„Mit scharfem Blick und feinem Ohr“ – In München trafen sich Übersetzer, Lektoren und Kritiker

„Als sie die Richtung verloren hatten, beschleunigten sie das Tempo“ – mit diesem übersetzten Zitat aus einer Erzählung von Mark Twain eröffnete Katrin Lange (Foto) vom Literaturhaus München am vergangenen Freitag eine Tagung zur Sprach- und Übersetzungskritik, zu der rund 150 Teilnehmer gekommen waren (s.a. unsere Bildstrecke am Ende der Meldung).

Gemeinsam mit Katharina Raabe, Lektorin im Suhrkamp Verlag für osteuropäische Literatur, hatte Katrin Lange ein Programm unter dem Motto „Mit scharfem Blick und feinem Ohr – Von der Sprachkritik zur Übersetzungskritik“ organisiert, das bereits am Vorabend mit einem Vortrag des Übersetzers, Publizisten und Kritikers Joachim Kalka begonnen hatte: Seine „Erinnerung an die Sprachkritik“ (heute in gekürzter Form in der SZ abgedruckt) gab zum einen Einblick in die Geschichte der Sprachkritik. Zum anderen fragte sich wohl mancher Zuhörer, ob man sich im Redaktionsalltag eigentlich noch oft genug an die Sprachkritik erinnert – und ob einem die Übersetzungskritik überhaupt einfällt. Ein Thema, für das man dann einen ganzen Tag lang Zeit hatte.

Thomas Brovot, Übersetzer aus dem Spanischen, Leiter verschiedener Übersetzerwerkstätten und Vorsitzender des Deutschen Übersetzerfonds e.V., gab unter dem Titel „Wir sind so frei“ einen Einblick in die Sprachkritik unter Übersetzern. Literarisches Übersetzen erfordere lebenslanges Lernen, betonte er, und beschrieb seine Beobachtung, dass sich in den vergangenen Jahren beim Übersetzen der Fokus von der Ausgangssprache immer mehr auf die Zielsprache verschoben habe. Ein interessanter Ansatzpunkt für die Diskussion, ob Literaturkritiker ohne Kenntnis der Ausgangssprache überhaupt in der Lage sein könnten, eine Übersetzung zu beurteilen.

An mehreren Beispielen zeigte Brovot: „Wir müssen mit den Möglichkeiten unserer Sprache arbeiten.“ Der Spielraum, den ein Übersetzer („Wir sind so frei“) dabei habe, kennzeichnete er mit zwei möglichen Reaktionen bei der Betrachtung einer Übersetzung: „Warum schreibst du nicht einfach, was da steht?“ oder „Du kannst doch nicht einfach schreiben, was da steht.“

Wenn „es“ nun einmal dort steht, befassen sich Literaturkritiker damit. Und, soviel war von Anfang an klar, sonst hätte es die Tagung wohl nicht gegeben, die Übersetzer sehen sich in der Literaturkritik häufig ignoriert, unterrepräsentiert oder falsch beurteilt. Burkhard Müller, Autor und Literaturkritiker bei der Süddeutschen Zeitung, führte die Probe aufs Exempel vor. Drei Wochen lang vor der Tagung hatte er die Feuilletons von SZ, FAZ, NZZ und ZEIT auf ihren Umgang mit Übersetzungen hin analysiert.

Sein Ergebnis: Etwa die Hälfte der Kritiken gehen mit keinem Wort auf die Übersetzungen ein. Immerhin werde in der Regel aber der Übersetzer bei den bibliographischen Angaben genannt (was, wie sich später herausstellte, doch in erster Linie bei belletristischen Werken geschieht, die Übersetzer von Sachbüchern hingegen fallen sehr viel schneller unter den Tisch). Ein genauerer Blick auf die in den anderen 50 Prozent stattfindende Betrachtung der Übersetzung offenbarte, was unter „normaler Übersetzungskritik“ in den Feuilletons verstanden werden könnte: Eine im Stil von „wunderbar übersetzt“ oder „geschmeidige Übersetzung“ häufig in Paranthesen, Relativsätzen oder Klammerungen gesetzte, lobende Erwähnung des Übersetzers mit wenig aussagekräftigen Adjektiven. Zeilen, die beim Redaktionsschluss häufig riefen: „Kürz mich!“, womit die Texte dann nahtlos in die erwähnte erste Hälfte der Kritiken übergehen.

Müller führte auch Beispiele für „nachlässigen Tadel“ an: Fälle, in denen Übersetzungsleistungen als „enttäuschend“ oder „nicht immer sattelfest“ bezeichnet werden, ohne dies mit Beispielen zu belegen. Einige wenige detailliertere Auseinandersetzungen hatte Müller aber auch ausgemacht: Z.B. die SZ-Rezension des ehemaligen USA-Außenkorrespondenten Andrian Kreye über „Cash“ oder die FAZ-Kritik von Andreas Platthaus über die Neuübersetzung von Dantes „Göttlicher Kommödie“. Ein Beleg also, in dem die eigene fremdsprachliche Erfahrung im Ausland eine Rolle spielen dürfte und einer, in dem es um einen Text geht, der eine lange Übersetzungsgeschichte aufzuweisen hat, die zu Vergleichen einlädt.

Was aber sind die Ursachen für solch einen mehrheitlich recht unbekümmerten Umgang mit Übersetzungsleistungen? „Die Beschäftigung mit Übersetzungen bedeutet mehr Arbeit“, gab Müller zu Bedenken und führte das schlechte Zeilenhonorar für Kritiker an, ein Schicksal, das von manchem Übersetzer nachvollzogen werden konnte und gerade deshalb nicht so richtig gelten mochte. Dann schon eher der Hinweis darauf, dass Übersetzer Spezialisten und Kritiker Generalisten seien („Wir haben auch anderes zu besprechen“). In der doppelten Verpflichtung zum Buch wie zum Publikum jedoch seien Übersetzer und Kritiker letztlich auch wieder Geschwister.

