Hermann-Hesse-Abende mit Volker Michels

Plakat zu den Vorträgen

Eigentlich waren vier Vortragsabende mit Volker Michels zu Hermann Hesse in der Frankfurter Bürgerstiftung Holzhausenschlösschen geplant, der für den gestrigen Abend anberaumte Vortrag musste jedoch aufgeteilt werden, denn da war Volker Michels zu Gast bei Gert Scobel in der 3satbuchzeit.

So begeisterte der langjährige Lektor des Suhrkamp Verlags und ausgewiesene Hesse-Spezialist sein Publikum vom 8. bis zum 10. März und sprach in der Reihe Frankfurter Lektoren und ihre Autoren zu vier Themen.

Die gefährliche Lust, unerschrocken zu denken lautete der erste Vortrag am Montag Abend. Bereits im Alter von 12 Jahren hatte sich Hermann Hesse in den Kopf gesetzt, entweder Dichter oder gar nichts werden zu wollen. Er flieht 1892 aus dem Seminar, Anfang des lebenslangen Widerstands gegen Fremdbestimmung. Sieben Jahre arbeitet er als Gehilfe in Tübinger und Basler Buchhandlungen. Endlich, 1904, da ist Hesse 26, erscheint sein erster Roman, Peter Camenzind. „Wer solch eine Durststrecke unbeschadet übersteht, der hat ein Konditionstraining hinter sich, das ihn befähigt illusionslos auch den kommen Zumutungen des Lebens ins Auge zu blicken, um die teuer erkaufte Freiheit nie wieder preiszugeben“, urteilt Volker Michels.

„Sobald ich in eine Arbeit verbissen und produktiv bin, schert alles andre mich nicht. Aber diese Zeiten sind selten und kurz, im Durchschnitt kommt auf ein Jahr nur eine kleine Zahl von Tagen, höchstens Wochen, die wirklich produktiv sind“, schreibt Hermann Hesse in einem Brief 1932 an Arthur Scholl. Die zehn Jahre nach Erscheinen seines Debüts sind für Hesse die wohl glücklichsten und erfolgreichsten. Er wird bekannt, weil die Leser in seinen Büchern eigene Konflikte wieder erkennen. „Denn je stärker das Gefälle ist zwischen dem, was gesagt werden müsste, und dem, was kaum jemand zu sagen wagt, desto größer ist die Nachfrage.“, konstatiert Volker Michels.

Schon 1912, kurz nach seiner Indonesienreise, verlässt Hermann Hesse Deutschland. Er ist der erste freiwillige Emigrant und lässt sich in der Schweiz nieder.
Zwei Jahre später, mit Beginn des Ersten Weltkriegs, galt es, unerschrocken zu handeln. „Vier lange Jahre politischer Erfahrungen im Widerstand gegen den Zeitgeist standen ihm bevor“, bilanziert Volker Michels. 1915 gründete Hesse eine Institution für die Kriegsgefangenen, um ihnen nach ihrer Entlassung ein neues Leben zu ermöglichen. Er setzte sich für die Völkerversöhnung ein – keine gute Idee in den Augen der Machthaber und ihrer Erfüllungsgehilfen, die ihn mit entsprechenden Kampagnen in der Zeitung als „Vaterlandsverräter“ beschimpften. Eine Verleumdung, die noch lange Jahre nachwirkte.

Als zu Zeiten des Vietnamkrieges junge Amerikaner ihre Wehrpässe verbrannten, beriefen sie sich auf Hermann Hesse, der bereits 1917 für die Wehrdienstverweigerung plädierte und in Soll Friede werden schrieb: „Den Staatsmann, welcher heute noch Weltpolitik treiben will aus rein national-eigensüchtigen Programmen heraus … setzten wir ihn doch lieber heute schon vor die Tür als erst, wenn noch mehr Millionen für seine Dummheit geblutet haben werden!“ Worte von brisanter Aktualität.

„Die Macht“, erläutert Volker Michels, „ist für Hesse wie ein Aussatz, wer sich damit infiziert, sagt er, wird krank und tut unweigerlich das Verkehrte, denn eine unanständige Machtfülle verderbe die Menschen unfehlbar.“

Das Tausende Seiten umfassende Werk Hermann Hesses setzt den Destruktionen von gestern konstruktive Antworten für morgen entgegen – auch und gerade heute noch. „Statt der Mimikry an den Geist der Zeit bestärkt er den Mut zum unerschrockenen Denken, weil sich die Freuden der Aufrichtigkeit letztendlich als haltbarer erweisen“, formuliert Volker Michels und fügt hinzu: „Von der Literaturkritik hierzulande und nicht wenigen ihrer Papageien an den deutschen Universitäten wird Hesse für überholt und tot erklärt, unbekümmert darum, dass er so viel gelesen wird, wie kein anderer Autor seiner Generation. Allein in den letzten vierzig Jahren sind 25 Millionen seiner Bücher bei uns in Umlauf gekommen.“

Um die Gedichte des Nobelpreisträgers (1946) ging es im Vortrag Zauberformel mit Heilkraft, den Volker Michels drittelte und an den drei Hesse-Abenden anschloss.

