Literature goes Rock: Im Leipziger Haus des Buches präsentierten „die horen“ Lesung und Live-Musik

Publikumsmagnet „die horen“ in Leipzig

Die Idee war ebenso riskant wie prachtvoll: Die Redaktion der „horen“ hatte 52 Autorinnen und Autoren eingeladen, in einer Form ihrer Wahl über irgendeinen Song ihrer Wahl zu schreiben. Im aktuellen Band der Zeitschrift (Nr. 230) mit dem Titel „Klangspuren. Sounds & Soundtracks“ sind diese Texte versammelt. Aber beinahe noch prachtvoller war die Idee, die Literatur zusammen mit der Musik zur Aufführung zu bringen.

Das sah das notorisch verwöhnte Leipziger Publikum offenbar genauso, denn lange vor Beginn der Veranstaltung am vergangenen Freitag war das Literaturcafé im Haus des Buches weit über den letzten Platz hinaus besetzt. Eine Auswahl von fünf Beiträgern trug dort Gedanken zu ihrem jeweiligen Lieblingssong vor. Die Leipziger wurden nicht enttäuscht.

v.l.: Thomas Brussig, Hans-Ulrich Treichel, Uwe Kolbe, Monika Rinck, Andrea Heuser

Nach einer launigen Anmoderation des „horen“-Herausgebers Jürgen Krätzer äußerte sich als Erster Hans-Ulrich Treichel zu seinen frühen musikalischen Prägungen. Die erstaunte Zuhörerschaft erfuhr, dass sich der subtile Lyriker, Erzähler und Professor am hiesigen Literaturinstitut einst vom nervtötenden „Surfin’ Bird“ der protopunkigen Trashmen verzaubern ließ. Thomas Brussig wiederum erklärte, warum er Lutz Kerschowskis „Weiß nicht viel“ Sam Cookes Originalversion „What a Wonderful World“ („Don’t know much about history…“) vorzieht. Andrea Heuser berichtete von einem einschlägigen Erlebnis mit Gentle Giant, Monika Rinck überforderte das Publikum gezielt mit hermetischen Erörterungen zu Bruce Springsteen (und allerlei anderem), und Uwe Kolbe lieferte eine ebenso profunde wie Witz sprühende Auslegung von „Sympathy for the Devil“. Schließlich erzählte Josef Haslinger, wie seine Initiation in die Welt des Rock ausgerechnet durch einen Zisterziensermönch erfolgte, der ihn mit Deep Purples „Child in Time“ bekannt machte.

Nach allem ist bemerkenswert, dass kein einziger Autor – auch nicht im Heft – sich zu den Beatles bekannt hat. Nur Uwe Kolbe wies in seiner Stones-Apotheose süffisant darauf hin, dass sich die Zeile in „Sympathy for the Devil“: „And I laid traps for troubadours / Who get killed before they reached Bombay“, sich auf die gerade auf dem Eso-Tripp befindlichen Pilzköpfe bezieht.

Das war ganz schön viel für einen Abend. Trotzdem hatte die ganze Veranstaltung so gut wie keinen Durchhänger. Denn selten sind Rock und Literatur eine so zündende Liaison eingegangen. Das lag nicht allein am Esprit der Schriftsteller. Die Coverband „24 Lovesongs“ mit Cornelius Ochs (Piano, Gesang), Hannes Scheffler (Gitarre) und Friedrich Hentze (Schlagzeug) setzte ihre Zuhörer immer wieder geradezu unter Strom. Ob „School Days“ von Gentle Giant oder „Sympathy for the Devil“, die Jungs spielten so fulminant, dass es das mehrheitlich eher gesetzte Auditorium mehr als einmal buchstäblich von den Sitzen riss.

Wenn es darum geht, die traditionelle „Wasserglaslesung“ aufzulockern und literarische Veranstaltungen für ein breites Publikum attraktiv zu machen, stellt eine solche Kombination von Lesung und Musik eine nachgerade ideale Lösung dar. Freilich muss man es auch mit den beteiligten Autoren und Musikern so glücklich treffen wie an diesem Abend die „horen“-Herausgeber in Leipzig.
Olaf Schmidt

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