und seit 1987 in Paris lebende Autorin und ihr Buch kurz vor. „Bei Gila Lustiger verbinden sich persönliche Betroffenheit und intensive Recherche. Es ist wichtig, die Lähmung im Angesicht des Terrors zu überwinden.“ Die Autorin heftete nach dem Anschlag Listen mit Informationen und Zeitungsausschnitte an die Wand. „In den ersten Tagen nach dem Terror habe ich alles gesammelt, was ich bekommen konnte, hatte das Handy immer dabei und immer laut gestellt“, erzählte Lustiger. Doch die meisten Informationen seien im Konjunktiv geschrieben gewesen, es habe eine Info-Spirale gegeben, jeder bezog sich auf eine andere Quelle. „Gefragt waren jedoch effiziente Maßnahmen, doch die Ermittlungsarbeit dauert. Die Regierung handelte schnell mit Einschränkungen bürgerlicher Freiheiten“, beschrieb die Autorin die Situation.

„Das Volksempfinden, das es nicht zulässt, Maßnahmen zu hinterfragen, flößt mir Angst ein“, sagte Lustiger, „ich kann der eigenen Erschütterung nur mit präzisen Fakten begegnen.“ Sie erinnerte an eine Szene, die vielfach im Fernsehen wiederholt wurde, in der ein Vater vor laufender Kamera nach seiner Tochter Natalie fragt und bis zu Premierminister Manuel Valls durchdringt. Von der Tochter, die als Beleuchterin im Bataclan arbeitete, hatte er seit Tagen nichts gehört. „Niemand ist fähig, mir zu sagen, wo sie ist. Warum sagt mir keiner was? Das ist unzumutbar, unzumutbar in diesem Land“, sagte der Vater.

Als es 2005 nach dem Tod von zwei Jugendlichen in einem Transformatorenhäuschen zu Gewaltexzessen in den Vororten kam, haben Soziologen wie Michel Wieviorka darauf hingewiesen, „dass es in den Banlieues niemanden gab, mit dem der Staat über mögliche Lösungen hätte verhandeln können“, schreibt Lustiger und zitiert Wieviorka: „Die nackte Gewalt entsteht dort, wo jede Form von Vermittlung, jede Moral und Ethik fehlen.“

„In der Politique de la ville, der sogenannten sozialintegrativen Stadtpolitik, gab es eine Vielzahl von Ansätzen, der Ausgegrenztheit der Jugendlichen zu begegnen. Das spiegelt aber auch die Ratlosigkeit der Verantwortlichen wider“, erläuterte Lustiger. „Es gibt kein Allheilmittel gegen Arbeitslosigkeit. Und es nützt nichts, den Jugendlichen Programm überzustülpen. Viele der Ausgegrenzten haben das Gefühl, dass ihnen kein Respekt entgegengebracht wird.“

32 Bibliotheken wurden seit 2005 zerstört, öffentliche Einrichtungen. „Aber Sprache war für die hoffnungslosen Jugendlichen ein Mittel der Demütigung. Das Versprechen der Gleichheit war für sie nicht eingelöst worden“, stellte die Autorin fest.

Mit den Anschlägen von Paris im November 2015 sei eine neue Dimension erreicht worden. „2005 hatten die Randalierer weder die Grenzen ihrer Banlieues noch die Grenzen ihres Denkens überschritten. Das hatte sich im November verändert.“ Es fehle eine Integrationsfigur, ein kluger Motivator. Und weder Parteien noch Gewerkschaften hatten es geschafft, die Jugendlichen in die Gesellschaft einzubinden. Lustiger sprach von der allgemeinen Ansicht, dass „Einwandererkinder als ungelöstes Problem“ betrachtet würden. Und sie stellte einen „Realitätsverlust der radikalen Linken“ fest.

Harry Oberländer bemerkte nach den von Gila Lustiger vorgetragenen Passagen: „Das Bewusstsein, dass wir etwas ändern können, macht Mut.“ Er verwies auf Lustigers Rede anlässlich des Robert Gernhardt Preises, in der sie sagte: „Nach Kriegsende waren zehn Millionen Displaced Persons in Europa unterwegs. Ohne die Entscheidung der Alliierten, diesen Menschen zu helfen, wäre meine Familie wohl gestorben. Es muss doch 70 Jahre später möglich sein, dass Europa Menschen auf der Flucht ebenfalls hilft.“

Im anschließenden Gespräch mit dem Publikum wurden noch viele Aspekte zum Thema Terror angesprochen; Gila Lustiger erhielt Applaus für ihr mutiges Buch.

Bereits einen Tag vorher öffnete das Hessische Literaturforum mit einer Veranstaltung zu dystoptischen Romanen. Zwar musste Valerie Fritsch kurzfristig absagen, aber Heinz Helle und Thomas von Steinaecker waren gekommen. In einer Doppelmoderation mit Björn Jager und Malte Kleinjung stellten sie Helles Eigentlich müssten wir tanzen, 2015 im Suhrkamp Verlag erschienen, und Steinaeckers Die Verteidigung des Paradieses, gerade bei S. Fischer publiziert, vor.

Das neue Interieur des Saals kommt bei den Besuchern gut an. Das leicht konkav gestaltete Podium mit einem hinter schwarzem Holz verborgenen Schrank, einem hellen Holzboden und zwei ebenfalls konkaven, großformatigen Bildkompositionen des Architekten Felix Raschke harmoniert gut mit den grün-türkisfarbenen Vorhängen am Podium und an der Fensterfront und dem dunkelgrauen Fußboden. Die vier Stuhlreihen, die rund 50 Besuchern Platz bieten, sind flexibel stellbar.

Das Programm für März und April steht; ein Höhepunkt ist sicher der Abend am 26. April mit Etgar Keret, den Hans-Jürgen Balmes moderieren wird.

JF

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