Heinrich Mann und Thomas Mann. Ein deutscher Bruderzwist

Hanjo Kesting

„Doch nun, mein Vetter Hamlet und mein Sohn – “, spricht der König bei Shakespeare. Und Hamlet (beiseite) antwortet: „Mehr als befreundet, weniger als Freund.“ Diese Beurteilung trifft das Verhältnis zwischen den Brüdern Heinrich und Thomas Mann sehr genau.

Hanjo Kesting griff in seiner Einführung des nunmehr dritten Abends der Reihe Die Manns [mehr…] im Holzhausenschlösschen in Frankfurt auf Hamlet zurück, um die Beziehung der Brüder zu charakterisieren. Bereits Thomas Mann nutzte die Worte Shakespeares, um das Verhältnis zu seinem Bruder Heinrich zu beschreiben.

In Textcollagen, bestehend aus Briefen und Dokumenten, gelesen von Ursula Illert, Jochen Nix, der in die Rolle von Heinrich Mann schlüpfte, Siegfried W. Kernen als Thomas Mann und Hanjo Kesting wurde das ganze Ausmaß dieser überaus schwierigen Beziehung deutlich.
Hanjo Kesting verwies auf die Mühe bei der Zusammenstellung der Texte: Während Thomas Manns Briefwechsel weitgehend vollständig erhalten ist, findet man von Heinrich Mann kaum persönliche Schreiben an seinen Bruder.

Im Prolog zieht Hanjo Kesting Parallelen zu literarischen Bruderpaare; Wilhelm und Alexander von Humboldt, Jacob und Wilhelm Grimm, Edmond und Jules de Goncourt. Nirgends jedoch gab es einen solch heftigen Streit zwischen Brüdern.

1900, die Buddenbrooks waren an den S. Fischer Verlag abgeschickt worden, zweifelt Thomas Mann in einem Brief an den Bruder am Leben und an seiner schriftstellerischen Begabung. Noch ist der große Roman nicht veröffentlicht, haben sich außerordentlicher Erfolg und öffentliche Anerkennung nicht eingestellt.

Drei Jahre später, die Buddenbrooks sind längst erschienen, liegt Heinrich Manns Die Jagd nach Liebe vor und wird vom Bruder heftig kritisiert. Zu viel Sexuelles, zu groß der Drang nach Wirkung. Heinrich Mann hält dagegen: Hat der Bruder je eine Frau richtig beschrieben? Tony Buddenbrook komme allzu deutsch und chauvinistisch daher, alle Sexualität in Thomas Manns Texten sei sauber herausgeschnitten.

Die Mutter Julia Mann ist erschrocken über den Bruderzwist, wendet sich jedoch überwiegend an Heinrich, den vier Jahre älteren, und bittet: „Ziehe deine Hand nicht von Thomas zurück.“

1904 verlobt sich Thomas Mann mit Katia Pringsheim und schreibt dem Bruder Heinrich von seinen Glücksgefühlen; Klumpe Dumpe fällt im Märchen von Hans Christian Andersen die Treppe herunter und bekommt trotzdem die Prinzessin zur Frau. „Ich aber bin mehr als Klumpe Dumpe!“, freut er sich.

Heinrich Mann veröffentlicht 1905 sein Buch Der Untertan, das gesellschaftliche Entwicklungen voraussieht. Er zieht Wagners „Lohengrin“ ins Lächerliche – das muss dem Bruder missfallen. So notiert er entsprechend im Tagebuch: „Was für ein liederliches Geschwätz gegen Wagner.“

Im 2. Kapitel des Abends, zusammengefasst unter der Überschrift „Der Zivilisationsliterat und der Unpolitische“ geht es um die Zeit des I. Weltkriegs. Heinrich Mann schreibt seinen Zola-Essay (1915), der 1918 von Thomas Mann in den Betrachtungen eines Unpolitischen beantwortet wird. Klaus Mann notiert im Wendepunkt: „Seltsam fremd und entfernt erscheint der Kriegsvater.“ Egon Friedel schreibt: „Die ‚Betrachtungen’ sind ein einziger deutscher Bruderkrieg.“

Erst 1922 kommt es aufgrund einer schweren Erkrankung Heinrich Manns zu einer Annäherung zwischen den Brüdern. Beide haben wohl die Vorstellung, den bevorstehenden Weg von nun an gemeinsam zu gehen. Doch eine wahre Freundschaft wird es zeitlebens nicht zwischen ihnen geben.

Ein Besucher, der anlässlich des 70. Geburtstags von Heinrich Mann 1941 in Santa Monica zu Gast war, schildert die Feier: „Zuerst zog Thomas Mann eine vorbereitete Gratulationsrede aus der Tasche, dann bedankte sich Heinrich Mann mit einer ebenfalls präparierten Rede. Und alle lauschten deutschen Literaten unter sich.“

Am nächsten Mittwoch, 2. Dezember, endet die Reihe Die Manns mit dem Doktor Faustus.

JF

Kommentare (0)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.