Eine Grabinschrift, die Hermann Hesse im Alter von 30 Jahren aufschrieb, charakterisiert das Verhältnis des Schriftstellers zu Lyrik und Prosa: „Hier ruht der Lyriker H. Er wurde zwar als solcher nicht erkannt, dafür aber als Unterhaltungsschriftsteller stark überschätzt.“ Die Diskrepanz zwischen Hesses Drang zu schreiben und den Erwartungen der Leser ist kaum sinnfälliger zu beschreiben.

Etwa 1.400 Gedichte hat Hermann Hesse hinterlassen, 800 in fünfzehn verschiedene Gedichtsammlungen aufgenommen. Meist folgen den Gedichten Bücher, nehmen das kurz und prägnant formulierte – manchmal schnell und sofort vollendet notiert, oft wieder und wieder geprüft und geschliffen – auf.

Anzumerken ist, dass es vermutlich „unter den deutschen Dichtern des 20. Jahrhunderts keinen anderen gibt, der so häufig vertont wurde und wird wie Hermann Hesse“, äußert Volker Michels und schätzt die Zahl auf über 4000 Lieder.

Unter dem Titel Sagen Sie ja zu sich selbst! spracht Volker Michels über Hermann Hesse in seinen Briefen. Von den an ihn gerichteten Schreiben – zwei Drittel kamen von Menschen im Alter zwischen 15 und 35 Jahren – hat der Autor etwa 35.000 aufbewahrt; lediglich die interessantesten. Der Schriftsteller opferte die Hälfte seiner Zeit der Korrespondenz. Um diese Mengen an Zuschriften zu bewältigen, schreibt Hesse öffentliche Briefe, entwirft Standardantworten auf häufig gestellte Fragen. Er bestellt bei den Zeitungen, die diese Beiträge drucken, viele Belegexemplare, lässt Separatdrucke anfertigen. Es gibt etwa 200 Privatdrucke – heute begehrte Sammlerstücke.

Ab 1970 haben Hesses Sohn Heiner und das Ehepaar Michels begonnen, systematisch nach Antwortbriefen Hermann Hesses zu suchen, etwa 15.000 wurden gefunden – nicht einmal die Hälfte der beantworteten Zuschriften. Bislang wurden um die 3.000 Briefe veröffentlicht. Da bleibt der Forschung noch eine Menge zu tun.

Ohne Hermann Hesse gäbe es keinen Suhrkamp Verlag hieß der Titel des Abschlussvortrags.
Der junge Autor Hesse publizierte erste Bücher auf eigene Kosten. In Aus dem Briefwechsel eines Dichters schreibt er über die Schwierigkeiten eines Schriftstellers. “Es ist eine Posse über den Kulturbetrieb und seine Mechanismen, die sich bis auf den heutigen Tag kaum geändert haben“, erklärt Volker Michels.

20 Jahre, nach dem Peter Camenzind im S. Fischer Verlag Berlin erschienen war, gab der Verlag ab 1924 eine einheitlich ausgestattete fortlaufende Edition der Gesammelten Werke heraus. Zwischen Hermann Hesse und Samuel Fischer hatte sich ein herzliches Verhältnis entwickelt, der Autor schätzte die Zuverlässigkeit seines Verlegers.

1933 trat Peter Suhrkamp in den Verlag ein. Bei den Verhandlungen über einen neuen Vertrag 1934 gingen Hermann Hesse und S. Fischer, mittlerweile durch Gottfried Bermann Fischer und Peter Suhrkamp vertreten (Samuel Fischer starb am 15.10.1934), Kompromisse ein. Bevor Hesse unterschrieb, setzte er handschriftlich dazu: „Wird der Verlag durch höhere Gewalt (Staatsgewalt, Krieg, Inflation) an der Erfüllung seiner Verpflichtungen gegen den Autor gehindert, so ist der Vertrag auch für den Autor nicht mehr binden.“

Die Zeiten unter dem NS-Regime werden immer schwieriger, Ende 1935 fordert die Reichsschrifttumskammer die jüdische Familie Fischer auf, aus dem Besitz und der Leitung des Verlages auszuscheiden. Peter Suhrkamp gelang es, das Unternehmen vor der Enteignung zu bewahren. „Er erreichte eine Transfergenehmigung für die Autorenrechte der in Deutschland unerwünschten Verlagsautoren in die Schweiz und deren komplette Buchbestände (780.000 Bände mit einem Verkaufswert von 1,5 Mio. RM) nach Wien sowie eine finanzielle Entschädigung der Familie Fischer, die Gottfried Bermann Fischer später den Aufbau seiner Exilverlage ermöglichte“, erläutert Volker Michels.

