Mainz: Wie entstehen schöne Bücher?

Karin Schmidt-Friderichs

Ein Mainzer Verlag zu Gast in einer Mainzer Buchhandlung – passt. Gestern Abend erzählte Karin Schmidt-Friderichs, die mit ihrem Mann Bertram Schmidt-Friderichs den Verlag Hermann Schmidt führt, in der Buchhandlung Erlesenes & Büchergilde von ihrer Arbeit.

Das Interesse war groß, die Buchhandlung voll. Inhaberin Silke Müller, die den Laden vor knapp einem Jahr übernommen hatte, begrüßte die Gäste. Karin Schmidt-Friderich hatte auf einem Tisch viele Bücher aus ihrem Verlagshaus mitgebracht.

„Gerne gebe ich die Bücher ins Publikum, dann können Sie besser verstehen, wovon ich rede“, erklärte Schmidt-Friderichs und begann mit der ersten Geschichte zum Buch Mut zum Skizzenbuch von Felix Scheinberger, 2009. „Er brachte uns sein Skizzenbuch mit wirklich schönen Arbeiten. Aber wir wollten nichts Perfektes vorlegen, sondern eher anregen. So entstand dieser Titel. Die Zusammenarbeit hat viel Spaß gemacht.“

Inzwischen ist das Buch in der fünften Auflage erschienen. „Und nach der ersten Veröffentlichung sollte es weiter gehen. So kamen wir zum Projekt Wasserfarbe für Gestalter.“ Zunächst habe der Verlag zwei Monate damit verbracht, um alle Argumente gegen Wasserfarbe zu entkräften. Doch das sei gar nicht notwendig gewesen; die Aquarell-Antipathie war längst verschwunden. Aber wie sollte der Titel aussehen? „Das wurde beim Spaghetti-Essen entschieden und war eine ziemlich verrückte Idee: Felix Scheinberger sollte jedes der 3000 Bücher mit einem exklusiven Aquarell versehen“, berichtete Schmidt-Friderich. Eine Buchbinderei fand diese Idee so absurd und gleichzeitig genial, dass sie ein altes, ausrangiertes Förderband zur Verfügung stellte; einer bestückte das Band, Scheinberger malte, eine weitere Person nahm die Bücher herunter. Das Problem: Sie mussten so gestapelt werden, dass die Farbe trocknen konnte. „Sehr fragile Pyramiden entstanden“, erinnerte sich die Verlegerin an diese spezielle Arbeit, die erstmals 2011 erledigt wurde. Das Buch erreichte bislang drei Auflagen. „Die Arbeit ist inzwischen zum Ritual geworden“, bemerkte Schmidt-Friderichs.

Zu den meisten Autoren hat der Verlag mit dem Aldusblatt im Logo ein persönliches Verhältnis, man trifft sich vor Ort in Mainz, bespricht die Projekte, kommt gemeinsam zu Resultaten, die alle begeistern. Das kleine, aber feine Editionshaus ist für seine schönen Bücher seit 24 Jahren bekannt, viele dieser Bücher über Typografie, Grafikdesign und Kreativität wurden ausgezeichnet.

„Geht nicht der Trend immer mehr zum Handgemachten?“, fragte eine Besucherin. „In der Tat hat Print, vor zehn Jahren schon beinahe totgesagt, ein neues Selbstbewusstsein und ein neues Wertgefühl bekommen. Das ist natürlich auch für uns eine warme Welle“, antwortete Schmidt-Friderichs. „Trotzdem stellen wir uns die Frage, ob jedes Projekt ein gedrucktes Buch werden muss.“

„Wir merken ebenfalls, dass das Interesse am gut gemachten Buch steigt. Gerade junge Leute interessieren sich dafür“, ergänzte Silke Müller, die in ihrem Geschäft außerdem von Katja Meyer, Ursula Lewis und Mareike Schneider unterstützt wird.

„Wo liegt denn die Grenze zwischen Herzblutprojekten und Ökonomie?“, wollte ein Besucher wissen. „Es gibt bei uns so einen Spruch: Machen, aber in der Auflage eins. Wenn wir von einem Projekt nicht voll und ganz überzeugt sind, stellen wir uns drei Fragen: Macht das Buch reich? Macht es berühmt im Sinne von Stärkung der Marke? Macht es glücklich? Mindestens zwei dieser Fragen müssen bejaht werden“, plaudert die Verlegerin aus dem Nähkästchen. „Wir leben nicht nur für den Verlag, wir leben auch von ihm“, stellte sie klar und ergänzte: „Noch nie ist ein von uns abgelehntes Buch dann in einem anderen Verlag erschienen.“

Experimentiert wird viel im Verlag. Beispielsweise mit Kreativität aushalten/Psychologie für Designer von Frank Berzbach, erstmals erschienen 2010. „Wir haben über den Text gesprochen, der uns zunächst zu fachspezifisch erschien. Als das klar war, haben wir Buchbinderisches getestet, runde oder scharfe Ecken für die Broschur, verschiedene Papiergewichte, Lesebändchen. Aber Sonderwünsche kosten natürlich extra, und die Buchbinderei muss davon überzeugt werden, das Wünsche umsetzbar sind“, erläuterte Schmidt-Friderichs.

Lange gesucht wurde nach einem Einbandmaterial für Die Kunst ein kreatives Leben zu führen, ebenfalls von Frank Berzbach. „Es war ein Irrsinn, wir hatten zig Dummies, bevor wir bei einem Täschner das richtige Material fanden, eine Art Brandsohle, wie sie bei Schuhen verwendet wird“, erzählte die Verlegerin. Die Gestaltung mit eingerückten Zitaten bringe bei Änderungen jeden Layouter zum Wahnsinn, weil sich alles verschiebt.

Wie ist das mit der Gestaltung? Wer übernimmt das im Verlag? „Das ist ganz unterschiedlich. Manche Autoren haben ziemlich feste Vorstellungen davon, wie ihr Buch aussehen soll. Andere sind sich unschlüssig. Wichtig ist, dass Inhalt und Form stimmen. Einen miesen Charakter schön anzuziehen, bringt am Ende nichts. Bei Büchern ist das genauso“, schilderte die Verlegerin.

Eine wortwörtlich zündende Idee hatte der Verlag Hermann Schmidt mit To Do: Die neue Rolle der Gestaltung in einer veränderten Welt von Florian Pfeffer: Der Einband besteht aus Lederfaserresten. Und an ihm lässt sich ein Streichholz entzünden – das führte Karin Schmidt-Friderichs live vor. „Aber Veganer kaufen das Buch nicht, und empfindliche Nasen stört der Duft nach Leder“, sagte die Verlegerin zu den Nachteilen dieses Buches. Daran hatte man vorher nicht gedacht.

Natürlich geht im Verlag nicht alles glatt, gibt es Fehllieferungen, lange Wartezeiten, Unwägbarkeiten bei der Herstellung. Es kann von einem Dreivierteljahr bis zu fünf Jahren von der Idee bis zum fertigen Buch dauern.

In der anschließenden gemütlichen Runde musste Karin Schmidt-Friderichs noch viele Fragen beantworten. Klar wurde: Schöne Bücher zu machen ist aufwändig, kostet viel Zeit und Nerven und manchen Urlaub, ist weit mehr als ein Job. Aber es macht auch verdammt viel Freude.

JF

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