Franz Hohler beim Literaturfest München und im Gespräch

Franz Hohler, konzentriert

An diesem grauen, verregneten 1. Adventssonntag-Nachmittag sammeln sich 150 Kinder und Erwachsene im Kleinen Konzertsaal des Münchner Gasteig, um von Franz Hohler (Foto) mit einem launigen Grüezi begrüßt zu werden. Hanser-Kinderbuch-Chefin Saskia Heintz stellt ihn als vielfältigen Kreativen vor: Kabarettist, Schauspielautor, Schriftsteller, Kinderbuchautor und obendrein musikalisch beschlagen, auch mit seinen 72 Jahren unermüdlich unterwegs.

Sein neuestes Kinderbuch Die Nacht des Kometen (Hanser) beginnt wie eine ganz normale Sommerferiengeschichte, entpuppt sich dann aber als ein Zeitreisen-Abenteuer. Im Unterschied zu Salman Rushdie, in dessen neuestem Roman die bösen Geister durch eine Zeitfalte auf uns losgelassen werden, können sich bei Franz Hohler diejenigen, die sich für die Vergangenheit interessieren (und das sind vor allem aufgeweckte Kinder und der alte gewitzte Senn Samuel), in der Nacht des Kometen tatsächlich auf eine Zeitreise begeben.

Sie landen vor den Toren Bethlehems, begleiten Maria und Josef auf der Suche nach einer Herberge und erleben die Heilige Nacht auf ihre Weise mit. Während sich ihre Eltern daheim in den Schweizer Bergen riesige Sorgen machen, wo ihre Kinder bloß stecken, sind die beiden Kinder mitten im Geschehen in Bethlehems Stall, samt Ochs und Esel, aber auch Kamel, Murmeltier und Frosch. Die Hirten erscheinen ebenso wie die Heiligen Drei Könige, von denen einer dem alten Senn ziemlich ähnlich sieht. Mit dessen Hilfe gelingt dann auch der Zeitsprung zurück in die Gegenwart. „Man kann nicht alles erklären“, sagt am Schluss des Buches die erleichterte Mutter zu ihrem Mann: „Glaub es doch einfach.“

Die Geschichte ist dabei in dem verschmitzten Humor gehalten, für den Franz Hohler bekannt ist – und er ließ es sich auch nicht nehmen, als Zugabe einige seiner herrlichen Gedichte aus seinem Buch Es war einmal ein Igel vorzutragen – die Kinder im Saal konnten die meisten seiner Reime ergänzen.

BuchMarkt hat nach dem Auftritt mit Franz Hohler gesprochen:
BuchMarkt: Kaum eine Geschichte wird in so vielen Varianten neu erzählt wie die Weihnachtsgeschichte. Was hat Sie bewogen, ausgerechnet diese Geschichte aufzugreifen?
Franz Hohler: Die Geschichte hat mich aufgegriffen. Ich bin oft und gern in Schweizer Bergtälern unterwegs, wo es von bizarren Gesteinsformen wimmelt. Da kam mir die Idee, auf einem solchen Felsen, der einem Kamel ähnelte, eine Zeitreise in eine Wüstengegend zu unternehmen. Und schon war ich bei der Weihnachtsgeschichte.

Es war nicht so, dass sich Ihr Verlag schon seit Jahren von Ihnen eine Weihnachtsgeschichte gewünscht hat?
Doch, aber das wollte ich nie – bis ich eines Tages in den Schweizer Bergen eben diesen Einfall hatte.

Wie reagieren die Kinder auf die Vorstellung „Stell dir vor, du wärst bei der Geburt des Christkinds in Bethlehem dabei gewesen“?
Kinder haben damit überhaupt kein Problem. Ich breche gern in der Realität auf, um ganz woanders anzukommen.

Sie belassen es nicht bei einem augenzwinkernden „Naja, wir stellen uns halt vor, man könne sich auf so eine Zeitreise begeben“, sondern die Kinder sind wirklich verschwunden, und die Eltern machen sich entsprechend riesige Sorgen.
Ich schildere ja sogar die Geburt Christi im Stall, so real, wie eine Geburt wahrscheinlich in keinem gegenwärtigen Kinderroman vorkommt. Dabei hält die 8-jährige Mona die Taschenlampe, und der 10-jährige Jona gibt dem völlig mitgenommenen Josef von seinem Tee aus der Thermoskanne zu trinken.

Sie bauen stets vollkommen realistische Elemente ein – die beiden Kinder finden Münzen auf der Alp, wo sie ihre Sommerferien verbringen. Erst vor wenigen Tagen war es zu lesen: In der Kirschbaumplantage eines Schweizer Bauern wurden über 4.000 alte römische Münzen ausgegraben.
Wenn man etwas Unwahrscheinliches erzählen will, sollte man es so wahrscheinlich wie möglich erzählen.

Als Sie „Die Nacht des Kometen“ geschrieben haben, konnten Sie nicht ahnen, dass diese Geschichte durch die europaweite Welle von Flüchtenden eine unerwartete Brisanz bekommen hat.
Flüchten musste die Heilige Familie ja erst später, aber das Finden einer Herberge in der Fremde ist ein Thema, das sich durch die ganze Menschheitsgeschichte zieht.

Eine Redakteurin der schweizerischen Zeitung BLICK hat in einem Interview mit Ihnen die bezeichnende Frage gestellt „Sie zählen zu den großen Intellektuellen der Schweiz und schreiben immer noch Kinderbücher – warum?“. Sie haben ihr die Frage höflich beantwortet …
… dazu möchte ich aber festhalten: Ich lege keinen Wert auf das Etikett „Intellektueller“. Ich äußere mich öffentlich, wenn ich etwas zu sagen habe. Vorher mache ich mir ein Bild und denke nach. Ich gebe nicht zu allem und jedem Kommentare ab. In dieser Frage kommt ein fundamentales Missverständnis über den Umgang mit Kindern zum Ausdruck. Kinder sind Partner, die Fragen stellen, die wir nicht mehr stellen. Kinder sind Philosophen, wenn uns das Nachdenken vergangen ist. Kinder sind Poeten, mit denen ich schon gemeinsam Geschichten und Gedichte erfunden habe. Wir dürfen sie nicht wie arme Zwerge behandeln, denen das Leben noch bevorsteht.

Franz Hohler hat seine Stimme in der Flüchtlingsfrage erhoben (www.fluechtlings-manifest.ch). Mit der Parole „Das Boot ist voll“ hat sich die Schweiz seinerzeit geweigert, Tausenden von Verfolgten des Naziregimes ihre Grenze zu öffnen. Tatsächlich übervoll sind heute die Flüchtlingsboote im Mittelmeer. „Wir dürfen diesen Satz nicht nochmals zu unserem Leitsatz machen“, sagt Franz Hohler. „Flüchtlinge machen uns hilflos, denn sie sind es, die Hilfe brauchen.“ Und: „Wir fühlen uns von ihnen überfordert. Wir vergessen, dass sie es sind, die überfordert sind von den Verhältnissen in ihrer Heimat.“

Ulrich Störiko-Blume

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