Literaturhaus Frankfurt: Nadelstiche in das VLB

Podium der 1. „Backlist“

Gestern Abend begann im Literaturhaus Frankfurt die neue Veranstaltungsreihe Backlist, initiiert vom Literaturhaus-Leiter Hauke Hückstädt und unterstützt vom ZVAB.

Die Reihe, die mit dem Autor Gert Hofmann eröffnet wurde, tritt damit der Frontlist-Kultur der Gegenwart entgegen und würdigt herausragende Bücher, die weiterhin von den Verlagen geführt werden, von der Öffentlichkeit jedoch weitgehend unbeachtet bleiben – zu unrecht.

Gäste der ersten Veranstaltung, die von Hauke Hückstädt moderiert wurde, waren der Verleger und Chef des Carl Hanser Verlags Michael Krüger, der Cheflektor bei Mohr Siebeck, Henning Ziebritzki, und der Schauspieler Martin Wuttke.

Die Stühle in der Bibliothek in der ersten Etage reichten kaum aus, für die vielen Interessierten mussten weitere herbei geschafft werden.

„Die Backlist kann als Nadelstich in das VLB bezeichnet werden“, formulierte Hauke Hückstädt zu Beginn des Abends, zu dem er auch die Witwe des Autors, Eva Hofmann, die Tochter Susanne und das Enkelkind begrüßen konnte.

Im dem Literaturhaus angeschlossenen Lesezirkel waren Hofmanns Romane gelesen wurden, so dass ein fachkundiges Publikum zuhörte.

Am 29. Januar wäre der 1931 im sächsischen Limbach geborene Gert Hofmann 80 Jahre alt geworden. Er studierte Germanistik, Romanistik, Anglistik und Slawistik, wechselte 1951 mit seiner Frau von Leipzig nach Freiburg im Breisgau, promovierte mit 26 Jahren über Henry James und arbeitete seit 1961 als Germanistik-Dozent in den USA, in Mexiko und in Jugoslawien.
Das Werk des am 1. Juli 1993 verstorbenen Autors umfasst 19 Monografien und Romane, 9 Theaterstücke und 45 Hörspiele. 1979 erhielt Hofmann den Ingeborg-Bachmann-Preis, 1982 wurde er mit dem Alfred-Döblin-Preis geehrt.

Michael Krüger, der 1943 im nur 50 Kilometer von Limbach entfernten Wittgendorf geboren wurde, hatte Gert Hofmann 1988 in Ljubljana kennen gelernt, als erstes Buch erschien im gleichen Jahr Vor der Regenzeit bei Carl Hanser. Der Kinoerzähler (1990), Tolstois Kopf (1991), Das Glück (1992) und Die kleine Stechardin (postum 1994) folgten.
Die Zusammenarbeit gründete sich auf einen anerkennenden Brief, den Michael Krüger nach einer Lesung des Schriftstellers an Gert Hofmann gerichtet hatte. Der Verleger las aus der Korrespondenz einen lakonischen Brief Gert Hofmanns vor, der einen eigenartigen Zugang zu einem Thema schildert, an dem der Autor dann wie ein Besessener arbeitete und verschiedene Fassungen schrieb, stets in einem eigentümlichen Ton, der schließlich zu einem ausgefeilten eigenen Stil wurde. Ein komplizierter Schaffensprozess wird sichtbar. „Gert Hofmanns Bücher wirkten wie ein Kunstprodukt in der Literatur, die das nackte Leben haben wollte“, stellte Michael Krüger fest.

Henning Ziebritzki, der nicht als Cheflektor, Lyriker und Essayist sprach, sondern als verehrender Leser, war vom Stil, Ton und von der Erzählperspektive Hofmanns angezogen. Die Werke Hofmanns sind für ihn von Vehemenz und Glaubwürdigkeit durchdrungen, es sind von allen Unwesentlichkeiten entschlackte Texte.

Aus dem 1985 erschienenen Buch Der Blindensturz las anschließend Martin Wuttke.

Michael Krüger verwies auf einen an ihn gerichteten Brief der Hanser-Lektorin Felicitas Feilhauer, in dem sie sich beklagte, dass Vor der Regenzeit vom Buchhandel abgelehnt wird. Der Autor müsse ins Fernsehen oder brauche einen tollen Preis, am besten beides, dann verkauften sich die Bücher besser. Eine aufschlussreiche Bemerkung.

Weiter erläuterte Michael Krüger: „Gert Hofmann war ein sehr guter Leser von Kafka, das merkt man. Er schrieb parabelhaft, das wollte man damals nicht. Gegenwärtige Geschichten waren gefragt, nicht stilsichere Intensität.“ Gert Hofmann lieferte in seinen Büchern das Gegenteil vom Gängigen. Aber er behandelte die alleraktuellsten Themen. Seine große Kunstfertigkeit verhinderte, dass Gert Hofmann ein populärer Autor wurde. Ähnlich ging es Reinhard Lettau.

Dennoch sind Erfolge zu nennen, so wurde Der Kinoerzähler verfilmt, viele seiner Bücher wurden – ins Englische von seinem Sohn Michael – übersetzt. Das Unverwechselbare des Autors wurde wohl im Ausland eher erkannt.

Dem Gespräch folgte ein Text, vorgetragen von Michael Krüger, über das Schriftstellersein des Autors, den der Verleger so deutet: Hier kommen zwei Haltungen zutage, die sich fast widersprechen. Zum einen ergehe es Hofmann wie Kafka, er überlässt sich dem Thema, das auf ihn zutreibt. Andererseits gibt es dem Schriftsteller innewohnende Geschichten, die geschrieben werden müssen.

Noch einmal las Martin Wuttke, diesmal aus Das Glück.

Henning Ziebritzki sprach als Liebhaber der Bücher über Gert Hofmann und erzählte, warum ihn gerade Das Glück und Die Fistelstimme fesselten. Gert Hofmann wurde oft mit Thomas Bernhard verglichen, allerdings fiel diese Gegenüberstellung immer zu ungunsten Gert Hofmanns aus.

„Wahrscheinlich bräuchten wir eine ganze Gert-Hofmann-Woche“, gestand Hauke Hückstädt. Zum Abschluss der fast zweistündigen ersten Backlist war noch einmal Martin Wuttke mit einer Passage aus Auf dem Turm zu hören.

JF

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