Frankfurter Lesefestival mit über 11.000 Besuchern

Leslie Malton las

Heute Vormittag wurde Frankfurt liest ein Buch nach 14 Tagen mit einer festlichen musikalisch-literarischen Veranstaltung in Dr. Hoch’s Konservatorium beendet [mehr…]

Zu den rund 80 Lesungen, Vorträgen, Filmvorführungen, Stadtspaziergängen, Gesprächen und musikalischen Events, organisiert unter Federführung von Lothar Ruske mit etwa 70 Partnern an 60 Orten, waren über 11.000 Besucher gekommen. Im Mittelpunkt stand Frankfurt verboten von Dieter David Seuthe, erschienen bei weissbooks.w.

Durch das Abschlussprogramm führte Daniella Baumeister, hr2-kultur. Die Matinee begann mit den Stücken Andantino und Vivace aus der Sonate für Klavier und Violine von Bernhard Sekles. Der unter anderem von Engelbert Humperdinck ausgebildete Komponist, Dirigent und Pianist jüdischer Abstammung lehrte als Musikpädagoge am Hoch’schen Konservatorium, war ab 1923 dessen Direktor und richtete mehrere neue Fächer ein, darunter 1928 die weltweit erste Jazzklasse. 1933 wurde Sekles von den Nazis entlassen und starb ein Jahr später völlig mittellos an Tuberkulose in Frankfurt. Sekles spielt auch in Frankfurt verboten eine Rolle.
Monica Gutman, Klavier, und Marat Dickermann, Violine, interpretierten sein Werk und holten es somit aus der Vergessenheit.

Anschließend las die Schauspielerin Leslie Malton den Schluss des Buches. Sarah, die Tochter der Protagonistin Elise Hermann, erfüllt das Schicksal ihrer Mutter. Sie spielt 64 Jahre später das Konzert, das Elise Hermann 1933 verboten worden war – im damals dafür extra von Clara Hermann, Elises Mutter, geschneiderten Kleid und am Schimmel-Flügel der Mutter, der um die Welt gereist war und nun nach Frankfurt zurückkehrte.

Die Abschlussveranstaltung fand zwar nicht, wie jenes Konzert 1997, im Clara-Schumann-Saal, sondern im benachbarten Engelbert-Humperdinck-Saal statt. Es stand auch kein Schimmel-Flügel, sondern ein Instrument von Steinway & Sons zur Verfügung. Aber in die Atmosphäre konnten sich die Zuhörer mühelos hineinversetzen.

Ein weiteres musikalisches Denkmal setzte Monica Gutman dem Komponisten Ervin Schulhoff; sie spielte aus seinen 1926 komponierten Jazz-Etüden für Klavier. Der ebenfalls aus einer jüdischen Familie stammende deutsch-böhmische Schulhoff, der in die Sowjetunion übersiedelte, wurde nach Einmarsch der deutschen Wehrmacht zum Feindbürger, in Prag interniert und verstarb 1942 in einem Lager für Bürger anderer Staaten auf der Wülzburg in Bayern.

Im Gespräch mit Daniella Baumeister erklärte der Autor Dieter David Seuthe: „Ich bin unheimlich dankbar, dass dieses Buch in den letzten zwei Wochen so viele Menschen erreicht hat.“ Das Thema sei viele Jahre in seinem Kopf gewesen. Als Seuthe Dr. Hoch’s Konservatorium besuchte, um zu recherchieren, erhielt er von Peter Cahn wertvolle Aufzeichnungen über die Geschichte des Hauses. „Das war das erste Kapitel, was mir zugefallen ist. Weitere Geschichten fügten sich an“, erzählte Seuthe. „Wenn ich als Psychotherapeut Lebensgeschichten höre, landen einzelne Sätze, die das Leben eines Menschen ausmachen, in meinem Kopf. Ich bin so etwas wie der Geburtskanal der Geschichten.“ Figuren aus dem Kopf würden mit realen vermischt. „Ich habe versucht, das Leben in den 1930er Jahren zu erspüren“, sagte der Autor und ergänzte: „Die damalige Stimmung und die Entwicklung hin zum Nationalsozialismus musste unter der Oberfläche gegärt haben. Heute müssen wir aufpassen, dass so etwas nie wieder passiert.“ Angst habe damals eine große Rolle gespielt, die Nazis traten mit sehr viel Gewalt an.

Seuthe bemerkte: „Für uns, die wir – anders als zurzeit 60 Millionen Menschen – nicht auf der Flucht sein müssen, ist es Verpflichtung, die Hand zu reichen.“

Der Autor wünschte sich abschließend, dass sein Buch verfilmt werde.

Den musikalischen Schlusspunkt setzten Monica Gutman und Marat Dickermann mit fünf Stücken nach der Dreigroschenoper von Kurt Weill, für Violine und Klavier bearbeitet von Stefan Frenkel.

Da der Vorsitzende des Vereins Frankfurt liest ein Buch, Klaus Schöffling, krankheitsbedingt nicht anwesend sein konnte, bedankte sich der stellvertretende Vorsitzende Eldad Stobetzki bei allen, die das Lesefestival auch in der siebten Auflage wieder zu einem Erfolg werden ließen.

JF

Kommentare (0)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.