Elke Schmitter, die die Thematik aus der Perspektive der Journalistin, der übersetzten Autorin sowie basierend auf eigenen Übersetzungserfahrungen von Gedichten aus dem Englischen betrachtete, führte das veränderte Berufsbild von Journalisten vor: Aus fünf Berufen seien inzwischen einer geworden, eine ähnliche Verdichtung, wie sie in den Lektoraten der Verlage zu beobachten sei. Bewusst sei ihr aber das Missverhältnis zwischen der oft monate-, manchmal jahrelangen Arbeit von Übersetzern an einem Text und dem einen, möglicherweise schnell hingeschriebenen Satz in einer Kritik.

Dass Fehler auch bei sorgfältigster Arbeit passieren können, führte sie an einem Textbeispiel aus der eigenen Feder vor: Bei „Frau Sartoris“, 2000 im Berlin Verlag erschienen, hätten sie und die Verlegerin Elisabeth Ruge sich den Luxus erlaubt, sich den Romantext gegenseitig dreimal laut vorzulesen. Dennoch sei ihr in einer Szene ein Continuity-Fehler überlaufen, der von 15 Übersetzern auch so in andere Sprachen übertragen worden sei.

In drei Workshops wurde das Thema anschließend vertieft. Einblick in ihre Arbeit und Anregungen für die Arbeit von Übersetzern, Lektoren und Kritikern gaben Frank Heibert, Übersetzer aus dem Englischen, Französischen, Italienischen und Portugiesischen, die freie Lektorin und Übersetzerin Stephanie von Harrach, Jürgen Dormagen, Verantwortlicher für das Lateinamerika-Lektorat im Suhrkamp Verlag, Kristina Maidt-Zinke, freie Literatur- und Musikkritikerin sowie Übersetzerin aus dem Schwedischen, und Reinhard Brembeck, Musikkritiker der SZ.

Eine von der Italianistin, Autorin und freien Literaturkritikerin Maike Albath moderierte Podiumsdiskussion sammelte schließlich noch einmal Meinungen zum Stellenwert der Übersetzungen in der Literaturkritik ein. So hatte es einem Workshop geheißen, dass die klassische Sprachkritik in der Literaturkritik nicht mehr so gefragt sei, die Redaktionen seien eher interessiert an Geschichten, Verkaufsempfehlungen und Autorenporträts.

Maike Albath bestätigte den Eindruck, dass Redaktionen in erster Linie Neuerscheinungen zur Rezension verteilten. Darunter seien nun mal auch viele mittelmäßige Texte, die sich zu einer Übersetzungskritik nicht unbedingt eigneten. Joachim Kalka gab zu Bedenken: „Wer sich als Kritiker nur mit den Neuerscheinungen beschäftigt, die ihm zugeworfen werden, hat ja keine Ahnung.“

Stefan Zweifel, Publizist, Übersetzer und Journalist, regte an, bei schwindendem redaktionellem Platz in den Printausgaben die Übersetzungskritik ins Internet zu verlagern. (Wo sie ja ebenfalls honoriert werden müsste.) Ein Punkt, an dem sich Studentinnen aus Düsseldorf zu Wort meldeten, die mit www.relue-online.de eine Rezensionszeitschrift zur Literaturübersetzung im Netz anbieten. Für Kritiker, so eine weitere Anregung von Stefan Zweifel, könnten Verlage den Service leisten, eine vom Übersetzer ausgewählte Passage im Original und in der Übersetzung auf der Verlagswebsite zugängig zu machen.

Wolfgang Falkner, Sprachwissenschaftler am Institut für Englische Philologie an der LMU, wo er auch im Aufbaustudiengang „Literarische Übersetzung aus dem Englischen“ unterrichtet, bot die Mithilfe seiner Studenten bei der Beurteilung von Übersetzungen an. Eine schlechte Erfahrung von Kristina Maidt-Zinke hätte beinahe den Schlusspunkt gebildet: Auf den Podiums-Wunsch nach Kritikerpersönlichkeiten antwortete sie mit einer Erfahrung aus einem Seminar mit Germanistik-Studenten: Zur Heranreifung einer Kritikerpersönlichkeit gehöre schließlich die Auseinandersetzung mit Kritiker-Vorbildern. Sie habe jedoch ihre Studenten kaum dazu motivieren können, mal eine Weile die Feuilletons zu lesen. Da sei bereits ein Cut zu erkennen, und den Wunsch nach künftigen Generationen von Kritikerpersönlichkeiten könne man möglicherweise einfach zu den Akten legen. Das Zitat von Swetlana Geier, das Übersetzer Andreas Tretner in seinen abschließenden Worten zur Tagung anführte, war zwar in einem anderen Zusammenhang angeführt, passt aber ganz gut hierhin: „Wenn der Kopf ab ist, wird man um die Mütze nicht weinen.“

Eine Tagung, viele offene Fragen. Bleibt noch eine Idee, die im Laufe der Tagung diskutiert wurde: Wie wäre es, wenn Kritiker mal einem Übersetzer-Seminar teilnähmen? Denn eines hat man im Münchner Literaturhaus „mit scharfem Blick und feinem Ohr“ in jedem Fall feststellen können: Wenn man sich die Zeit nimmt, einander zuzuhören, wachsen Verständnis und Achtsamkeit für die Arbeit des anderen. Mit etwas Entschleunigung könnte man einen besseren Weg finden.

Susanna Wengeler

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