Indonesien – ein literarischer Genuss

Holger Warnk, Martin Maria Schwarz und
Purwanty Syarief Adnan

Unter diesem Titel fand gestern Abend in der Stadteilbibliothek Frankfurt-Rödelheim eine sehr gut besuchte Veranstaltung statt, eine Kooperation der Bibliothek, des Quartiersmanagements Rödelheim-West, des Indonesischen Generalkonsulats Frankfurt und des Fördervereins der Stadtbibliothek Rödelheim (FörSteR).

Im Fokus stand Indonesien, Ehrengast der diesjährigen Frankfurter Buchmesse. Als besondere Gäste konnten die Generalkonsulin Indonesiens, Wahyu Hersetiati, und der Minister Counsellor Rainer Louhanapessy begrüßt werden.

Brigitte Dinger, die gemeinsam mit Anja Tabor die Stadtteilbibliothek leitet, eröffnete den Abend, der mit einem beeindruckenden Tanz von Jeni ni Wayan auf das Thema einstimmte.

Die Generalkonsulin Indonesiens, erst seit fünf Monaten in Deutschland, begrüßte die Gäste auf Deutsch und wünschte der Veranstaltung, dass sie „den Appetit auf indonesische Literatur“ anregen möge.

Im Podium hatten der Südostasien-Experte und Lehrbeauftragte an der Goethe-Universität, Holger Warnk, Moderator Martin Maria Schwarz, hr2-kultur, und die seit vielen Jahren in Rödelheim wohnende, aus Indonesien stammende Purwanty Syarief Adnan, mit ihren Freundinnen für die kulinarische Seite des Abends verantwortlich, Platz genommen.
Übersetzer und Herausgeber Ulrich Sonnenberg stellte im Namen von FörSteR das Podium kurz vor.

„Wenn man hier in die Runde schaut, kann man die Meinung, dass Indonesien in Deutschland wenig bekannt ist, nicht teilen“, begann Martin Maria Schwarz das Gespräch. Im Publikum waren tatsächlich viele Menschen asiatischer Herkunft.
Während zunächst über die von den Frauen zubereiteten Häppchen („für diesen Abend sind sie in Rücksicht auf die Deutschen ohne Chili“, erklärte Adnan) diskutiert wurde, kam man schnell zum Thema Land und Leute. Im weltgrößten Inselstaat wohnen knapp 250 Millionen Menschen. „Ich liebe sowohl die Menschen als auch die Landschaft, bin lieber außerhalb der Touristenzentren Bali und Java“, sagte Holger Warnk. Der Regenwald sei zwar faszinierend aber aufgrund seine Schwüle kaum erträglich.

Man könne heute schon von einer indonesischen Identität sprechen, äußerte Warnk. Die 1945 gegründete und 1949 in ihrer Unabhängigkeit von den Niederlanden anerkannte Republik habe das Motto Einheit in Vielfalt. Trotz der zwischen 400 und 500 existierenden Sprachen habe die noch junge Literatur einen Beitrag zur Identität geleistet. „In Indonesien herrscht eine verhältnismäßige Harmonie, die den Bürgern wichtig ist“, erklärte der Experte. Zwar umfasse Indonesien die weltgrößte muslimische Bevölkerung der Welt, doch der indonesische Islam zerfalle in viele verschiedene Richtungen.
Auf sportlichem Gebiet sei den Menschen Badminton und die Kampfkunst Pencak Silat wichtiger als Fußball.

Die bekannte Touristeninsel Bali mit übrigens hinduistischer Religionsmehrheit habe es geschafft, sich gut zu vermarkten und trotzdem das Eigene zu bewahren.

Die erste literarische Kostprobe trug Martin Maria Schwarz vor; er las aus Erdentanz von Oka Rusmini, übersetzt von Birgit Lattenkamp, 2007 erschienen im Horlemann Verlag.
„In den letzten Jahren fällt auf, dass sich vor allem Frauen kritisch mit der indonesischen Gesellschaft auseinandersetzen. In den Büchern stehen starke Frauen eher schwachen Männern gegenüber. Doch trotz der Kritik am System spürt man den Stolz auf die Heimat“, erläuterte Warnk.

Es folgte ein Gedicht des Dramatikers Willibrordus S. Rendra, bekannt als WS Rendra, dessen Performances in den 1970er Jahren zu Massenveranstaltungen wurden und Tausende in die Stadien lockten. Holger Warnk konnte ihn auf seiner Lesereise durch Deutschland 2003 begleiten.

„Natürlich werden in Indonesien genau wie in Deutschland auch Comics angeschaut und Kitsch gelesen“, sagte Warnk. Es gebe etwa 80 Millionen Neuerscheinungen jährlich, um die 1400 Verlage. In den Buchläden finde man meist Schulbücher, nur in größeren Städten sei das Angebot breiter. Seriöse Bücher würden in einer Auflage von 1000 bis 2000 Exemplaren gedruckt – nicht eben viel bei der Bevölkerungszahl.
„Erstaunlich finde ich allerdings, dass die Analphabetenrate in einer relativ kurzen Zeit auf nunmehr sechs Prozent gesenkt werden konnte“, äußerte Warnk.

Abschließend folgte eine Passage aus Saman von Ayu Utami, übersetzt von Peter Sternagel, erschienen ebenfalls bei Horlemann 2005. Als der Roman 1998 wenige Wochen vor dem Sturz Suhartos in Indonesien erschien, war das Debüt der 29jährigen Autorin eine Sensation. „Sie hatte in einer Jugendsprache offen Tabuthemen angesprochen“, erläuterte Warnk.

Ob bis zur Buchmesse die Liste der aus indonesischen Sprachen übersetzten Bücher länger wird, sei schwierig zu beurteilen, meinte Warnk. „Viel hängt von einer guten Übersetzung ab. Aber in Deutschland gibt es kaum 50 gute Übersetzer aus diesem Sprachkreis“, wusste der Experte.

„Wenn jemand fragt, wann denn die Buchmesse mit dem Gast Indonesien beginnt, können Sie sagen, Sie seien am 8. Mai in der Stadtteilbibliothek Rödelheim dabei gewesen“, meinte Martin Maria Schwarz scherzhaft zum Abschluss. Nach dem offiziellen Teil konnten die Besucher bei weiteren Häppchen und Getränken noch miteinander plaudern.

JF

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