Hessen: Titel, Themen und kein Geld?

Carolin Callies, Björn Jager, Safiye Can

Der Hessische Literaturrat und hr2-kultur hatten in Kooperation mit dem Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst und der Katholischen Akademie Rabanus Maurus am Freitag, 23. September, zur Tagung und Lesung Literaturförderung in Hessen eingeladen.

Am Freitag Nachmittag gab es dazu zwei Diskussionsrunden im Haus am Dom in Frankfurt. Die erste informierte über Literaturförderung, in der zweiten stellten Vertreter von Literatureinrichtungen und Autoren ihre Sicht auf das Thema dar.

Podiumsteilnehmer der ersten Runde waren Elisabeth Volck-Duffy, Kultusministerium; Nicole Schlabach, Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen; Julia Cloot, Kulturfonds Frankfurt RheinMain; Sonja Vandenrath, Kulturamt Frankfurt und Susanne Lewalter, Kulturamt Wiesbaden und Leiterin des Literaturhauses Villa Clementine. Lisa Straßberger, Referat Literatur im Haus am Dom, moderierte.

„Wir haben ein Budget von 800.000 Euro im Jahr und fördern fünf Einrichtungen in Hessen, darunter den Literaturrat und das Hessische Literaturforum. 280.000 Euro stehen für Preise und Wettbewerbe, zwischen 5.000 und 30.000 Euro – das schwankt von Jahr zu Jahr – für Einzelprojekte zur Verfügung“, nannte Elisabeth Volck-Duffy Zahlen. „Veranstalter können Zuschüsse beantragen, doch das Ministerium unterstützt nur zu 50 bis höchsten 60 Prozent. Für Autoren gibt es den Robert Gernhardt Preis [mehr…] und ein kleines Arbeitsstipendium. Zugegebenermaßen ist die Beantragung ein kompliziertes Verfahren, aber wir helfen da gerne.“

„Wir wirken zusammen mit den Sparkassen, unterstützen Veranstaltungen, bei denen ein Funke überspringen soll. Mir fehlt das Wort ‚Temperament’ beim Titel dieser Tagung – denn darum geht es uns“, sagte Nicole Schlabach. Lese- und Literaturförderung gingen bei der Kulturstiftung ineinander über. Seit 2008 gibt es das Programm Ich bin eine Leseratte für Schüler der dritten bis sechsten Klasse in Hessen und Thüringen mit den Bibliotheken als wichtigste Partner. Die Reihe WortKlang wurde 2005 initiiert und bringt Lyrik und Musik zusammen.
„Anträge auf Förderung können nur von gemeinnützigen Trägern gestellt werden. Unser Jahresbudget wächst“, ergänzte Schlabach.

„Der Kulturfonds fördert exzellente und vernetzte Reihen zu Themenschwerpunkten. So wurden in den letzten acht Jahren 30 Literaturprojekte unterstützt. Der Kulturfonds initiiert auch selbst Reihen“, erklärte Julia Cloot. Er kooperiere mit Partnern und lege Wert auf regionale Strahlkraft der Projekte.
Das Gesamtbudget des Kulturfonds beläuft sich auf 6,2 Millionen Euro. „Wir können jedoch nur Projekte von Kommunen, die auch Mitglied des Kulturfonds sind, fördern“, unterstrich Cloot.

Susanne Lewalter erläuterte zunächst ihre Doppelfunktion; sie ist Mitarbeiterin des Kulturamts Wiesbaden, das Träger des Literaturhauses ist, und dessen Leiterin. „Wiesbaden hat eine aktive Buchhändlerszene, viele Literaturkreise und Literaturinteressierte. Buchhändler und Literaturvereine können die Villa Clementine für kleines Geld mieten. Wir loben ein Krimistipendium aus, das mit 4000 Euro und einer temporären Wohnung dotiert ist. Eine Jury entscheidet. Außerdem fördern wir die Poetik-Dozentur an der Hochschule Rhein-Main. Der Jahresetat für das Literaturhaus beträgt 280.000 Euro.“

„Förderung bedeutet Anerkennung und Gestaltung“, stellte Sonja Vandenrath fest. Deshalb sei auch die Ad-hoc-Förderung wichtig, die es ermöglicht, Projekte weiterzuführen. Zeitgenössische Literatur stehe im Mittelpunkt. 550.000 Euro stünden jährlich für die institutionelle Förderung zur Verfügung. „Unser Schwerpunkt liegt in der Projektförderung auf der freien Szene, für die nochmals 60.000 Euro zur Verfügung stehen“, äußerte Vandenrath und ergänzte: „Auch Scheitern muss möglich sein.“ Unter der neuen Frankfurter Kulturdezernentin Ina Hartwig soll das Frankfurter Autorenstipendium wieder aufleben.

Das zweite Podiumsgespräch bestritten Carolin Callies, Mitarbeiterin im Verlag Schöffling & Co. und Lyrikerin; Safiye Can, Lyrikerin; Hauke Hückstädt, Leiter des Literaturhauses Frankfurt; Björn Jager, Leiter des Hessischen Literaturforums im Mousonturm, und Helen MacCormac, Zweite Vorsitzende des Vereins Literaturhaus Nordhessen. Karoline Sinur, hr2-kultur, und Lisa Straßberger moderierten.

