Frankfurter Poetik-Dozentur: Busenattentat und Adornos Tränen

Marcel Beyer

Gestern Abend fand die erste Vorlesung im Rahmen der Frankfurter Poetik-Dozentur an der Goethe-Universität statt, die im Wintersemester der mit zahlreichen Preisen geehrte Marcel Beyer innehat.

Julika Griem, Professorin am Institut für England und Amerikastudien, sprang für Susanne Komfort-Hein, Geschäftsführerin der Poetik-Vorlesungen, ein und begrüßte die Zuhörer. Sie stellte den Autor vor und verwies darauf, dass die Verlage S. Fischer, Schöffling & Co. sowie Suhrkamp die Poetik-Dozentur seit Jahren unterstützen.

Manfred Schubert-Zsilavecz, Vizepräsident der Goethe-Universität, unterstrich, dass die Stiftungs-Dozentur Poetik ein Markenzeichen der Universität sei. Er erinnerte an die erste Poetik-Dozentin Ingeborg Bachmann, die diese Veranstaltungen im Wintersemester 1959/60 eröffnete. Seitdem standen mehr als 65 Schriftsteller vor den interessierten Zuhörern – längst sind das nicht nur Studenten.

Die fünf Vorlesungen Marcel Beyers stehen unter dem Thema Das blinde (blindgeweinte) Jahrhundert. Die Überschrift des ersten Vortrags hieß Die Waffen von morgen.

„Sie dürfen jedes Semester kommen, der Schriftsteller nur ein Mal“, begann Beyer seine Vorlesung. Er müsse erst in diesen Rahmen hineinfinden, verriet er und erzählte von der Zusammenarbeit mit Friederike Mayröcker – beide richteten 1988 gemeinsam in Wien ein Archiv ein. „In einem Schrank befanden sich Notizen von Friederike Mayröcker, gesammelt für den Fall, sie würde einmal Poetik-Dozentin werden. Allerdings drängte sie sich nicht danach; die Dozentur würde sie ein Buch kosten.
Aus diesen Erfahrungen galt für mich: Meine Vorlesungen sind fertig, bevor ich den ersten Vortrag halte.“ Seit Ende Oktober 2015 habe er an den Ausführungen gearbeitet. Jeder Vortrag habe eine andere Form, Figuren und Orte kehrten aber wieder. Betrachtet werde die Zeit Ende der 1960er Jahre, in der Beyer aufwuchs, bis zur Gegenwart.

Beyer griff eine Briefzeile Mayröckers auf: „Wollen Sie mit mir über Tränen sprechen?“, schrieb die Autorin an Beyer, auch dies ein Zitat und zwar von Jacques Derrida. „Nach diesen Worten lese ich Bücher anders“, gestand Beyer.

„Am 22. April 1969 stand Theodor W. Adorno zum vorletzten Mal am Pult an der Frankfurter Universität. Drei junge Frauen aus der Lederjackenfraktion stürmten nach vorn und zeigten Adorno ihre Brüste. Der Professor hielt sich seine Aktentasche vor das Gesicht. Er verließ den Saal“, schilderte Beyer das sogenannte Busenattentat.

30 Jahre nach diesem Vorfall erinnerte sich ein Zeitzeuge, dass Adorno eine Träne im Auge hatte. Später wurde aus dieser Träne ein ganzer Tränenfluss. „Wurde durch diesen Zeitzeugen der wortmächtige Gelehrte Adorno auf Tränen reduziert?“, fragte Beyer, „oder zeigte sich, dass auch ein Sprachgenie Gefühle hatte?“

Fest steht: Ein großer Mann erlitt vor Publikum eine große Niederlage. Napoleon habe nach Berichten von Heinrich von Kleist auf einem Schlachtfeld Ähnliches erlitten.

Oder aber irrte sich der Zeitzeuge bei Adorno? Spielte ihm Mnemosyne, die Göttin der Erinnerung, einen Streich und verwechselte er Adorno mit Adamo? Der nämlich sang 1989 Es geht eine Träne auf Reisen.

Tatsächlich geweint hat Adorno nach seiner von Rufen unterbrochenen Einführung zur Frankfurter Premiere von Alban Bergs Lulu 1960 – so jedenfalls ist es bei Georg Solti nachlesbar. „Aber wo sonst sind Adornos Tränen passender als auf einer Opernbühne?“, bemerkte Beyer.

Der Poetik-Dozent zog noch viele Querverbindungen, nicht jeder im Publikum hatte alle Namen sofort parat. Aber die Vorträge sollen schließlich nicht allgemeingültigen Wahrheiten hübsch verpackt präsentieren, sondern anregen.

Anregend ist ebenfalls die nach dem Vortrag gestern Abend im Fenster zur Stadt im Restaurant Margarete eröffnete Ausstellung. Seit 2012 begleiten Expositionen die Poetik-Dozentur, holen die Schriftsteller auf diese Weise vom Campus ins Stadtzentrum.

Wolfgang Schopf, der die Ausstellung konzipierte, begrüßte die zahlreichen Gäste im Fenster zur Stadt in der Braubachstraße: „Wir haben versucht, Marcel Beyers Werk grafisch umzusetzen.“ So befinden sich an den Wänden nicht nur Auszüge aus Beyers Büchern, der Lyrik-Fries dabei auf Augenhöhe der sitzenden Gäste, sondern auch skurrile Gegenstände, die ein neues Licht auf vermeintlich Gegensätzliches werfen – wie ein VW und sein Zusammenhang mit Francis Bacon.

Die Vorlesungsreihe wird am 19. Januar fortgesetzt, im wöchentlichen Abstand folgen noch drei weitere Vorträge. Am 10. Februar findet die Abschlusslesung im Literaturhaus Frankfurt statt. Bis dahin ist auch die Ausstellung im Fenster zur Stadt zu sehen – und Marcel Beyers Bücher können direkt vor Ort gekauft werden.

JF

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