Doch die Freigabe der Verlagsrechte von Hermann Hesse gestattete die Reichsschrifttumskammer nicht.

Hesse weigerte sich, das Formular des Reichsverbandes deutscher Schriftsteller zu unterzeichnen, worin sich ab 1934 alle Autoren, die künftig in Deutschland publizieren wollten, zur Loyalität dem NS-Regime gegenüber verpflichten mussten.

Peter Suhrkamp erwarb den Verlag unter finanzieller Beteiligung der Gesellschafter Philipp Reemtsma, Christoph Rathjen und Clemens Abs zu einer Kaufsumme von 240.000 RM als Entschädigung für die Familie Fischer und führte ihn ab Dezember 1936 als Kommanditgesellschaft weiter, informiert Volker Michels.

Hermann Hesse neigte 1936 dazu, sich aus dem Berliner Verlagshaus zurück zu ziehen, doch Peter Suhrkamp machte ihm deutlich, dass solch eine Entscheidung den Verlag in äußerste Gefahr bringen würde. Also bleibt Hermann Hesse dem Hause S. Fischer treu. Aber: Hesses Bücher wie auch alle anderen Publikationen des Berliner Stammhauses dürfen ab 1936 in keinem deutschen Buchhändlerverzeichnis mehr aufgeführt werden. Hesses Honorare werden auf Sperrkonten eingefroren, kritische Bücher dürfen nicht nachgedruckt werden.

1938 findet Gottfried Bermann Fischer in Stockholm Zuflucht bei dem Verleger Karl Otto Bonnier und erhält die Möglichkeit, einen neuen Exilverlag zu gründen. Hesse bleibt dennoch bei Peter Suhrkamp und verlängert seinen Vertrag erneut, „um Suhrkamps riskantes Experiment zu sichern, in Deutschland den letzten, nicht systemkonformen Verlag fortführen zu können“, begründet Volker Michels.
1942 wird die Druckgenehmigung für Das Glasperlenspiel verweigert, 1943 wird von der Gestapo der Spitzel Dr. Paul Reckzeh in den Verlag geschickt. Peter Suhrkamp wird verhaftet, im April 1944 wegen Hoch- und Landesverrats angeklagt, ihm droht die Hinrichtung. Dennoch überlebt er aufgrund bürokratischer Streitigkeiten knapp und wird in verschiedenen Lagern misshandelt. Schwer krank wird Peter Suhrkamp im Februar aus dem KZ Sachsenhausen entlassen.

Fünf Jahre nach Kriegsende, 1950, kam es zum Streit zwischen Bermann Fischer und Suhrkamp. Hesse ist entsetzt und schreibt am 14.4.1950 an Peter Suhrkamp: „Aber eine Lösung muß doch möglich sein. Oder sollen wir beide zusammen einen neuen Verlag anfangen?“ Der Vergleich zwischen Bermann Fischer und Suhrkamp führte am 1.7.1950 zur Gründung des Suhrkamp Verlags, dem Hesse nicht nur als Autor verbunden war, sondern auch als Programmberater und mit finanzieller Unterstützung zur Seite stand.

1951 kommt Siegfried Unseld in den Verlag, 1958 wird er zum Geschäftsführer, nach dem Tod Peter Suhrkamps am 31.3.1959 ist er alleinverantwortlich. Hermann Hesse schreibt ihm zum Auftrag des Verlegers: „Im Anpassen und im kritischen Widerstehen vollzieht sich die Funktion, das Ein- und Ausatmen des guten Verlegers. So einer sollen Sie sein.“

Im Februar 2005, fast 43 Jahre nach Hermann Hesses Tod und drei Jahre nach dem Tod Siegfried Unselds, konnte die 20-bändige Edition von Hesses Sämtlichen Werken, die 14.000 Seiten umfasst, abgeschlossen werden. „Die Konzeption und Realisierung dieses Projekts … wurde mir von Siegfried Unseld noch zwei Jahre vor seinem Tod anvertraut“, erinnert sich Volker Michels.

JF

Kommentare (0)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.