Frankfurter Lyriktage mit Lesungskonzert eröffnet

Gestern Abend wurden im Dominikanerkloster in Frankfurt die 5. Frankfurter Lyriktage eröffnet. In einem Lesungskonzert präsentierten der Autor Jan Wagner, die Komponistin Carola Bauckholt und acht Musiker des Ensembles Modern mit dem Dirigenten Pablo Druker Texte und Musik.

Frankfurts Kulturdezernentin Ina Hartwig stellte fest: „Lyrik ist heiterer, vernetzter, jünger und bunter geworden. Die Lyriktage sind ein starkes Signal und ein Bekenntnis der Stadt Frankfurt zu einem Genre, das sich nicht rechtfertigen muss.“ Lyrik gehöre inzwischen zu den „großen Überraschungen der Gegenwartsliteratur“. Hartwig gratulierte Jan Wagner zum Georg-Büchner-Preis – die Entscheidung war vor zwei Tagen bekannt geworden.

Das Festival findet bis zum 1. Juli in Frankfurt sowie in 14 Orten der Region statt. Unterstützt wird es vom Kulturfonds Frankfurt RheinMain und zum ersten Mal von der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen.

Sonja Vandenrath, Festival- und Programmleiterin der Frankfurter Lyriktage, gratulierte ebenfalls: „Mit Jan Wagner haben wir nun neben Jürgen Becker, Marcel Beyer und Volker Braun den vierten Büchner-Preisträger unter den rund hundert Teilnehmern der Lyriktage.“ Die Mitwirkenden kommen nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus Tunesien, Syrien, Argentinien, Großbritannien, der Schweiz, den USA und Frankreich – das Festival ist internationaler geworden.

Lyrik sei „keine Randerscheinung, sondern ein Kulminationspunkt der Literatur, an dem Sprache auf die Höhe ihrer Möglichkeiten getrieben wird. Worte setzen sich im Kopf fest und entwickeln dort ihr Eigenleben.“ Die Durchlässigkeit von Poesie und Musik präge mehrere Festivalabende. Vandenrath forderte auf, sich bei den 36 Veranstaltungen an zehn Tagen auf Entdeckungen einzulassen.

Das Lesungskonzert zur Eröffnung sei keine Vertonung von Gedichten, sondern ein Wechselspiel von Text und Musik. Die Idee, die Komponistin Carola Bauckholt einzubinden, stamme von Julia Cloot vom Kulturfonds Frankfurt RheinMain.

Jan Wagner begann mit versuch über mücken aus Regentonnenvariationen, bei Hanser Berlin 2014 erschienen und mit dem Leipziger Buchpreis 2015 ausgezeichnet. Musik setzte später ein, weit weniger nervend als das Sirren der Mücken – bis auf den Schluss.

Das Ensemble Modern spielte anschließend Bauckholts Komposition Treibstoff, dann folgte Wagner mit giersch – „kehrt stets zurück wie eine alte schuld, | schickt seine kassiber | durchs dunkel unterm rasen, unterm feld, | bis irgendwo erneut ein weißes widerstandsnest | emporschießt“. Textzeilen mit musikalischem Ausklang. Bei rettich bleibt Sirenenklang fast schmerzlich im Ohr hängen. Jan Wagner trug Zeilen über ein Pferd, die Eule, Quitten und Quallen vor, darunter Gedichte aus Selbstporträt mit Bienenschwarm, publiziert ebenfalls bei Hanser Berlin 2015. Es waren Verse darunter, die ein Lächeln auf die Gesichter der Besucher zauberten. Oder Zeilen, die nachdenken ließen, fast Mitleid hervorriefen (gecko). Insgesamt waren es 21 Texte, darunter bisher Unveröffentlichtes, die mit selbstständigen Kompositionen abwechselten, manchmal wurden Worte musikalisch in Szene gesetzt, manchmal gingen Poesie und Musik ineinander über. Pferdetrappeln konnte man ausmachen, das Geräusch eines langsamer werdenden Eisenbahnzugs, das Wimmern eines Kindes. Oder war es schon das Jaulen des Huskys? Musik trug fort, insistierte, öffnete Räume, irritierte, verwunderte, erdete. Genau wie die Worte.

Das Ensemble Modern – Jonathan Weiss (Flöte, Bassflöte), Jaan Bossier (Klarinette, Bassklarinette), Sophie Patey (Klavier), Jagdish Mistry (Violine), Paul Beckett (Viola), Michael M. Kasper (Violoncello), Paul Cannon (Kontrabass) nutzte nicht nur bekannte Instrumente, sondern setzte – wie Rumi Ogawa (Schlagzeug) – auch Müllbeutel, Gläser, Flaschen, Gießkanne und Spiegel ein. Und an manchen Stellen die eigene Stimme.

Jan Wagner, Carola Bauckholt, Pablo Druker

Ein ungewöhnlicher Abend, nach dem ersten Lesungskonzert zu den Lyriktagen 2015 ein weiterer gelungener Versuch, Poesie und Musik miteinander zu verweben. Mit viel Beifall am Ende der Veranstaltung bedankte sich das Publikum bei allen Akteuren.

Das Programm der Frankfurter Lyriktage ist im Internet nachlesbar.

JF

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