Literaturveranstaltungen zwischen Performance und Wasserglaslesung

Sonja Vandenrath, Adrienne Schneider, Alf Mentzer,
Susanne Lewalter, Hauke Hückstädt

Gestern Abend fand in der Evangelischen Stadtakademie in Frankfurt eine Podiumsdiskussion unter dem Titel Literatur veranstalten statt.

Moderator Alf Mentzer, hr2-kultur, sprach mit Hauke Hückstädt, Literaturhaus Frankfurt, Susanne Lewalter, Literaturhaus Wiesbaden, Adrienne Schneider, Literaturhaus Darmstadt], und Sonja Vandenrath, Leiterin Fachbereich Literatur beim Kulturamt der Stadt Frankfurt.
Veranstalter des Abends war der Kulturfonds Frankfurt RheinMain, der seit einem Jahr das Kulturleben der Region mit spartenbezogenen Gesprächsrunden begleitet.

Zu Beginn wollte Alf Mentzer wissen, was in den Literaturhäusern gut gelungen sei. „Die bevorstehende Veranstaltung ist für mich immer die spannendste“, sagte Adrienne Schneider. Außerdem wolle sie für das Stadtschreiberfest in Bergen werben – diese Großveranstaltung in einem Zelt sei etwas Besonderes. „2012 fand im Literaturhaus Darmstadt ein Abend mit Nino Haratischwili statt. Ich hatte sie eingeladen, weil mir das Buch gefiel – dem Publikum ging es ebenso. Und der Erfolg der Autorin hält an.“

„Wir haben anlässlich der Herausgabe des Taschenbuchs nehmen sie mich beim wort ins kreuzverhör zu den Vorlesungen der Wiesbadener Poetikdozentur 2010 ein Fest veranstaltet, das richtig gut gelang“, berichtete Susanne Lewalter.

Sonja Vandenrath erzählte von einer Diskussion zwischen Thomas Hettche, Ulrich Peltzer und Ernst Osterkamp, die im Rahmen eines Festivalkongresses zur Romantik 2013 stattfand. „Das Gespräch hat Hettche beim Schreiben der Pfaueninsel beeinflusst. So etwas ist doch toll.“

„Als Veranstalter sind wir Anwalt der Autoren“, stellte Hauke Hückstädt seiner Antwort voran. Manchmal liege es an Kleinigkeiten oder Missverständnissen, wenn etwas nicht klappt – beispielsweise die Anwesenheit eines „sauteuren“ Übersetzers, der schließlich gar nicht gebraucht wurde.
Andererseits gibt es Glücksfälle. So hatte Hückstädt den Regisseur Dominik Graf zu seinem Film Die Sieger eingeladen. Der Film war gefloppt, aber aus dem Gesprächsabend mit Stefan Stosch wurde ein Buch: Verstörung im Kino, 1998 erschienen im Wehrhahn Verlag.
„Manches lässt sich nicht wiederholen, wie beispielsweise der Abend mit Martin Becker und Schorsch Kamerun zum Thema Väter im November 2014“, fügte Hückstädt hinzu.

„Ist die einfache Wasserglaslesung tot?“, fragte Mentzer weiter. „Das kommt auf das Buch und den Autor an“, äußerte Lewalter. „Unser Programm lebt von der Vielfalt, und natürlich soll es eine Orientierung hin zu neuen Formen geben.“

Schneider organisierte für den Suhrkamp Verlag zuletzt rund 3000 Lesungen jährlich. „Zu meiner Zeit wollten die Autoren, die ja oft autistisch arbeiten, nur das Buch vorstellen und das Honorar kassieren. Und das alleine, ohne einen Moderator“, konstatierte sie. Allerdings gab es auch andere Erfahrungen, wie bei dem Gesprächsabend zwischen Mario Vargas Llosa und Daniel Kehlmann 2009, der alle begeisterte. „Man muss auf jeden Fall die Autoren einbeziehen und fragen, was sie sich vorstellen“, betonte Schneider.