„Wir wollen im Gespräch beleuchten, wie der Literaturbetrieb in Hessen funktioniert und welche Rolle Geld dabei spielt“, leitete Karoline Sinur ein. „Geld ist immer ein Thema“, sagte Hauke Hückstädt, „die Stadt ist ein langjähriger Förderer des Literaturhauses, aber 60 Prozent der Aufwendungen müssen wir bei einem notwendigen Jahresetat von rund 750.000 Euro selbst aufbringen.“

„Die Pflege der Autoren ist dem Schöffling-Verlag wichtig. Die Autoren können nicht nur von den Buchverkäufen leben, deshalb sind Veranstaltungen notwendig. Und davon gibt es in Frankfurt viele“, äußerte Carolin Callies. Sie selbst organisiert die Reihe text&beat mit, die es seit 2011 jeden letzten Mittwoch im Monat gibt. text&beat will zwischen unterschiedlichen Künsten vermitteln.

„Wir sind ein Literaturveranstalter in Kassel – ohne festes Haus“, erklärte Helen MacCormac. Der Verein Literaturhaus Nordhessen werde mit 6.000 Euro jährlich gefördert, der Etat betrage 14.000 Euro im Jahr, davon werden 30 bis 40 Veranstaltungen auf die Beine gestellt. „Dazu sind viele Partner notwendig“, betonte MacCormac. Nur der Geschäftsführer des Vereins arbeite hauptamtlich, alle anderen seien ehrenamtlich tätig.

„Es stellt sich die Frage, wie man mit Lyrik überleben kann. In meinem Fall ist das möglich, weil ich außerdem als Schulkünstlerin, Übersetzerin und freie Mitarbeiterin einer Stiftung arbeite. Ich will zeitgenössische Lyrik vermitteln – da muss man bereits in der Schule anfangen“, meinte Safiye Can.

Auf die Frage, ob es junge Autoren leicht haben, schüttelte Björn Jager den Kopf: „Junge Autoren haben es nirgendwo leicht. Es ist ein steiniger Weg. Wir im Jungen Literaturforum Hessen-Thüringen begleiten die jungen Autoren über vier bis fünf Jahre. Aber nur wenige sind dabei, die sich profilieren können.“

„Müssen Autoren selbst aktiv werden?“, fragte Karoline Sinur. „Eine eigene Website, Visitenkarten und Facebook sind nicht verkehrt. Außerdem sollten Autoren an Wettbewerben teilnehmen und nie aufgeben“, antwortete Can. „Texte produzieren ist das eine, nach draußen gehen das andere. Ein Buch adelt und zieht nächste Schritte nach sich. Aber es ist keine Erfolgsgarantie“, äußerte Callies. „Nicht jeder Verlag kann sich große Werbung leisten. Man muss auch selbst etwas unternehmen, sich beispielsweise an Literaturzeitschriften wenden“, meinte Can. „Es ist tatsächlich so, dass sich Medien und Öffentlichkeit auf die ‚happy few’ konzentrieren, die anderen haben es schwer“, sagte Callies. „Das Hessische Literaturforum organisiert rund 40 Veranstaltungen im Jahr. Manchmal entwickelt sich etwas gemeinsam mit den Autoren. Im Jungen Literaturforum gibt es intensivere Beziehungen, wir bieten dort ein Podium“, fügte Jager hinzu. „Auch im Literaturhaus entstehen über die Jahre gute Beziehungen zu einzelnen Autoren. Wenn sich da Dinge entwickeln, ist das unschätzbar“, ergänzte Hückstädt.

„Es ist wichtig, ein Feedback nach den Veranstaltungen zu bekommen“, erklärte MacCormac. „Welche Rolle spielt denn das Publikum?“, hakte Lisa Straßberger ein. „Ohne Publikum geht gar nichts. Das ist gerade für unser Haus bedeutsam“, antwortete Hückstädt. „Manches Format findet zwar das Feuilleton schön, aber das Publikum sieht es anders. Grundsätzlich jedoch gibt es in Frankfurt ein großartiges und interessiertes Publikum.“ „Frankfurt ist außen vor, hier passiert sehr viel. Aber generell muss es wenigstens überall dort, wo Hochschulen sind, Angebote geben. Je regionaler der Blick wird, desto schwieriger sieht es in der Literaturlandschaft aus“, sagte Jager. Entweder man setze auf sichere Zugpferde, oder man könne und wolle nichts aufbauen – diesen Eindruck habe Jager. Sicher fehle es vielerorts an Geld, dennoch könne da eine gute Vernetzung helfen. „Literaturvermittlung ist keine Sache des Ehrenamts. Aber man kann mit vergleichsweise kleinen Summen viel erreichen und sollte mutig sein“, meinte Hückstädt.

„Was fehlt in Hessen?“, fragte Sinur zum Abschluss der Runde. „Ausgeglichenheit. Literatur ist ein Grundnahrungsstoff und müsste überall zur Verfügung stehen“, antwortete Hückstädt. „Rund 40 Kommunen nehmen am Projekt Literaturland Hessen teil – die Förderung darf nicht weniger werden“, wünschte sich Jager. „Es sollte mehr Veranstaltungen geben, bei denen Schüler Autoren treffen“, forderte Can.

Aus dem Publikum kam die Forderung, mehr Phantasie und mehr Experimente bei den Veranstaltungen zu wagen. „Kommen Sie doch am 26. Oktober zu text&beat – da geht es um Horrorfilm-Lyrik“, konterte Carolin Callies. An Breite und Vielfalt der Literaturveranstaltungen fehlt es in Frankfurt wirklich nicht – allein der Literaturkalender listet für September über 50 Events und ein Festival auf. Und das ist nur ein Ausschnitt.

Die Tagung war der Auftakt zur neuen Reihe Hinter den Worten: Literatur gestalten in Hessen des Hessischen Literaturrats.

JF

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