Literaturstadt Frankfurt? Podiumsdiskussion mit Zwischenrufen im Literaturhaus

Maria Gazzetti, Joachim Unseld, Jürgen Boos, Holger Ehling, Felix Semmelroth, Alf Mentzer, Matthias Göritz (v.l.n.r.)

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Frankfurter Verlegergespräche“ hatte Holger Ehling am Dienstagabend zu einer Podiumsdiskussion unter dem Thema „Literaturstadt Frankfurt“ ins Literaturhaus eingeladen. Vor viel Publikum stellten sich Maria Gazzetti, Programmleiterin des Literaturhauses, Joachim Unseld, Verleger der Frankfurter Verlagsanstalt, Jürgen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse, Felix Semmelroth, Kulturdezernent der Stadt Frankfurt, Alf Mentzer, Leiter der Literaturredaktion hr2 und Matthias Göritz, Schriftsteller, dem von Holger Ehling moderierten Diskurs.

Scherzhaft antwortete Matthias Göritz auf die Frage, warum er aus seiner Heimatstadt Hamburg nach Frankfurt gekommen sei: „Ja, der vielen ‚G’s wegen: Goethe, Gernhardt, Göritz…“ Nein, zunächst sei er der Liebe wegen in die Mainmetropole gezogen und habe hier schnell Zugang zu literarischen Kreisen gefunden. Außerdem ist Frankfurt mit seinem Bahn- und Flugdrehkreuz ein guter Ausgangspunkt für Reisen in alle Welt.

Joachim Unseld unterstrich die Wertigkeit von Frankfurt als Verlagsstandort. Sicher gibt es Städte mit mehr Verlagen – in Frankfurt sind es etwa 160 ernst zu nehmende – allein die Qualitätsverlage, die großen Häuser, befinden sich hier. Dabei spielt natürlich die Buchmesse eine herausragende Rolle. Er warnte davor, den Buchmessestandort Frankfurt in Frage zu stellen, denn wenn diese Messe erst einmal in Deutschland umzieht, ist ihr Weg ins Ausland nicht mehr weit.

Zum Messeort Frankfurt bekannte sich natürlich auch Jürgen Boos. Hier gibt es nicht nur den notwendigen Platz und Raum, hier gibt es auch Jahrhunderte alte Traditionen. Und die Buchmesse kann sich hier immer wieder neu erfinden.

Zwar dauere die Buchmesse nur fünf Tage, strahle aber aufs ganze Jahr aus, bekräftigte Felix Semmelroth und ergänzte, dass es neben der Messe zahlreiche Organisationen und Institutionen gäbe, die sich mit Literatur und Kunst befassen. „In Frankfurt gibt es den intellektuellen Humus. Das ist kein Kunstrasen, der sich einfach verpflanzen lässt.“

Zustimmung kommt von Maria Gazzetti: „Frankfurt hat eine große Dichte an Verlagen, Schriftstellern, Journalisten und ist selbst Stoff für Literatur geworden. Das ist ein Phänomen.“ Sie hofft, von dieser Dichte nicht allzu viel an die Hauptstadt, die einen ungeheuren Sog besitzt, abgeben zu müssen. Die entscheidende Frage allerdings heißt: Was macht die Jugend? Bleibt sie oder zieht es sie fort?

Alf Mentzer findet eine literarische Diskussionskultur abseits der großen Ereignisse wie der Buchmesse schwierig. Wichtig wäre es, der Frage nachzugehen, wie sich die Literatur an der Stadt abarbeite. Frankfurt dürfe nicht zur literarischen Transitstadt werden.

Für die Förderung vor allem junger Autoren plädiert Matthias Göritz: „Hessen ist als Autoren-Förderland nicht so toll“, zieht er Bilanz.

Eine lebendige Literaturszene bedeute engagierte Buchhandlungen, Cafés und eine entsprechende Spiegelung der literarischen Ereignisse in den Medien, meint Maria Gazzetti. Hier gebe es viel Nachholbedarf. „Wo wohnen die Emotionen?“, fragt sie, „das müssen wir herausbekommen und publizieren“.

Eine Subkultur fehlt, stellte Jürgen Boos fest. Auf seinen Einwand, dass diese vielleicht in Offenbach zu finden sei, erntet er empörte Zwischenrufe aus dem Publikum.