„In einem moderierten Autorengespräch gibt es, wenn es gut läuft, einen Mehrwert, der über eine Lesung hinausgeht“, ist sich Vandenrath sicher.

„Vielleicht sprechen wir zurzeit zu viel, überall wird getalkt“, entgegnete Hückstädt. Als Moderator könne man sich zwar vorbereiten, aber Gespräche bergen auch Risiken. Das sollte man wissen, aber nicht davor zurückschrecken. Außerdem gilt es zu überlegen, ob das Publikum einbezogen werden soll oder nicht. Bei offenen Gesprächsrunden besteht die Gefahr quälender Selbstdarstellungen, die der Moderator nur schlecht unterbrechen könne. In solchen Fällen wünschte sich Hückstädt mehr Selbstregulierung seitens des Publikums.

Um thematische Veranstaltungen drehte sich die nächste Gesprächsrunde. Schneider äußerte, dass in Darmstadt die Programme immer thematisch konzipiert seien. „Das kommt gut an und hat den Vorteil, dass man auch ältere Bücher ins Spiel bringen kann“, ergänzte sie.

„Unsere Festival-Themen schaffen eine Struktur und ermöglichen Dichte. Gleichzeitig sind sie weite Korsette“, meinte Vandenrath.

Mentzer stellte die kürzlich erhobene Forderung von Alexander Skipis, dass Literatur politischer werden müsse, in den Raum. „Hysterien sollten vermieden werden. Andererseits sind politische Autoren nicht oft auf den Podien der Literaturhäuser vertreten. Darüber sollten wir nachdenken“, erklärte Hückstädt. „Autoren sollten nicht durch die Bank politisiert werden“, meinte Vandenrath.
„Es hat auch damit zu tun, wie der Ort Literaturhaus im Umfeld wahrgenommen wird“, sagte Lewalter und plädierte dafür, dass die Häuser verschiedene Aufgaben übernehmen und Dinge hinterfragen sollen. „Es geht auch darum, wie das Publikum erreicht werden kann“, ergänzte Schneider.
„Man kann in Fragen der Politik in der Literatur vielleicht von der DDR lernen, von den Autoren, die ihre Bücher gerade so durchbrachten und veröffentlichen konnten und die Kritik, die damals sehr wohl verstanden wurde, zwischen den Zeilen versteckten“, gab Hückstädt zu bedenken.
Einig war man sich darüber, dass es politische Autoren gibt. Gerade jetzt ist die öffentliche Aufmerksamkeit hoch. „Die Houellebecq-Lesung in Köln ist letztendlich gescheitert, weil die Erwartungen viel zu hoch waren“, fügte Vandenrath an.

„Wie erreichen die Literaturhäuser ein junges Publikum?“, wollte Mentzer abschließend wissen. „Ich habe ein reges älteres Publikum. Natürlich möchte ich gerne auch junge Leute ansprechen. Also gehe ich in die Hochschulen. Ein Versuch“, sagte Schneider.
„Tendenziell sind die Leute 50 plus“, stellte Lewalter fest, „aber wenn man Literatur und Musik mischt, kann man noch andere erreichen.“
„Ich mag keine Beschimpfung der 50 plus-Generation“, erklärte Hückstädt. Er regte außerdem an, dass Schüler mit ihren Lehrern nicht nur ins Theater gehen sollten, sondern auch ins Literaturhaus.
„Die Orte sind wichtig, eine intakte Clubszene zieht junge Leute an. Vielleicht sollte man mehr Wert auf die Inszenierung von Räumen legen“, überlegte Vandenrath.
„In Bezug auf Literaturhäuser sind Repräsentanz und eine funktionierende Technik entscheidend. Bühnenbilder spielen leider keine Rolle“, entgegnete Hückstädt. „Vielleicht ist schon der Name ‚Literaturhaus’ nicht sehr anziehend für junge Leute“, warf Schneider ein.

Ein Fazit kam von Hückstädt: „Wir sollten alle mehr Mut haben.“

JF

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