Mutige Verleger gesucht

Lutz Kliche, Sergio Ramírez, Héctor Tobar,
Insa Wilke

Das zweitägige Festival Literaturtage Mittelamerika in Frankfurt am Main [mehr…] begann am Freitag, 24. Januar, im Literaturhaus mit einer Podiumsdiskussion.

Im voll besetzten Lesesaal diskutierten der Übersetzer, Lektor und Literaturvermittler Lutz Kliche, der mehrfach ausgezeichnete Autor Sergio Ramírez aus Nicaragua, der Autor und Journalist Héctor Tobar, als Sohn guatemaltekischer Einwanderer in Los Angeles geboren, und die Literaturkritikerin Insa Wilke.

Gastgeber Hauke Hückstädt begrüßte die Autoren aus Mittelamerika sowie die Freunde der Literatur dieser Region. Sonja Vandenrath vom Kulturamt der Stadt Frankfurt bedankte sich bei allen Litprom-Mitarbeitern für die Organisation der dritten Literaturtage und betonte, dass dieses kleine Festival zu den wichtigsten Projekten in der Stadt gehöre. Mittelamerika werde in den vielen unterschiedlichen Veranstaltungen aus anderer Sicht beleuchtet: „Was die Fernsehbilder über diese Region verschweigen, erzählen die Bücher.“

Messedirektor Juergen Boos verwies darauf, dass Lateinamerika erstes Schwerpunktthema des 1976 ins Leben gerufenen Ehrengastprogramms der Frankfurter Buchmesse war. Einer seiner Vorgänger, nämlich Peter Weidhaas – er saß im Publikum –, initiierte das Programm.

Litprom-Geschäftsführerin Anita Djafari betonte: „Die Literaturtage sind etwas für ein Publikum, das sich anregen lässt“. Dass dies gelingt, zeigten die beiden Vorgänger-Veranstaltungen mit jeweils hohen Teilnehmerzahlen.

Auf die Frage von Insa Wilke, wie Sergio Ramírez, der von 1984 bis 1990 auch Vizepräsident Nicaraguas war, Politik und Schreiben verbunden habe, antwortete der Autor, dass dies zwei verschiedene Dinge seien.

Héctor Tobar ist stolzer Einwohner seiner Geburtsstadt Los Angeles, ohne seine Wurzeln zu verleugnen. Immer wieder sind lateinamerikanische Emigranten Thema in seinen Büchern, besonders illegale Einwanderer und ihr Schicksal werden beschrieben.

Lutz Kliche wurde von Ernesto Cardenal, zwischen 1979 und 1987 Kulturminister in Nicaragua, beauftragt, das Verlagswesen des mittelamerikanischen Landes aufzubauen. „Es war ein gemeinsames Projekt“, ergänzt Kliche. Heute gebe es in Nicaragua eine ganze Reihe von Verlagen.

Deutlich wird in der Diskussion: Über Mittelamerika kann man nicht sprechen, ohne die USA und ihren Einfluss zu erwähnen. Die USA verhinderten eine Integration der Staaten Mittelamerikas. Die Grenze zwischen den USA und Mexiko werde immer undurchlässiger, dennoch versuchten nach wie vor viele Menschen, diesen Sicherheitszaun zu überwinden. Das gelänge Büchern weitaus besser.

Gibt es eine mittelamerikanische Nationalliteratur? Sergio Ramírez findet den Begriff schwierig, da die Länder der Region sehr unterschiedlich seien. Er beobachte zudem, dass die amerikanische Kultur in Mittelamerika imitiert werde und sieht das als eine große Gefahr auch in ökonomischer Hinsicht.

Während der Revolution Ende der 1970er Jahre in Nicaragua empfing das Land weltweite Solidarität. „Vielleicht wurde auch manches romantisiert“, bemerkt Ramírez. „Aber wir sind damals nicht nur zum Kaffee pflücken nach Nicaragua gefahren, wir wollten auch einen Austausch der Kulturen“, entgegnet Kliche. „Heute sind die Ideale andere, immer stärker greift Individualismus um sich“, stellt Ramírez fest.

„Die Vielfalt existiert noch und sollte bestehen bleiben. Man muss der ‚Dampfwalze USA’ etwas entgegen setzen“, äußert Kliche. Den großen globalen Konzernen müsse man widerstehen.

Die Verlage in Deutschland forderte Lutz Kliche auf, mehr Mut zu haben, Autoren aus Mittelamerika zu publizieren und zum Kulturaustausch beizutragen.

Für die Übersetzung der Diskussion sorgten Elisabeth Müller und Jochen Plötz.

JF

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