Joachim Unseld erinnerte an die Zeit nach dem Mauerfall. Da war Frankfurt unheimlich attraktiv: Hier gab es tolle Fassaden, hohe Bankentürme, Geschäftigkeit. Literarisch allerdings ist wichtig, was hinter den Fassaden passiert. „Ich glaube, es gibt in Frankfurt keine Bohème. Die Brüche in Berlin sind andere. Aber entsteht nicht große Literatur in den Autoren selbst?“ Provozierend stellte er die These auf: „Ist Frankfurt nicht die Stadt, die im Beruf (als Schriftsteller) am wenigsten behindert?“

„Frankfurt ist die Stadt der Literaturvermittlung“, konstatierte Jürgen Boos. Felix Semmelroth fügte an, dass Frankfurt mehr Reibungspunkte biete als andere große Städte. Hier waren die 68er aktiv, hier entstand die Frankfurter Neue Schule.

Holger Ehling fragte: „Braucht Frankfurt ein Literaturfestival wie lit.COLOGNE?“ Joachim Unseld verneinte. Im Ballungsraum Rhein-Main mit etwa fünf Millionen Einwohnern gibt es eine Vielzahl von Organisationen und Institutionen, die wiederum eine Unmenge von Veranstaltungen auf die Beine stellen. Allein zur Buchmesse gibt es über 3 500 Veranstaltungen, sie selbst ist ein Riesenevent. Jürgen Boos sprach an dieser Stelle von einem Wahrnehmungs- und Profilproblem. Es müsse mehr kommuniziert werden, um alle Events dem Publikum nahe zu bringen.

„Mir wird das ganze zu harmonisch“, meldete sich Moderator Holger Ehling. „Ist in Frankfurt in Sachen Literatur wirklich alles in Ordnung?“ „Wir sind doch nicht hier, um Frankfurt schlecht zu machen“, warf Joachim Unseld ein. Maria Gazzetti nahm den Faden auf und weist auf Probleme hin: „Es wird immer schwieriger, ausländische Autoren zu ihren Premieren nach Frankfurt zu bekommen“. So gingen die Verlage mit ihren Autoren lieber in andere Bundesländer, wo in Funk und Fernsehen mehr Sendezeit zur Verfügung gestellt wird. Das Publikum stimmte zu und Peter Heusch formulierte drastisch: „Der Hessische Rundfunk hat abgebaut in Sachen Literatur!“ Auch Holger Ehling stellte fest: „Die Medienszene ist nicht literaturfreundlich.“
Auf die Wichtigkeit guter Partnerschaften ging Jürgen Boos ein. Der Einfluss der Buchhandelsketten wächst, aber Lesungen werden dort kaum organisiert. Erneut meldete sich Peter Heusch aus dem Saal zu Wort: „Es stellen sich doch folgende Fragen: Wird zu wenig publiziert oder gibt es zu wenig Interesse bei den Menschen?“

Arno Lustiger, ebenfalls aus dem Publikum, ergriff das Wort und forderte einen Ort für den Gedankenaustausch, zum Beispiel ein ansprechendes Café auf der Zeil. Nachgedacht werden sollte auch über ein Nachbuchmesse-Festival, denn die Autoren seien ja da. Joachim Unseld reagierte: Leider sei Frankfurt nicht Wien bezüglich der Kaffeehauskultur. Felix Semmelroth stimmte dem vorbehaltlich zu, macht jedoch auf ein anderes Problem aufmerksam: Es gibt immer weniger literarische Buchhandlungen in Frankfurt.

Literaturveranstaltungen publikumswirksam zu publizieren ist eine Schlüsselfrage der Diskussion. So fragt Holger Ehling: „Warum gibt es zum Beispiel keine Plakate mit aufgelisteten Lesungen? Wir haben Kinoplakate und Musikplakate. Für den literarischen Bereich gibt es das nicht!“

Zum Abschluss des interessanten Abends formulieren die Podiumsgäste ihre Wünsche. Maria Gazzetti kann sich gut vorstellen, dass die Straßenbahnhaltestelle nicht nur „Heilig Geist“ heißt, sondern mit dem Zusatz „Literaturhaus“ versehen wird. Und eine bequeme Ost-West-Verbindung der Frankfurter Verkehrsbetriebe sollte es geben. Joachim Unseld wünscht sich weiter ein offenes Ohr bei den Stadtvätern für neue Ideen sowie die Unterstützung inhabergeführter, engagierter Buchhandlungen.
Das literarische Leben in Gang zu bringen sei besser als Lesungen im Hörfunk zu übertragen, äußert Alf Mentzer. Jürgen Boos wünscht sich, dass die 12 000 Journalisten, die jährlich die Buchmesse besuchen, nicht schon am Freitag wieder abreisen, sondern das Wochenende noch in der Stadt bleiben, um diese kennen zu lernen und dann besser über die Messe im Stadtkontext berichten zu können. „Meine Ohren sind offen, meine Hände, so gut ich kann“, verspricht Felix Semmelroth.

JF

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